Indische Mulligatawny-Suppe in einer Schüssel; © dpa/Zoonar.com/Bernd Jürgens
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Suppenklassiker aus "Dinner for One" - Mulligatawny Soup

"Mulligatawny Soup" ist vielleicht nicht für alle ein Begriff, aber sicher für Fans des Silvester-TV-Klassikers "Dinner for One". Die Suppe, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Begegnung von indischen Aromen und Gewürzen und britischen Essgewohnheiten entstanden ist, eröffnet das Festessen der betagten Miss Sophie und auch die Stolperserie, die der ebenso betagte Butler beim Auftragen der Menügänge veranstaltet. Das Rezept, von dem verschiedene Varianten kursieren, trifft auch den heutigen Geschmack.

Miss Sophie: "I am particularly fond of mulligatawny soup, James."

James: "Yes, I know you are!"

Genau so wie das Tigerfell, gegen das Butler James immer wieder stolpert, steht die Suppe mit dem indischen Namen für die britische Kolonialzeit. Das Wort Mulligatawny, "Pfefferwasser", stammt aus der tamilischen Sprache. Die scharfe, flüssige Suppe kam in Südindien und in Sri Lanka zusammen mit anderen Speisen auf den Tisch, wie in der indischen Küche üblich. Dem englischen Gaumen angepasst, als gehaltvolle Vorsuppe, wurde Mulligatawny zu einem beliebten Gericht unter britischen Beamten und Händlern, die in Indien lebten.

Im Laufe der Zeit kamen andere Zutaten wie Kokosnuss, gelbe Linsen und Curcuma dazu, die dem Rezept zusätzlichen exotischen Flair verleihen sollten, obwohl es nichts Derartiges in der traditionellen tamilischen Küche der Zeit gab. Kulturelle Aneignung? Bestimmt, und der Export von Kolonialgütern wie u.a. Gewürzen war alles andere als fair.

Aromen und Gewürze aus den damaligen Kolonien

Sicher stand die Suppe auch für den verständlichen Versuch, die fade englische Küche der Zeit mit Aromen und Gewürzen aus den damaligen Kolonien zu verbessern. Die Geschichte der Mulligatawny Soup ist aber auch ein Zeugnis dafür, dass sich alle Küchen der Welt durch die Begegnung mit anderen Esskulturen geöffnet, verändert und teilweise bereichert haben. So ist auch Lust für die Küche der anderen entstanden, und aus den domestizierten Versionen ist die Neugier auf die oft viel schärferen und geschmacklich viel fremdere Originalgerichte entstanden.

Wobei sich vermeintliche Originalrezepte im Laufe der Zeit selbst verändert haben, auch durch neue Zutaten: Ein Beispiel dafür sind die scharfen Chilis, die bis zum 16. Jahrhundert in Indien unbekannt waren aber dann, von portugiesischen Händlern eingeführt, zum festen Bestandteil der vielen Küchen des Subkontinentes geworden sind.

Mit Kürbis oder Linsen

Belegt ist die Mulligatawny Soup erst 1845, im ersten modernen englischen Kochbuch von Eliza Acton. Über das Leben der bürgerlichen Autorin, die eigentlich Dichterin war aber nur als Kochbuchautorin einen Verlag finden konnte, erzählt im Detail ein Roman, der jetzt auch auf Deutsch erschienen ist: "Miss Elizas englische Küche" von Annabel Abbs. Angeblich soll Miss Acton die Suppe nach der Begegnung mit einem reichen Gewürzhändler getestet haben, der vor ihr von der aromatischen indischen Küche geschwärmt hatte. Das Rezept war so wie die anderen in ihrem Kochbuch "Modern Cookery for Private Families" eher für Haushalte gedacht, die zwar auf gute Küche Wert legten, aber nicht die Mittel hatten, um sich mit teuren Zutaten abzudecken. Dies in einer Zeit, die Charles Dickens' in seinen Romanen beschreibt, als sich die Schere zwischen Reichen und Armen immer mehr öffnete.

Ein unendlich variantenreiches Rezept

Die Küche der Bourgeoisie war frankophil und immer verschwenderischer, während an die Tafel der weniger Bemittelten fast nur noch minderwertige Lebensmittel kamen. So sind im Rezept keine frischen Kokosnüsse und keine Mandeln enthalten, eher einheimische Gemüsesorten wie Kartoffeln, Kürbis oder Zucchini, mit etwas Currygewürz, Pfeffer und Worcestersauce abgeschmeckt und mit Reis angedickt.

Bei den unzähligen Mulligatawny-Rezepten, die heute kursieren, sind Zutaten wie Linsen, Kokosnussmilch, Hühnchen, Kräuter und Gewürze nach Geschmack hinzugekommen. In der Version mit den orangenen Dal-Linsen ist die Suppe bei vielen von uns wahrscheinlich schon mal auf den Tisch gekommen, auch ohne Vorwissen um deren Geschichte.

Die Grundlage für die Suppe ähnelt eher in der Grundzubereitung dem, was man bei uns oft vereinfachend als "Curry" bezeichnet und mit Reis serviert wird. Möge die eigens zubereitete Suppe am Ende wenig mit der Mulligatawny Soup zu tun haben, der Vorteil liegt auf der Hand: Das Rezept kann unendlich variiert werden, nach eigenem Geschmack, und kann auch in größeren Mengen auf Vorrat zubereitet werden. Vorausgesetzt, der Feinschliff mit den frisch gerösteten Gewürzen erfolgt erst kurz vor dem Servieren. Darauf hätte Miss Actons Gewürzhändler und verfehlter Ehemann absolut bestanden!

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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