Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

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Antwort auf [Elsa Windeck] vom 11.06.2021 um 10:18
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917 Kommentare

  1. 917.

    Zweiter Hauptpunkt, hervorgerufen durch das aktuelle Beispiel: Schmerz/Intermittenz bei Großmutter und Erzähler:
    Ich bin dankbar für das Beispiel: Die Trauer des Enkels schwächt sich ab, doch die Großmutter scheint sich zu entfernen ...

    Ist das Paradox der Ich-Form geschuldet? Weil sie den Primat der Ich-Perspektive auch in der ‚Gefühlswelt’ vorgibt? Und damit sowohl deren Dominanz als auch die (Deutungs-)Spielräume, die im Hinblick auf alle anderen Protagonisten zugestanden werden? Egal, ob es sich um Gefühle und Motive handelt oder gar um die ‚Rechtfertigung’ des eigenen Handelns? Haben wir hier gar einen Reflex von Egozentrik auf Seiten des Erzählers/Autors?

  2. 916.

    Wunderbar anregende Erläuterungen, Frau Windeck. Sie führen mich zu zwei Hauptfragen, die ich in extremer Verkürzung (sozusagen taufrisch-ungeschützt) hier anreißen möchte:
    (1) zum ‚Titelpaar’ Intermittences/Recherche: In welchem Verhältnis stehen die Teile/Seiten eigentlich zueinander?
    Mir scheint, bei a) den Aus- und Einsetzern des Herzens geht es um die spontanen, unkontrollierten Energie-, Gefühls- und Wahrnehmungsstöße (leiblich-unbewusst hervorgerufen) - hier steht der Erzähler/Autor vor seinen Rätseln; es ist wohl die Seite, wo Prousts Selbstbeobachtung die Zufuhr liefert.
    b) Die Recherche wiederum würde dann für das Moment des ‚bewussten Nachhineins’, des Schreibens, Konstruierens, Ordnens, Reflektierens – des Bauens und Schichtens (der Erinnerungen) zuständig sein. Proust hat sich wohl deshalb für den Titel „Recherche“ entschieden (?). Zumindest kann er eine Rolle einnehmen, die ihm ‚Macht’ über ein ‚Chaos’, die nun darstellbaren ‚Intermittenzen’ gibt ...

  3. 915.

    Haben wir an dieser Stelle eigentlich schon darauf hingewiesen, wie brisant und (im Licht jüngster Forschungsergebnisse der Neurobiologie) hochaktuell Prousts These der vom Bewusstsein unabhängigen „Vorab-Steuerung“ unserer Entscheidungen und Handlungen ist?

  4. 914.

    dem Begriff alle Beziehungen kennzeichnen, für die er das Wort „Liebe“ verwendet. Sie alle sind „intermittierend“ auf eine Weise, die der Erzähler trotz seiner Bemühungen, sie ‚rational‘ zu analysieren, nicht beeinflussen oder „verstehen“ kann, da sie ihre Ursache in Beweggründen haben, die tiefer liegen als die Regionen, zu denen das Bewusstsein hinabdringen kann (dargestellt und theoretisch reflektiert in „Im Schatten…“ und „Combray“). Als Titel für den gesamten Roman könnte man die „intermittences“ in Beziehung setzen zu den unbewussten, unvorhersagbaren Antriebskräften in uns, die in jedem Moment Art und Grad unserer Wahrnehmungsfähigkeit sowie unsere unwillkürlichen Assoziationen bestimmen, die Teil unseres ‚inneren Gefüges‘ sind. Ihre Wirkung folgt keinem für uns erkennbaren logischen oder chronologisch-linearen Prinzip, aber auf ihnen beruht unser inneres Wesen, meint Proust.

  5. 913.

    schwächer geworden ist. Anders als seine Mutter wird er sich der Toten nicht weiter anzuverwandeln suchen. Die Großmutter ist zu „einem Widerschein seines eigenen Denkens“ geworden. Auf der Handlungsebene darf man die „Herzsynkopen“, die die Großmutter im Hotel erleidet, als metaphorische Entsprechung der „intermittences“ lesen. Momente, in denen, oft ausgelöst von banalen Alltagshandlungen und Wahrnehmungen, der Herzschlag plötzlich zu stocken scheint und „vergessene“ Erlebnisse und Empfindungen ihn jäh überwältigen – vorläufig nehme ich an, dass sie es sind, die Proust als „intermittences du coeur“bezeichnet und die er für so viel wichtiger hält als Erfahrungen, die wir auf der ‚äußeren‘ linearen Zeitebene machen. Aber das ist nur eine Seite. Die Zuneigung, die er für Francoise empfindet, nennt der Erzähler (im selben Kapitel) „intermittente“ (dt. „…die manchmal versagte“). Mit gleichem Recht könnte er mit…

  6. 912.

