Die Fischfabrik; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

In Berlin-Prenzlauer Berg - "Die Fischfabrik"

Bewertung:

Der Name mag andere Bilder hervorrufen, aber das Fischbistro an der lauten Danziger Straße mutet klein und ansprechend an, mit seiner geschmacksvollen maritimen Deko und den wenigen Holztischen, die direkt vor dem Tresen stehen. Eine kleine Auswahl an ganzen Fischen, Filets oder Meeresfrüchten liegt auf Eis in einer Vitrine, zum Verkauf oder als Grundlage für Gerichte, die meist vor den Gästen frisch zubereitet werden. Begleitet von Weißwein oder Bier lassen Spezialitäten wie Bouillabaisse, gegrillter Tintenfisch und Venusmuscheln in Weißwein sogar an einem grauen Winterabend Urlaubsstimmung aufkommen.

Von der Größe her könnte "Die Fischfabrik“ eher als Imbiss gelten. Allerdings ist die Qualität weitaus anspruchsvoller als bei den vielen kleinen Schnellrestaurants, die die Danziger Straße säumen.

Die kleine Auswahl an sehr frischem Fisch bei stetem Laufpublikum sorgt dafür, das kaum etwas liegen bleibt: vielmehr kann es passieren, dass manche Gerichte schnell ausverkauft sind. Dass ausgerechnet dieser Laden es schafft, seit 2010 zu bestehen, trotz der vielen Schwierigkeiten, die die Gastronomie in Berlin so kompliziert macht, spricht für eine zuverlässige Qualität, die sich herumgesprochen hat.

Klug ist auch das zweigleisige Angebot: feine Gerichte zum Aperitif oder zum Abendessen, Fish’n‘Chips und Hamburger in vielen Variationen – mit Lachs, Thunfisch oder anderen Fischsorten, für den schnellen Mittagstisch oder für das junge Ausgehpublikum, das abends etwas Gehaltvolles und Schmackhaftes braucht, jenseits von Döner und Currywurst.

Die Fischfabrik; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Aus der Karte oder nach Wunsch

Auf der Tageskarte stehen Klassiker wie die provenzalische Fischsuppe Bouillabaisse mit Aioli, mit geröstetem Baguette serviert, ebenso wie gemischte Fischplatten, Heringsvariation mit Salat und Bratkartoffeln, gegrillter Octopus, Miesmuscheln, Lachstatar oder Austern auf Eis.

Das freundliche Betreiberpaar hinter dem Tresen ist aber für individuelle Wünsche offen. Auf Nachfrage werden auch Nudelgerichte mit Fisch zubereitet, ebenso wie Sushi und Sashimi frisch geschnitten und zusammengestellt. Wir haben Bouillabaisse, Vongole (kleinere Venusmuscheln) in Weißwein und gegrillte Mini-Tintenfische bestellt, beides schlicht, dennoch perfekt zubereitet und gewürzt, dass sowohl die Konsistenz als auch das Aroma voll zur Geltung kommen. Auch die Bouillabaisse war ausgeglichen gewürzt, der köstliche Fisch daran gekonnt gegart, so dass die Stücke nicht zerfallen sind.

Von Austern auf Eis bis zu Fish’n‘Chips

Bis auf die gemischten Fischplatten und auf die Streetfood-ähnlichen Angebote Fish and Chips und Fischhamburger sind die Portionen eher klein, und ich könnte mir vorstellen, dass die Preise einigen zu hoch vorkommen, als man in so einem kleinen Lokal erwarten würde (ca. 16 Euro die Bouillabaisse, 7 bis 13 Euro die Vorspeisen). Aber Berlin liegt bekanntlich weit weg vom Meer und von den wichtigsten Umschlagplätzen für Frischfisch, und wer Ware in guter Qualität anbieten will, muss beim Einkauf mehr ausgeben - erst recht, wenn es sich um einen Einzelladen handelt, der nur kleine Mengen ankaufen kann.

Die allgemeine Steigerung aller Kosten in den letzten Jahren macht es ohnehin nicht einfach für kleine Gastronomieunternehmen, auf dem Markt zu bestehen. So erklärt sich auch, warum so viele neuen Restaurants nach wenigen Monaten wieder schließen müssen.

Die Fischfabrik; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Qualität hat ihren Preis

Die Preise in der „Fischfabrik“ mögen wie gesagt beim ersten Blick unangemessen vorkommen bei der Größe der Portionen. Aber letztendlich sind Fischportionen auch in größeren Restaurants oder Pizzerien nicht größer und nicht günstiger, und die informelle, unkomplizierte Stimmung in diesem kleinen Laden wirkt auf mich viel einladender als in Dutzenden gehobener Fischrestaurants.

Wünschenswert wäre, dass über die aktuellen Rahmenbedingungen in der Gastronomie nachgedacht wird, bevor ein Urteil über hohe Preise gefällt wird. Diese müssen ja nicht nur kostendeckend sein, sondern auch die Mühe um Qualität und Frische der Lebensmittel und die Kompetenz im Umgang damit belohnen. Letztendlich ist Fisch eine immer knapper werdende Ressource, die lieber selten, dafür aber in bestechender Qualität genossen werden sollte. Und die, wie in diesem Fall, für einen Augenblick maritime Stimmung hervorrufen kann - selbst an der rauen Danziger Strasse, die ja bekanntlich nicht am Meer liegt.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Süßkartoffel © imago-images.de
imago-images.de

Gesund, schnell zubereitet & äußerst beliebt - Die Süßkartoffel

Wie jedes Jahr meldet sich in diesen Monaten bei vielen von uns der gute Vorsatz zurück, gesünder zu essen. Ob Hafer, Avocado, Gurke oder Grünkohl: bestimmte Lebensmittel werden immer wieder als vermeintliches "Superfood" gepriesen. Süßkartoffeln sind allerdings selten dabei, obwohl sie vor Vitaminen und Mineralien protzen. Die Vorsilbe "süß" täuscht womöglich darüber hinweg, dass sie kalorienarm sind, dafür reich an Ballaststoffen und mit ihrem niedrigen glykämischen Index eignen sich viel besser für Diäten als Kartoffeln selbst. Sie bringen Farbe und Geschmack in herzhafte Gerichte, in Salate, Rohkost und sogar in Desserts.

Kochlöffel auf altem Kochbuch © imago-images.de
imago-images.de

Mit alten Rezepten gegen Lebensmittelverschwendung - Kochen wie im 17. Jahrhundert?

Das Problem der Lebensmittelverschwendung beschäftigt immer mehr auch Restaurants. Mittlerweile sollen KI-gesteuerte Systeme helfen, Food Waste zu reduzieren. Das renommierte Londoner Zwei-Sterne-Restaurant "Dinner by Heston Blumenthal" geht einen anderen Weg: Es bietet Menüs an, die von uralten englischen Rezepten inspiriert sind, meist aus dem 17. Jahrhundert. Der Grund: Damals war die Versorgung mit Lebensmitteln so schwierig, dass selbst in den Küchen der Reichen sehr sparsam damit umgegangen wurde. Aber: taugt die englische Küche von früher für die Sterneküche von heute?

Mr. Chai-Wala; © Thomas Platt
Thomas Platt

Südindische Küche in Charlottenburg - "Mr. Chai Wala"

Indische Restaurants typisieren und stilisieren häufig ihr Speiseangebot, so dass so etwas wie eine Ordnung oder Gesetzmäßigkeit entsteht. Sie scheint sich auf die Küchen eines ganzen Subkontinents zu erstrecken. Auch im "Mr Chai Wala" wird dieser Eindruck gewahrt.

Bewertung: