Robert Rauh und Gabriele Radecke © privat
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Fontane - Ein Klassiker, neu gelesen: Fontanes "Wanderungen" und die Frauen

Gabriele Radecke und Robert Rauh über ihr Buch "Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

Dass in Theodor Fontanes Romanen vor allem die Frauen im Mittelpunkt stehen, hat sich im Jubiläumsjahr mittlerweile herumgesprochen, ob Jenny Treibel oder Effi Briest, Mathilde Möhring oder Grete Minde – Theodor Fontane gilt als der große Frauenversteher.

Ganz anders jedoch zeigt sich das in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" - Frauen tauchen da höchstens am Rande auf. Die "Wanderungen", so die Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke und der Historiker Robert Rauh, seien ein "Männerbuch" gewesen: Es handelte von Männern und richtete sich an Männer.

Bemerkenswerte Frauen, unbemerkt

"Erschütternde Leerstellen" hat Gabriele Radecke da bei der Lektüre mit ihren Studentinnen und Studenten konstatiert, denn es hätte durchaus noch einige bemerkenswerte Frauen gegeben, die Fontane in die Wanderungen hätte aufnehmen können. Doch Fontane, so Robert Rauh, konnte sich für die Emanzipation vermutlich nicht erwärmen, in den Wanderungen zumindest gab es kein Streben danach.

Die wenigen Frauen, denen Fontane dennoch ein Denkmal setzte, haben Radecke und Rauh nun zusammengetragen. "Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg" heißt ihr Auswahlband: elf Porträts, die Originaltexte haben Radecke und Rauh eingeordnet und kommentiert.

Eine Frau, eine Fußnote

Da ist zum Beispiel die Agrarpionierin Helene Charlotte von Friedland, geboren 1754. Im Zweiten Band der Wanderungen über das Oderland widmete Fontane der erfolgreichen Frau immerhin ein kurzes Kapitel, doch gerecht wurde er ihr dabei nicht, sagt Gabriele Radecke, andere Quellen stellten sie als große Pionierin da, Fontane jedoch hielt sich eher zurück.

Julie von Voß, die Mätresse Friedrich Wilhelms II., war Fontane zuerst nur eine Fußnote wert und schaffte es erst in einer späteren Ausgabe in den Haupttext. Elisabeth Friedrich, die Inselwirtin der Pfaueninsel, war jedoch so erzählenswert, dass Fontane das ursprünglich geplante Kapitel über ihren Mann und sie letztlich ganz der Inselwirtin widmete.

Im Literarischen Gespräch sprechen Gabriele Radecke und Robert Rauh über ihre Wanderungen auf Fontanes Spuren; über das Potential seiner neu edierten Notizbücher; über Frauen wie Mathilde von Rohr oder Emilie Fontane, ohne die es die "Wanderungen" nicht gegeben hätte und über Theodor Fontanes Gegenwartstauglichkeit.

Zum Mitmachen

Am 17. September laden Gabriele Radecke und Robert Rauh zu einem Ausflug auf einer originalen "Wanderungen"-Route ein: Auf den Spuren Fontanes führen sie durch das Ruppiner Land, nach Wusterhausen und dann nach Brunn und Tramnitz. Dort gibt es neue Erkenntnisse u.a. aus Fontanes Notizbüchern, und der Schauspieler Alexander Bandilla trägt Auszüge aus den "Wanderungen" vor. Kosten fallen nur für das Mittagessen an.

Die Autoren

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Gründerin und Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle an der Universität Göttingen. Sie ist Mitherausgeberin der Großen Brandenburger Ausgabe mit Fontanes Gesamtwerk, außerdem editiert sie seine Notizbücher und macht sie digital zugänglich. Im Jubiläumsjahr 2019 ist sie für viele Veranstaltungen als Beraterin tätig.

https://fontane-nb.dariah.eu

Robert Rauh ist Historiker, Lehrer an einer Berliner Schule und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und ist Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er "Fontanes Fünf Schlösser" und 2018 "Fontanes Frauen", in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. Gerade ist sein neues Buch "Fontanes Ruppiner Land" erschienen.