Cafe Pirouette © Thomas Platt
Thomas Platt
Bild: Thomas Platt

Ukrainische Küche in Prenzlauer Berg - Restaurant "Cafe Pirouette"

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Im Süden der Schönhauser Allee existiert mit dem Café-Restaurant "Pirouette" ein Lokal mit typischer ukrainischer Küche. Sie ist eher dem häuslichen Kochen verpflichtet als gastronomischer Routine und vor allem eins: grundsolide und sättigend. Mit dem Speisen kommt der Gast auch der Geselligkeit und dem Mut eines Landes näher, das seit dem russischen Überfall schwer zu leiden hat.

Draußen vor der Türe lädt eine Schiefertafel zu Eiergerichten. "Oma‘s Kuss" steht ganz oben, Rührei mit Schinken auf ukrainisch, noch vor Eggs Benedict und Shakshuka. Während die beiden letzteren bereits Produkt einer Anpassung an die großstädtischen Verhältnisse sein dürften, deutet die Zärtlichkeit der Großmutter auf eine Familientradition außerhalb der Gastronomie. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich in dem geräumigen Ecklokal niedergelassen hat.

Hier kennen sich alle – selbst die, die sich nicht kennen

Während das Ambiente, das fröhlich zwischen Lounge, Café und Restaurant changiert, zu einem Gutteil noch vom Vorbesitzer zu stammen scheint, besteht das Publikum aus Leuten, auf die man weder in Mitte noch im Prenzlauer Berg so leicht stößt. Freundliche und ruhige Leute, die sich von der teilweise hektischen Geschäftigkeit des Umfelds nicht anstecken lassen. Es ist ein bisschen so, als würde man den neuen Nachbarn, die aus der Ukraine gekommen sind, zunächst nur einen Höflichkeitsbesuch abstatten.

Doch nach einer kurzen Weile ist man in die Familie aufgenommen, allerdings auf diskrete Weise. Alle kennen sich – selbst die, die sich nicht kennen. Zudem knüpft der sehr freundliche Service ein Band. Aber es sind die Speisen, die verbinden. Bis auf die frischen Austern und die Bowl "Fouetté" mit Avocado, Hummus, Walnuss, Chilisauceund Belugalinsen erinnern sie an Gerichte der häuslichen Küche hierzulande, von der in der Praxis nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Cafe Pirouette © Thomas Platt
Bild: Thomas Platt

Eine Löffelspeise, die nicht fehlen darf ...

Eine Borschtsch darf hier nicht fehlen. Entgegen der Erwartung ist sie mild angelegt und, was den Salzgehalt angeht, beinahe fad. Allerdings wird zu ihr ein voluminöser Brotzeitteller gereicht, der die aus Bete, Bohnen, Kartoffel, Karotten, natürlich Weißkohl und Sauerrahm bestehende Suppe fast beiseite drängt. Dicke Speck- und Schinkenscheiben, rote Zwiebeln und Gewürzgurken bilden eine Jause wie sie rustikaler kaum sein könnte. Im Mittelpunkt des Tellers steht ein Schälchen mit Salz, ein deutlicher Hinweis, dass man auch mit dem sogenannten Gewürz der Armen nach Gusto, vor allem aber vorsichtig umgehen sollte. In der Suppe wirkt sich sein zurückhaltender Einsatz nach ein paar Löffeln äußerst positiv aus. Denn die zarten, von erdig bis süß reichenden Gemüsearomen kommen zum Vorschein und bilden einen schön abgerundeten Gesamtgeschmack – und plötzlich versteht man, warum diese mit Dill bestreute Löffelspeise so beliebt ist.

Wareniki in vielen Variationen

Über mangelnden Zuspruch brauchen sich Teigtaschen sowieso nicht zu beklagen. Wareniki, die ukrainischen Verwandten von Ravioli und Tortellini, gibt es hier mit diversen Füllungen. Sauerkraut, gehacktes Rindfleisch und Kartoffel mit Pilzen ragen heraus, weil sie den hausgemachten Teig von beachtlicher Stärke, genug natürliche Kraft entgegensetzen können, ohne dabei allzu sehr auf Knoblauch und Pfeffer zurückgreifen zu müssen. Man sollte vielleicht bedenken, dass auch die Pasta in Italien längst nicht derart mit Aroma befrachtet wird, wie das bei uns der Fall ist. Lediglich zerlassene Butter und Sauerrahm vervollständigen dieses frugale Nationalgericht der Ukraine. Auch wer kein allzu großer Freund von geschwollenem Teig ist, wird ihm hier die Sympathie kaum versagen wollen. Sättigend sind die Portionen allemal.

Cafe Pirouette © Thomas Platt
Bild: Thomas Platt

Khorytsa-Wodka gegen leichtes Missbehagen ...

Das dürfte beim Schaschlik vom Huhn schon anders sein. Da fällt es schwer, einem grob zerteilten, kurz aufgewärmten Brathuhn, das mit Tiegeln voll Ketchup und Mayonnaise serviert wird, mit Vergnügen zuzusprechen. Die gesellige Atmosphäre und vielleicht noch ein Khorytsa-Wodka fangen das Missbehagen ab, bevor es sich ernsthaft ausbreiten kann – so wie es unter neuen Nachbarn sein sollte. Diese Pirouette dreht sich nicht nur um sich selbst.

Thomas Platt, rbbKultur

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