Jackie Thomae; © Urban Zintel
Urban Zintel
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Das Literarische Gespräch - Jackie Thomae – "Brüder"

Ja, der Roman hat auch mit ihrem eigenen Leben zu tun: Die Autorin Jackie Thomae spricht mit Nadine Kreuzahler über nervige Fragen, Herkunft und das wilde Berlin der Neunzigerjahre.

Schokolade, Lakritz, Kaffee, Pappkarton – menschliche Hautfarben können viele Abstufungen haben. Jackie Thomae erzählt in ihrem Roman "Brüder" elegant und subtil davon, wie die Hautfarbe das Leben bestimmt – auch wenn man selbst denkt, sie tut es nicht.

Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder: Mick und Gabriel. Sie haben denselben senegalesischen Vater, aber zwei verschiedene Mütter. Sie kennen sich nicht und sie kennen ihren Vater nicht. Beide wachsen in der DDR auf, werden von ihren Müttern allein groß gezogen, haben also ähnliche Startvoraussetzungen, aber sind als Erwachsene doch grundverschieden. Wie werden wir zu denen, die wir sind – das ist die beherrschende Frage des Romans.

"Brüder" erzählt vom Aufwachsen ohne Vater, einer Jugend in der DDR, den Neunzigerjahren in Berlin und – gewissermaßen als Gegenpol – dem Anfang des neuen Millenniums in London. Hier: Freiheit, Freiräume und Feiern als Lebensmaxime. Dort regiert Geld die Stadt.

Jackie Thomae jagt ihre "Brüder" – und deren Mütter, Frauen und Weggefährten – durch unterschiedliche Milieus und Zeiten. Sie erzählt von Lebensentwürfen, Prägungen und Identitäten. Und ganz nebenbei – und das macht diesen Roman so elegant – auch von Alltagsrassismus.

Auch Jackie Thomae hat einen schwarzen Vater, ist bei ihrer Mutter in der DDR aufgewachsen und 1989 nach Berlin gezogen. Sie könne also nicht leugnen, dass der Roman auch mit ihrem eigenen Leben zu tun habe. Ja, sie schöpfe das Wissen darum aus ihrer eigenen Biografie. Aber letztendlich sei der Roman Fiktion.