    Soweit ich bisher sehe, sind die Überlegungen Prousts in „Les intermittences du coeur“ komplexer und weitreichender als die in „Combray“ dargelegte Theorie der Erinnerung und des Neu- und Wiedererschaffens. Hier werden Schlussfolgerungen nicht analytisch aus dem Erlebten abgeleitet, sondern durch das (Traum)-Geschehen selbst sichtbar gemacht; sie erschließen sich in dem, was (und wie) erzählt wird. Der Leser folgt der stufenweisen Wandlung der Großmutter in den Gedanken und Träumen des Erzählers; anfangs von allgegenwärtiger, übermächtiger Präsenz (er begegnet ihr als einem Wesen, das „er selbst ist“, und „mehr als er selbst“), verliert sie allmählich an ‚Eigenleben‘ und scheint nicht mehr ausschließlich auf den Erzähler bezogen. Während er versucht, ihren Schmerz empathisch nachzuerleben, scheint in paradoxer Umkehrung eher sie sich von ihm zu lösen als er von ihr. Am Ende der gestrigen Lesung stellte er fest, dass seine Trauer…

  7. 911.

    ... das Realitätsprinzip (tot ist tot), andererseits das väterliche Verstandeswort gegen das „umstürzende“ Trauern; der Vater will dem Sohn den Zugang versperren zum wahren Innern, wehrt dessen übersensible Empfindsamkeit ab: das „Adernetz der unterirdischen Stadt“, einen „Lethefluss“ tief in ihm, dessen „sechsfache“ Mäanderwindungen ein tröstliches Vergessen unmöglich zu machen scheinen.
    Ein Sturzbach der Tränen löst alles aus – wieder dürfen wir uns an die Chiffre des Springbrunnens erinnert fühlen. Dort hieß es u.a.: „Leider genügte ein Windstoß, um diese Säule schräg über den Boden hinfegen zu lassen; manchmal brach ein einzelner Strahl ungehorsam in einer anderen Richtung aus ...“ –

  8. 910.

    ... sich - dank der (toten ihm gegenwärtigen) Großmutter in ihm - sich selbst wiedergegeben. Ins Bewusstsein getreten, wird diese Erkenntnis (Resultat einer nachträglichen Denkbewegung) doppelt schmerzlich, weil der E. den Verlust- und Existenzschmerz nicht nur spürt, sondern ihn versteht. Die Erkenntnis hat den Erinnernden v e r w a n d e l t , ihn an die Schwelle einer ungeahnten „Wahrheit“ geführt, dass nämlich die unwillk. Erinnerung nicht nur das Glück erweiterten Lebens schenkt, sondern an den Tod (Schmerz) kettet. So heißt es auch, dass „der Tod selbst, die jähe Offenbarung des Todes“ die Doppelspur in ihn eingraviert, „eingegraben“, (ins Grab gesenkt) habe. [Ich wette, das neue Muster des Schmerzes, dieser Erkenntnis’baum’ wird den Erzähler weiter begleiten und spätere Erfahrungen dabei noch mehr ‚Ringe’ ansetzen.]–
    Dann folgen Schlaf und ein Traum, – in dem der Vater auftritt: Er versperrt dem Schmerzenssohn den Weg (zurück) zur Großmutter. Das ist einerseits ...

  9. 909.

    ... handelte sich damals um das G l ü c k der Erinnerung. -
    Hier nun eine umstürzende Erfahrung (aus seinem Körperinnern), die den Erzähler nötigt, „den Schmerz dieses Widerspruchs [„zwischen Nachleben und Nichts“ – unmittelbare Gegenwart und Tod der Großmutter] bewusst auf mich zu nehmen“, umstürzend deshalb, weil dieser Widerspruch nicht außerhalb des Ich liegt, sondern in ihm selbst.
    Proust ist diesen Punkt radikal angegangen: In „Welt der Guermantes“ folgte auf die Schilderung des Sterbens der Großmutter sofort das Umschalten auf die Stermaria/Albertine-Szenen - kein Trauern des Erzählers. Ich halte das inzwischen auch für ein erzählerisches Kalkül. Umso stärker wirkt jetzt der Einschnitt in Balbec. Das Aufwühlende betrifft das erzählende und erzählte Ich. Trauer, Schuldgefühl, Reue, Schmerz – all das existiert jetzt in ihm, der zugleich ganz der Enkelsohn seiner tröstenden Großmutter ist.
    Das eingangs Zitierte spitzt die Erfahrung der „Doppelspur“ zu: Das Ich hat ...

  10. 908.

