Ivna Žic © Nadine Kreuzahler
Nadine Kreuzahler
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Porträt - Nadine Kreuzahler im literarischen Gesrpäch mit Ivna Žic

"Wo kommen Sie her?" Warum wird diese Frage oft zuerst gestellt und nicht: "Wo wollen Sie hin?" oder "Wo sind Sie jetzt gerade?". Damit beschäftigt sich die Autorin und Theaterregisseurin Ivna Žic in ihrem Roman "Die Nachkommende". 

"Zagreb ist ein Slanac" – ein gesalzenes Weißbrot. So heißt es im Roman "Die Nachkommende" von Ivna Žic. Das Merkmal dieser kroatischen Köstlichkeit: man kann sie nicht mitnehmen, schon nach einem Tag wird aus dem weichen, saftigen Gebäck eine harte, trockene Angelegenheit. Ein Slanac ist etwas für den Moment.

"Das ist der Versuch, auszudrücken, dass sich eine Stadt immer über die persönlichen Erinnerungen erzählt, über Gegenstände, Gerüche, Wege, kleine Orte und dass diese natürlich immer nur fragmentarisch sind und dass das Bild einer Stadt immer ein sehr persönliches ist", sagt Ivna  Žic. Der Vergleich mit dem Slanac geht auf ihre eigenen Kindheitserinnerungen zurück. "Jede Erinnerung an eine Stadt hat auch ihre Zeit und ihren Geschmack. Erinnerungen sind oft gleichzeitig nostalgisch, melancholisch, und idealisiert".

Ivna Žic wurde in Zagreb in Kroatien geboren und ist in Zürich aufgewachsen. In ihrem Debütroman "Die Nachkommende" lässt sie eine Frau um die 30 im Zug von Paris nach Zagreb reisen. Von ihrem verheirateten Lover ist sie auf dem Weg zu ihrer Familie in Kroatien. Im Zug reisen ihre Ahnen mit – der Großvater, die Großmütter, die Tanten.

Es geht ums Ankommen und Abreisen, Herkunft und Ankunft, die vielen Schichten von (Familien)geschichte(n). Eine zentrale Figur: der Großvater, der Maler war, aber dann – plötzlich – keinen Pinsel mehr anrührte. Nur das Bild einer türkisfarbenen Frau ist übrig geblieben, alle anderen Gemälde hat der Großvater  zerstört. Zurück bleibt vieles, was er nicht erzählt hat. Leerstellen. Über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Ivna Žic schreibt hier über ihren eigenen Opa. Dadurch, dass er so viel nicht erzählt hat, konnte er erst zur literarischen Figur werden, sagt Ivna Žic. Er sei es auch gewesen, der sie zum Erzählen gebracht habe, sagt sie:

Mein Großvater war ein großer Märchenerzähler. Durch ihn haben wir als Kinder die Kraft des Erzählens überhaupt erfahren. Er hat uns den ganzen Abend Geschichten erzählt. Dann wird man groß und merkt plötzlich, dass man ganz vieles nicht erfahren hat als Kind. Und das interessiert mich. Wie funktioniert Erzählen überhaupt? Wie können wir Dinge nicht erzählen und damit trotzdem ganz viel erzählen?

Ivna Žic

Welche Verpflichtungen bringt es mit sich, eine "Nachkommende" zu sein? Wieso wird immer zuerst gefragt: "woher  kommst du" und nicht: "wo bist du gerade" oder: "wohin  gehst du?". Wie bekommt man es hin, aus den vielen Schichten der Vergangenheit, des Erbes, und der Gegenwart seine eigene Geschichte für das Jetzt zu erschaffen?

All diese Fragen stellt Ivna Žic in ihrem Roman und darüber unterhält sich Nadine Kreuzahler auch mit ihr im literarischen Gespräch.

Genau wie die Ich-Erzählerin führt auch die Theaterregisseurin und Autorin Ivna Žic ein Leben, das sich selbstverständlich zwischen mehreren Sprachen und Orten bewegt. Auch davon handelt ihr Buch.