Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

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Antwort auf [Axel Stellmann] vom 02.05.2021 um 20:05
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646 Kommentare

  1. 646.

    11.Folge; große Frage: In welcher Beziehung steht diese "Hermeneutik des Krieges" wohl zum Roman?

  2. 645.

    Für die Analogie zur Archäologie habe ich ebenfalls viel übrig. Noch faszinierender finde ich Ihre Metapher der archäologischen Ausgrabungsstätte als Gleichnis für das „offene Kunstwerk“. Proust als Künstler und Ästhet bemüht sich zwar, die Bruchkanten der Fragmente, die er zutage fördert, zu glätten und aneinanderzufügen; doch nur auf den ersten Blick liegt darin ein Widerspruch. Für uns als Leser ist das Bild auf vielen Ebenen gültig – und sehr suggestiv. Schon mehrere zunächst unbeachtete Fundstücke sind für mich zu Katalysatoren geworden; der Prozess intensiviert sich, je mehr man sich auf das „Gefundene“ einlässt. In der Gewissheit, nie fertigzuwerden mit der „Recherche“, liegt ein großer Teil ihrer Anziehungskraft für den Leser, denke ich.

  3. 644.

    11. Folge.
    Die kriegsgeschichtlichen Belehrungen, in denen Saint-Loup und einige seiner Kameraden dem Erzähler weitergeben, was sie in ihrer Offiziersausbildung in der Kaserne beigebracht bekommen, und deren Satzungetüme die Proportionen einer Tischunterhaltung sprengen, laufen auf die vollständige Unplanbarkeit allen Kriegsgeschehens hinaus, gerade weil die angehenden Offiziere lernen haben, an dessen geradezu gesetzmäßigen, in der Kriegsgeschichte vorgezeichneten Verlauf zu glauben—gleich, welches Land gegen welches andere kämpft. In ihrer bis in die kleinsten Details verästelten Leere gleichen sie der ebenso schlusslosen öffentlichen Debatte über Schuld oder Unschuld des als Spion verurteilten Hauptmanns Dreyfuss, die von keinerlei Informationen, sondern nur von vorgefassten Überzeugungen der Protagonisten der Affäre und des Publikums bestimmt sind.

  4. 643.

    10. Folge, Teil 2.
    Kurz vor einem Abendessen mit Saint-Loup und seinen Kameraden nimmt der Erzähler seinen Freund beiseite, um ihm trotz der drängenden Zeit endlich um die Vermittlung bei der erotischen Annäherung an die Herzogin von Guermantes zu bitten—erst dadurch, dass er gut zu ihr von ihm spricht, dann dadurch, dass er ihm seine Fotografie von ihr überlässt. Die Schilderung dieser verschlagenen Unterhaltung ist derart krass, dass sie sich kaum anders als selbstkritisch verstehen lässt, und zwar nicht nur als Missachtung eines Freundes, dem der Erzähler gleichzeitig das ‚du‘ anbietet, sondern auch als Manöver zur Beförderung seiner ‚Liebe‘.

  5. 642.

    10. Folge, Teil 1.
    Die Freundschaft Saint-Loups, das ansprechende Hotelzimmer und der tägliche Wechsel zwischen ungestörter Lektüre und angenehmer Gesellschaft versetzen den Erzähler bei seinen Wanderungen durch die Kleinstadt in eine Hochstimmung, in der, wie einst in der Landschaft um Combray, seine Begehrlichkeit auf junge Mädchen angeregt wird, die auf der Straße an ihm vorübergehen. Anders als dort hält ihn kein Anstand davor zurück, sie anzuspringen, so dass sie sich erschreckt von ihm losmachen müssen. Im Fluss der Erzählung werden diese Episoden nur auf das Kürzeste gestreift, so dass ihre moralische Fragwürdigkeit nicht zum Tragen kommt.

  6. 641.

    Die Andeutungen in Folge 8 (Saint-Loups Zimmer) sind tatsächlich subtil und vielsagend gehalten (virtuos!), während der Aufenthalt im Hotel nur die eine derartige Stelle (‚Umarmen’) aufweist, noch am ersten Abend vor dem Einschlafen. Einen abrupten Übergang sehe ich eigentlich gar nicht, nur eben das ‚Aussparen’ aller Bezüge zur Herzogin, v.a. beim Reflektieren über Schlafen/Aufwachen usw. am Morgen nach der ersten Nacht im Hotel (es sei denn, die Bemerkungen zur ‚Wärme’ wären so zu werten). Die Assoziationen wandern nach Balbec und Combray, den ‚Vorstufen’. Ich habe meinen Eindruck (s. Nr. 621) allerdings inzwischen modifiziert (s. Nr. 630/631).