    „Das Wesen, das mir zu Hilfe kam (...), war das gleiche, das mehrere Jahre zuvor (...), in einem Augenblick, da ich nichts mehr von mir besaß, eingetreten war und mich mir selbst wiedergegeben hatte, denn es war ich selbst und mehr als ich (...) und brachte mir dieses mein Ich zurück.“
    Ich will an Ihre Gedanken anschließen, Frau Windeck. Meines Erachtens geht es in dieser Balbec-Szene im Kern nicht um die Frage des ‚Vorrangs’ der unwillkürlichen Erinnerung, sondern um etwas anderes: um einen „tiefgreifenden Umsturz“, eine Verwandlung - anders: um das Auffinden einer „geheimnisvollen Doppelspur“.
    Proust erweitert und vertieft sein Verständnis des Effekts der unwillk. Erinnerung gegenüber der Madeleine-Episode. Jetzt ist es weit mehr als ein Hervortreten verschütteter, vergessener ‚Vergangenheit’ - mehr als eine Wiederauffüllung des Gedächtnisses, so dass die Tage von damals erzählt werden könnten. Was in „Combray“ ermöglicht wird, ist das Aufrufen eines ‚Ich von damals’. Es ...

  11. 907.

    Es ist eine zutreffende Beobachtung, dass Menschen, die eine geliebte Person durch den Tod verlieren (die Beziehung muss nicht so symbiotisch sein wie beim Erzähler), nach einer Zeit der Trauer den Verlust allmählich überwunden zu haben glauben, bis – nach Monaten oder Jahren- der Tod dieser Person sie wie aus dem Nichts überfällt als eine nicht „überlagerte“ Erinnerung, die als Erkenntnis erstmals ganz ins Bewusstsein dringt. Unter diesem Blickwinkel erscheint Prousts Behauptung vom Vorrang der unwillkürlichen Erinnerung beinahe plausibel.

  12. 906.

    … die nicht nur Teilaspekte betreffen und vielleicht von Belang sind. Unvermittelt erlebt der Erzähler die Anwesenheit der Großmutter, spürt ihre Gegenwart wie seine eigene (genauer: er spürt die eigene Gegenwart in ihr, die sie umfasst und enthält)) und wird- wie damals- sich selbst wiedergegeben. Gleichzeitig nimmt er das Wiederauftauchen verschiedener Stufen des Ichs seiner Kindheit wahr, die zeitversunken für ihn verloren waren. Er hat den Tod der Großmutter erlebt, hat um sie getrauert und sich an sie erinnert, doch vollzog sich dies auf der Ebene, die Proust zur verstandgeleiteten, willkürlichen Erinnerung rechnet, in der Wesentliches von Belanglosem überlagert wird. Erst jetzt, mit großem zeitlichen Abstand, bricht die ‚wahre‘ Erinnerung durch als leibhaftige Vergegenwärtigung nicht nur der Person der Verstorbenen, sondern der Lebensepoche, die der Erzähler hier mit ihr durchlebt hat; die Gegenwart erlischt. …

  13. 905.

    Im ersten Band versuchte der Erzähler, der außergewöhnlichen Empfindung, die der Geschmack der teegetränkten Madeleine in ihm auslöste, experimentell und systematisch auf den Grund zu gehen, bis die überdeutliche Erinnerung an nahezu alle Einzelheiten der alljährlich in Combray verbrachten Ferien jäh in ihm aufstieg. Die Schilderung dieser minutiösen Schilderungen faszinierte mich und andere Leser. Später, beim gedanklichen Nachvollziehen, erschienen mir einige der Schlussfolgerungen (v.a. der Vorrang der unwillkürlichen Erinnerung) fragwürdig. Ich verbuchte sie als Proustsche Grundaxiome, die ich kennen, aber nicht teilen muss, um die Recherche zu verstehen. Was dem Erzähler beim Ausziehen der Stiefel im Hotelzimmer in Balbec zustößt, hatte ich bisher in dem Sinn aufgefasst, wie es in „Combray“ beschrieben wird. Beim Lesen der Passagen, die zu den „intermittences du coeur“ gehören, sind mir erstmals Unterschiede aufgefallen,…

  14. 904.

    Frau Windeck hat uns vor ein paar Tagen schon auf die Großartigkeit der Proust-Lesung dieser Woche hingewiesen.
    Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele aus der Hörerschaft für dieses Forum einen Satz oder Satzteil auswählen würden, der ihnen besonders wichtig ist (so fragmenthaft die Auswahl auch jeweils erscheinen mag).
    Mein Satz: „An jene Schmerzen, so grausam sie waren, klammerte ich mich mit aller Macht, denn ich spürte, dass sie aus der Erinnerung hervorgingen, die ich von meiner Großmutter hatte, und der Beweis waren, dass diese Erinnerung wahrhaft in mir gegenwärtig sei.“

  15. 903.

