Der Autor Jens Bisky zu Gast bei rbbKultur, hier mit Natascha Freundel (li.) und Anne-Dore Krohn (re.); © Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Literatur Spezial - Das Bücherjahr 2019

Im Gespräch mit Jens Bisky, Autor und Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung", lassen Natascha Freundel und Anne-Dore Krohn das Bücherjahr 2019 Revue passieren: Wie und vor allem was lesen wir in diesen bewegten Zeiten?

Eine Stimme der Weimarer Republik ist wiederzuentdecken. Die Geschichten der Wende sind noch lange nicht auserzählt. Und der Streit um den Literaturpreisträger Peter Handke ist wohl nie abzuschließen.

Natascha Freundel, Anne-Dore Krohn und Jens Bisky sprechen über die literarischen Titel und Themen, die uns in diesem Jahr besonders beschäftigt haben Und geben einigen Empfehlungen für den Gabentisch, darunter das neue Buch von Jens Bisky: "Berlin. Biographie einer großen Stadt", über das Werden und den Wandel einer "Parvenupolis". Wohin entwickelt sich diese Stadt? Und welche Bücher erwarten uns im nächsten Jahr?

Empfehlungen

Burkhard Spinnen: "Und alles ohne Liebe. Fontanes zeitlose Heldinnen"
Einige von Fontanes Frauenfiguren der Berliner Romane, auf ihre Gegenwärtigkeit hin gelesen - nach diesem Band weiß man, dass es auch heute noch jede Menge Effis und Lenes gibt.
Schöffling, 112 Seiten, 12 Euro.

Gabriele Radecke, Robert Rauh: "Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den Wanderungen durch die Mark Brandenburg"
In den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" tauchen - im Gegensatz zu den Romanen - Frauen höchstens am Rande auf. Die wenigen, denen Fontane dennoch ein Denkmal setzte, haben Radecke und Rauh nun zusammengetragen. Elf Porträts, eingeordnet und kommentiert.
Manesse, 192 Seiten, 22 Euro.

Saša Stanišić: "Herkunft"
Deutscher Buchpreis 2019
Eine Verortung durch Erzählen, mit Tiefe und Humor und Ernst und Charme und Menschlichkeit, formal und sprachlich abenteuerlustig. Stanišić hat die Fiktion in der Realität wildern lassen und erzählt vom Ankommen in einem neuen Land und einer neuen Sprache.
Luchterhand, 368 Seiten, 22 Euro.

Daniela Krien: "Die Liebe im Ernstfall"
Auch als Hörbuch (eine rbbKultur-Produktion), gelesen von Bibiana Beglau, Maren Egger, Jeanette Hein, Nina Kunzendorf und Anna Schudt.
Ein kluges soziologisches Porträt der Gegenwart. Krien stellt die Kardinalfragen einer Frauengeneration um die 40. Wofür lohnt es sich zu bleiben? Wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen? Wie lebe ich das richtige Leben? Ein Überraschungserfolg des Jahres.
Diogenes, 288 Seiten, 22 Euro.

Anke Stelling "Schäfchen im Trockenen"
Desillusionierend, böse und wütend nimmt Stelling das Prenzlauer Berg Milieu aufs Korn und beschreibt die Folgen einer Wohnungskündigung. Abstiegsängste unter schwäbischen Eigenheimbewohnern - erzählt von Resi, Mutter von vier Kindern und Schriftstellerin.
Verbrecher Verlag, 276 Seiten, 22 Euro.

Jan Brandt: "Ein Haus auf dem Land. Eine Wohnung in der Stadt"
Wohnen ist die große soziale Frage unserer Zeit. Ein Roman mit buchstäblich zwei Seiten: Auf der einen erzählt Brandt von seinem ostfriesischen Heimatdorf, in dem das Haus des Urgroßvaters abgerissen werden soll, auf der anderen vom Mietenwahnsinn in Berlin. Ein persönlicher Bericht über Heimat und Zuhause, und als Literatur zur Gentrifizierungsdebatte ein hochpolitisches Buch.
Dumont Verlag, 424 Seiten, 24 Euro.

Annie Ernaux: "Eine Frau"
Ein ethnologischer Blick auf die eigene Mutter, soweit möglich. Ein Versuch, Ihr gerecht zu werden. Schon 1986 erschienen, jetzt zum Glück wiederentdeckt und neu übersetzt von Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag, 88 Seiten, 18 Euro.

Norbert Scheuer: "Winterbienen"
Eine großartige Hauptfigur und eine spannende Geschichte: Egidius Arimond, ein entlassener Lateinlehrer, schreibt im Eifelstädtchen Kall 1944/45 Tagebuch. Über seine Bienenzucht, seine Affären, seine Epilepsie, die Juden, die er in Bienenkörben über die Grenze schmuggelt - neben Stanišić war dieses Buch ein sehr würdiger Kandidat auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.  
C.H. Beck, 319 Seiten, 22 Euro.

Stefanie de Velasco: "Kein Teil der Welt"
Was passiert, wenn zwei Mädchen in einer totalitären Religionsgemeinschaft aufwachsen? Ein kluges Buch über die Zeugen Jehovas und gleichzeitig der beste Wenderoman der Gegenwartsliteratur.
Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22 Euro.

