Elke Erb, Schriftstellerin, aufgenommen im Schloss Bellevue bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Erb bekommt den Georg-Büchner-Preis 2020. foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Wichtigster deutscher Literaturpreis - Elke Erb ist Büchnerpreisträgerin 2020

Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis 2020. Wie die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung bekanntgab, wird sie für "ihr unverwechselbares und eigenständiges Lebenswerk" geehrt. Ein Porträt der 82jährigen Schriftstellerin, die in Berlin und der Lausitz lebt.

Das Huhn und das Ei. Zwei Wörter, auf die Elke Erb immer wieder zu sprechen kommt: "Ich war nie Erfolgsautorin. Ich weiß noch, dass ich mich verteidigte, als das Fehlen eines Verlages auftrat. Dass ich dachte, so, was ich mache, das mache ich. Mit einem Huhn ist über sein Ei nicht zu streiten." (lacht)

Affinität für Dialekt

Die ersten Jahre in der Eifel hat sie nicht vergessen. Im Februar 1938 wurde sie im Örtchen Scherbach, heute Rheinbach, geboren. Der Vater galt im Krieg als verschollen, die Mutter war allein mit drei Kindern. Elke Erb im Interview 2013:

"Ich habe einen Sprachsinn, das ist wahr. Dahinter steckt eine Affinität für Dialekt. Und ich hab nämlich jetzt wieder ein frühes Tagebuch abgeschrieben im Computer, da war eine Erinnerung: Ich gehe da im Dorf, und die Bäuerin tritt aus dem Schuppen und ruft die Hühner. 'Vivela, vivivivivi vivela!' Und ich hab mir das gemerkt, weil ich ahnte, was es heißt. Es heißt ja doch: 'Vive la vie', es lebe das Leben!"

Sprachwitz ihrer Gedichte

Ihr Leben spielte ab 1949 in der DDR: Ihr Vater, Ewald Erb, war als marxistischer Literaturhistoriker an die Hallenser Uni gegangen und holte die Familie nach. Die Kinder kamen für zwei Jahre ins Heim. Vielleicht hat Elke Erb dort gelernt, ihren Eigensinn zu verteidigen. Sie studierte Pädagogik, Russisch und Deutsch, wurde aber nicht Lehrerin, sondern Lektorin. Dann, ab 1966, freischaffende Schriftstellerin in Ostberlin. Der "Sprachwitz" ihrer Gedichte fiel auf. Sie übersetzte aus dem Russischen: Jessenin, Pasternak, Zwetajewa und Achmatowa. Mit dem Schriftsteller Adolf Endler, mit dem sie von 1967 bis 1978 verheiratet war, lebte sie in dem sorbischen Dorf Wuischke und fuhr mehrfach nach Georgien.

Archivbild: Die deutsche Dichterin, Autorin, Übersetzerin Elke Erb. (Quelle: imago images)

Was über mich erzählt wird

In meinem Schloss brennen 25 Kronleuchter
Und drei Goldfische habe ich in meinem Aquarium schwimmen.
Und ich bekomme viertausend Mark für einen Vers
Und arbeite an sechs Zeilen ein Jahr
Und jeden Morgen kann ich mir nach dem ersten Ei
Auch noch ein zweites leisten.
Ganz wie ich will
Ein Ei, oder zwei.

Gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung

Nüchtern, trotzig, witzig ist Elke Erbs Lyrik. Früh galt sie als "systemkritisch": schon bevor sie sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aussprach. Lyrik für die sozialistische und jede sonstige Produktion war ihre Sache nie. So hatte sie immer wieder Schwierigkeiten, ihre Arbeiten zu veröffentlichen.

Nach ihrem Debüt mit dem Titel "Gutachten" von 1975 erschien ein Jahr später im westdeutschen Wagenbach-Verlag ihr Lyrik- und Erzählband "Einer schreit: Nicht!" Für viele, gerade jüngere Autorinnen und Autoren bis heute, ist Elke Erb ein Vorbild und eine gänzlich uneitle Förderin. Sie selbst nennt ein Grundprinzip ihrer Arbeit: "Echtheitszwang". "Ich habe den Verhältnissen gekündigt/, sie waren falsch", heißt es in einem Gedicht von 2013. Da war sie gerade aus Berlin Prenzlauer Berg in den Wedding gezogen:

"Hier kam ich hin, und da hatte ich schon von vorneherein ein gutes Gefühl. Diese Villenviertel, die sind ja sowas von langweilig. Und hier kommst du und siehst, du siehst viel Leute. Ich guck den an und ich guck den an. Das ist das Verrückte, du kannst sehr, sehr deprimiert sein, du bist immer aufnahmefähig, besonders sogar dann."

Sie verdient mehr Aufmerksamkeit

Dass Elke Erb nun den Büchner-Preis erhält, ist eine richtige und kluge Entscheidung. Sie rückt im dreißigsten Jahr der Wiedervereinigung eine Autorin ins Licht, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihr im Kreis der Lyrikfans hierzulande schon zu Teil wird. Die Poetin von Huhn und Ei hat noch einige Überraschungen parat:

"Ich habe mit dieser Syntax des Deutschen genug Theater veranstaltet, und jetzt tanze ich ihr auf der Nase rum."

Natascha Freundel, rbbKultur