    ... selber plötzlich hineingeworfen werden in die Trauer um seine Großmutter. Vielleicht auch, weil Swann ‚vorgearbeitet’ hat?

  16. 902.

    Auch ich finde es bedauerlich bis ärgerlich, dass seit geraumer Zeit so wenige am Forum aktiv beteiligt sind. Vielleicht würde ich ansonsten gelassener formuliert haben. Meine kritischen Anmerkungen sind offenbar über das Ziel hinausgeschossen, Frau Windeck, das tut mir leid.
    Ihre abschließende Formel vom „scheinbar domestizierten Dandy“ wirkte tatsächlich irritierend auf mich.

    Wenn Sie meine Gedanken zum Gewicht des Judentums Swanns teilen – für mich ein Aspekt der Rubrik Wesentliches - freut es mich. Mein Eindruck war, dass man mit dem „Dandy“ diese wesentliche Dimension des Romans verfehlen könnte. Wendungen wie Außenseitertum und jüdische Wurzeln umschreiben m.E. nicht hinreichend, was Swann am Ende seines Lebens umtreibt und was der Erzähler zu begreifen vermag. Der Erzähler erlebt binnen kurzer Zeit im Gegenüber mit dem Herzog und Swann bereits Extreme des Umgangs mit Tod und Trauer. Jetzt wird - so Frau Anselms Kolumne von heute – der Erzähler ...

  17. 901.

    Wenn wir hoffen und erwarten, dass andere Hörer unsere Kommentare überhaupt noch lesen, müssen wir uns, glaube ich, auf Wesentliches beschränken.

  18. 900.

    Mein Blick auf Swann ist weder einseitig, noch folgt er irgendeiner „traditionellen Deutung“. Meine Anmerkungen fassen rückblickend Aspekte zusammen, die in dieser Form im Forum noch nicht zur Sprache kamen. Auf Zusammenhänge Außenseitertum- jüdische Wurzeln haben Sie hingewiesen. Die Punkte, in denen ich Ihre Ansicht teile, brauche ich nicht bestätigend zu wiederholen. Zahlreiche weitere Facetten – Verhältnis zu den Verdurins und den Guermantes‘ (inklusive Baron de Charlus), Einstellung zu verschiedenen Lebensfragen, auffällige Parallelen zur’Liebespsychologie‘ des Erzählers etc wurden bereits besprochen, als wir die beiden ersten Bände hörten, und werden vorausgesetzt. Ihr Eindruck, ich würde Swann auf eine Fin-de-siècle-Figur reduzieren, ist unvollständig und trifft nicht zu.(Nebenbei: die Verkörperung eines Typus würde ich in einem Roman schwerlich als glaubwürdigen Charakter kennzeichnen.)

  19. 899.

    …in Vergegenwärtigungen, Träumen, Tagtraumvisionen zur Anschauung gebracht und entwickelt wird, war demnach für Proust überaus wichtig. Ich will möglichst nicht inhaltlich vorgreifen, bevor wir die wesentlichen Passagen gehört haben. Proust hat lange geschwankt, ob er seine aus Selbstbeobachtung gewonnenen Theorien zu verschiedenen Formen des Erinnerns und ihrer Rolle bei der Entstehung eines Kunstwerks in Form einer längeren Abhandlung oder in einem Roman darlegen sollte. An erster Stelle standen für ihn offenbar die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Überlegungen. Das Erlebnis, von dem hier berichtet wird, ist zu unmittelbar, als dass er es wie in der Madeleine-Episode schrittweise zurückverfolgen könnte.

  20. 898.

    Eine Empfehlung für alle Hörer, die sich auch für die Theorien interessieren, die der Recherche zugrunde liegen: in der kommenden Woche fährt der Erzähler zum zweiten Mal nach Balbec. Allein im vom früheren Aufenthalt vertrauten Hotelzimmer, macht er eine grundstürzende Erfahrung, die an Intensität und Eindringlichkeit die berühmte Madeleine-Episode weit in den Schatten stellt. Der dt.Titel des Kapitels, „Anfälligkeiten des Herzens“, klingt vage; im frz. „Les intermittences du coeur“ ist etwas Präzises gemeint, das zeitweilige diskontinuierliche Aussetzen und Wiederkehren des Herzschlags.Der Begriff “intermittences“ wird im Allgemeinen auf Krankheitserscheinungen (z.B. Fieber) bezogen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil „Les intermittences du coeur“ der ursprüngliche Titel ist,den Proust seinem Romanzyklus geben wollte; erst spät entschied er sich für „A la recherche du temps perdu“. Was in diesem (und folgenden) Kapiteln …