Ursula März: "Tante Martl"
Am Beispiel meiner Tante - die exemplarische Biografie einer unabhängigen Frau im 20. Jahrhundert. Mit universellen Themen: Rollenmuster, frühkindliche Prägungen, Frauenleben, Familienerinnerungen.
Piper, 192 Seiten, 20 Euro.

Jens Bisky: "Berlin. Biographie einer großen Stadt"
Mit "sympathisierender Neugier" und geschultem Sinn für Details beschreibt Bisky das Werden und den Wandel der "Parvenupolis". Auch der Berlinischen Mund- und Eigenart geht Bisky nach: "Icke, dette, kieke mal, Oogn, Fleesch und Beene, wenn de mir nich lieben tust, lieb ick mir alleene." Wer dieses große Buch gelesen hat, sieht diese große Stadt mit anderen Augen.
Rowohlt Berlin, 976 Seiten, 38,00 Euro.

Walter Benjamin: "Berliner Chronik/Berliner Kindheit um neunzehnhundert"
Benjamins ausgefeilte Kindheitsminiaturen verlocken dazu, sich in der Stadt und in der Sprache zu verirren und dabei ungeahnte Wege zu entdecken. Diese Texte haben Suchtpotential. Wer nicht genug von ihnen bekommt, kann jetzt noch tiefer in die Materie einsteigen: Die Neuausgabe versammelt erstmals alle nachgelassenen Aufzeichnungen Walter Benjamins, aus denen dieses Schlüsselwerk der Moderne entstanden ist.
Band 11 der Kritischen Gesamtausgabe bei Suhrkamp: Werke und Nachlaß, Hrsg. von Burkhardt Lindner und Nadine Werner in zwei Teilbänden, 1.118 Seiten, 89,00 Euro.

Wolf Biermann: "Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten"
Der Barde kann es nicht lassen und posaunt seine amourösen Punktsiege in Ost-Berlin vor dem Mauerfall heraus. Siehe da: hin und wieder zog der Mann mit dem unermüdlichen "Zentralorgan" den Kürzeren. Außerdem zeichnet er unvergessliche Porträts eines renitenten Kohlehändlers, eines kommunistischen Historikers in Tel Aviv und der großen Ruth Berlau.
Ullstein, 288 Seiten, 20,00 Euro.

Emma Braslavsky: "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten"
Das Lieben wird nicht einfacher, wenn wir uns mit Robotern zusammentun. Oder vielleicht doch? Emma Braslavsky entwirft eine Zukunft, in der niemand mehr einsam sein muss, in der aber auch Roboter von Identitätsproblemen heimgesucht werden und Berlin eine fremdvertraute Metropole glitzernder Oberflächen ist, hinter denen unsere unzähmbaren Ängste und Leidenschaften lauern.
Suhrkamp, 270 Seiten, 22,00 Euro.

Ulrike Draesner: "Kanalschwimmer"
Er schwimmt um sein Leben, bevor ihm das Leben entgleitet: Ein Mann Anfang 60, dessen Frau zu einem früheren Geliebten und gemeinsamen Freund zurückgekehrt ist. Der Mann durchquert den Ärmelkanal. Trainiert wie eine Langstreckenschwimmerin wühlt Ulrike Draesner Wasser und Erinnerungen auf: bildstark und eindringlich. Europäische Literatur at it’s best.
Mare, 176 Seiten, 20,00 Euro.

Jonathan Franzen: "Das Ende vom Ende der Welt"
Seine Essays entstehen aus Zorn, erzählte Franzen an einem überhitzten Sommertag im lcb am Wannsee. Und zornig machen ihn vor allem die Lügen über den Klimawandel. Franzen, der ein großer Vogelkundler, Naturbeobachter und -liebhaber ist, glaubt nicht, dass der Klimawandel aufzuhalten ist. Seine Rolle als Essayist sieht er darin, direkt in die "Flammen der Schande" hineinzulaufen, wenn alle anderen vor ihnen fliehen. Dass er dabei nicht seinen Humor verliert, macht diese Texte so kurzweilig.
Rowohlt, 256 Seiten, 25,00 Euro.

Abraham B. Yehoshua: "Der Tunnel"
Demenz als Hoffnung, das muss man sich erstmal trauen. A. B. Yehoshua schickt einen 72jährigen pensionierten Straßenbauingenieur aus Tel Aviv in die Wüste. Um sein Hirn auf Trab zu halten, untersucht der Pensionär ein ominöses Tunnelprojekt in der Negev-Wüste und blickt dabei in die Abgründe des israelisch-palästinensischen Konflikts, aus dem ihn halluzinatorische Eingebungen und vor allem Yehoshuas liebevoller Witz retten.
Nagel & Kimche, 368 Seiten, 24,00 Euro.

EMPFEHLUNGEN VON JENS BISKY

Gabriele Tergit: "Effingers"
Schöffling & Co., 904 Seiten, 28,00 Euro.

Philipp Ther: "Das andere Ende der Geschichte. Über die große Transformation"
Edition Suhrkamp, 200 Seiten, 16,00 Euro.

Jackie Thomae: "Brüder"
Hanser Berlin, 432 Seiten, 23,00 Euro.