Sasa Stanisic, Frankfurt/M. 2019 (© dpa/Frank Rumpenhorst) und Peter Handke, Chaville 2019 (© dpa/François Mori); Montage: rbbKultur
Bild: dpa/Frank Rumpenhorst/François Mori

Literaturnobelpreis 2019 - Streit zwischen Stanišić und Handke

Mit der Auseinandersetzung um Peter Handkes Jugoslawien-Texte beschäftigt sich Jürgen Brokoff, Professor für deutsche und niederländische Philologie an der FU Berlin, seit Jahren. Johannes Fischer sprach mit ihm über den Literaturstreit zwischen Saša Stanišić und den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Peter Handke.

Der Fall Handke

Johannes Fischer: Warum haben Sie angefangen, sich mit Peter Handke zu beschäftigen?

Jürgen Brokoff: Peter Handke war für die Literaturwissenschaft schon immer ein wichtiger Forschungsgegenstand. Meine wissenschaftliche Beschäftigung ist im Zusammenhang mit dem Jugoslawien-Krieg in den 90er Jahren entstanden.

Was ist damals passiert?

Der Zerfall Jugoslawiens zeichnete sich schon Anfang der 90er Jahre ab. Erst mit der Abspaltung von Slowenien, dann von Kroatien. Peter Handke hatte damals schon Texte geschrieben, die aber nicht als skandalös empfunden wurden. Er ist ein Vertreter des Vielvölkerstaates.

Das änderte sich nach seinem Buch "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" von 1996.

Man könnte sagen, dass es so etwas wie Eskalationsstufen gibt. So wie es auf der politischen Ebene eine Zunahme an Gewalt gegeben hat, gab es auch in der journalistischen Darstellung eine Verhärtung der Fronten. Handke hat gegen eine zu einheitlich gegen Serbien gerichtete Berichterstattung Stellung bezogen. Und er hatte durchaus berechtigte Punkte, die kritisierenswert waren bei der journalistischen Berichterstattung.

Johannes Fischer und Jürgen Brokoff © Johannes Fischer
Bild: Johannes Fischer

Und dann?

Handke hat dann aus meiner Sicht das problematische Verfahren eingesetzt, dass er von dieser berechtigen Kritik am Journalismus übergegangen ist in eine politische Verteidigung der Kriegsposition von Serbien selbst. Er hat sich auf eine Seite gestellt.

Hat Peter Handke aus Ihrer Sicht Kriegsverbrechen der Serben geleugnet?

Ich würde nicht von Leugnung, aber von Verharmlosung sprechen. Gleichwohl versucht Handke, was die Massaker in Višegrad angeht, eine pro-serbische Haltung einzunehmen, die sich auf den Standpunkt stellt: 'Alle haben Kriegsverbrechen begangen, auch die Serben. So schlimm kann es nicht gewesen sein.' Dem würde ich nach wie vor widersprechen.

Wie ist Peter Handke aus Ihrer Sicht mit diesen ganzen Vorwürfen umgegangen?

Ich kann nicht so recht erkennen, dass es eine Relativierung oder eine Zurücknahme dieser Position gibt. Peter Handke war ja sogar 2006 beim Begräbnis von Slobodan Milošević zugegen. Er hat auch die Rechtsprechung sehr scharf kritisiert, die in Bezug auf das Jugoslawien-Tribunal getroffen wurde unter Initiative der Vereinten Nationen. Und er hat versucht, diese Rechtsprechung lächerlich zu machen.

Der Fall Stanišić

Die aktuelle Debatte hat ja Saša Stanišić losgetreten. Mit seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis 2019. Dabei hat er die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke sehr scharf kritisiert. Für manche ist das jetzt nur die Wiederholung einer Debatte, die seit über 20 Jahren geführt wird. Wie sehen Sie das?

Die Debatte erreicht ganz klar eine neue Ebene. Saša Stanišić ist 1978 in Višegrad geboren, das er 1992 verlassen musste.

Seine Familie flüchtete während des Bosnienkrieges nach Deutschland, nachdem Višegrad von der serbischen Armee besetzt wurde.

Der Vorwurf von Saša Stanišić ist, dass Peter Handke das, was ihn aus Bosnien vertrieben hat, verharmlost und nicht beschreibt. Saša Stanišić hat mittlerweile mehrere Romane geschrieben und ist eine wichtige Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und wendet sich gegen einen anderen Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Autor gegen Autor. Peter Handke ist 76, Saša Stanišić ist 41. Ist das auch ein Generationenkonflikt?

Ja, wenn man es vom Lebensalter her betrachtet. Das besonders Heikle besteht aber darin, dass Saša Stanišić eben aus dem Land, dem Raum, der Stadt kommt, über die Peter Handke in den 90ern so kontrovers geschrieben hat. Das ist die Heimat von Saša Stanišić.

Was macht diese Literaturdebatte noch bemerkenswert?

Saša Stanišić und viele andere Autorinnen und Autoren erheben jetzt selbstbewusst ihre Stimme. Und sie lassen es in diesem konkreten Fall Handke nicht durchgehen, dass er für ein Werk gefeiert wird, wiewohl es in diesem Werk sehr problematische Tendenzen gibt.

Das heißt?

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat sich internationalisiert. Saša Stanišić ist kein bosnischer Autor. Er gehört ganz eindeutig zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Und er erhebt als solcher seine Stimme gegen Handke.

Eine neue Generation deutschsprachiger Autor*innen behauptet ihren Raum.

Es hat schon was von einem sich frei sprechen und loslösen. Peter Handke gehört ganz unzweifelhaft zum Establishment.

Könnte diese Debatte die Kraft entwickeln, dass Peter Handke am Ende den Literaturnobelpreis nicht bekommt?

Das glaube ich nicht. Wir haben jetzt viel über die problematischen Seiten von Handke gesprochen. Es gibt noch ganz andere Facetten im Werk von Handke, in den 60er, 70er und 80er Jahren. Und dann auch jenseits der Jugoslawien-Problematik in den 2000er und 2010er Jahren.