  7. 640.

    Nochmals danke!, Herr Stellmann, die Analogie ‚Recherche’/‚Archäologie’ gefällt mir sehr. Vom Gesamt-‚Bau’ des Romans und seinem Ende weiß ich ja noch gar nichts, und je mehr ich hier mitschreibe, desto mehr verliere ich sogar die Lust, in irgendwelchen Inhaltsübersichten nachzuschauen (oder ihnen gar zu trauen). Mein Eindruck: der Roman als ‚konstruierte offene Form’ – ein Paradox womöglich, aber eine ‚Recherche’ ist garantiert eine Form, in der das Fragen dominiert und sich mit jedem ‚Fundstück’ (schöner Ausdruck) stets regeneriert, erweitert und ‚vertieft’ (graben!). Ein zweiter Eindruck inzwischen: Proust stellt beide Formen des Erinnerns/der Erinnerung, die unwillkürliche und die willkürliche (in Ihren Worten), in Wechselwirkung und lässt den Erzähler in diesem Echo-Modus seinen Erzählfluss anlegen.

  8. 639.

    ..Gefühl der Geborgenheit bleibt. Selbst das Hotel empfindet der Erzähler als anheimelnd, weil die dort „wohnenden“ Möbel und Räume ihn willkommen heißen und sich wie eine Einfriedung um sein Zimmer gruppieren, bereit, ihm im Falle von Schlaflosigkeit Gesellschaft zu leisten. In seiner Empfindung „umarmen“ die Wände das Zimmer. Ich finde diese Passage (ab der Betrachtung der Fotografie bis zur Beschreibung des Hotels) ziemlich raffiniert komponiert; besonders die „gleitenden“ Übergänge in abgestuften Entsprechungen sind mit großer Sorgfalt gestaltet, überall wird die Atmosphäre für den Leser spürbar. Der „Wechsel“ von den ausschließlich um Mme de Guermantes kreisenden Träumen und Gedanken des Erzählers zu Reflexionen über Schlafen, Träumen, Aufwachen im Hotel wirkt auf mich daher nicht abrupt, sondern geradezu virtuos.

  9. 638.

    ..als bei der Betrachtung der Fotografie. Durch Verschiebung von Assoziationen vollzieht sich ein subtiler Übergang von einer weiblichen Gestalt zu einer anderen (Analogie: der unerlaubte Blick; Kontrast: “sie“ wird ihre Schleier ablegen und den Erzähler zum ersten Mal direkt anblicken). Er spürt „ihre“ Nähe in der angenehmen Wärme des Zimmers, als er vom Fenster zurücktritt. Es ist die Hügellandschaft um Doncières, die er als weibliche Gestalt wahrnimmt und die ihn von jetzt an begleitet; ein Gefühl von Geborgenheit schwingt mit. Ihre unterschwellige Anwesenheit versetzt ihn in eine heiter-zärtliche Stimmung. Leider werden weibliche Substantive („colline“) in der Übersetzung z.T. mit männlichen („Hügel“) wiedergegeben, so dass im 2.Teil der Passage das Schwebend-Erotische, das die Schilderung durchzieht, verlorengeht. – Reminiszenzen an Combray und Balbec schließen sich an. Das erotische Moment tritt zurück, das ..

  10. 637.

    Dass Sie so oder ähnlich antworten, hatte ich gehofft.Ich habe mir den Übergang, der Ihnen zu abrupt vorkam, noch einmal genauer angesehen:In St Loups Zimmer genießt der Erzähler die ungestörte Betrachtung der Fotografie von Mme de Guermantes in dem Bewusstsein, dass ihm die Herzogin nie gestatten würde, sie derart intensiv in Augenschein zu nehmen. Er empfindet den eigenen Blick als unerlaubte Entblößung. Die festgestellte Ähnlichkeit der Gesichtszüge St Loups mit denen seiner Tante verweisen darauf, dass die Gefühle des Erzählers nicht so sehr der Herzogin als vielmehr dem Traumbild „Guermantes“ gelten. – Nach dem gemeinsamen Abendessen sieht der Erzähler am nächsten Morgen aus St Loups Fenster auf die ländliche Umgebung im Morgennebel. Im Halbdunkel belauscht er die erwachende Herbstlandschaft wie eine noch in ihr Nachtgewand gehüllte Frau.Mme de Guermantes erschien im Theater ganz in weißem Mousseline.Die erotischen Untertöne sind beim Blick aus dem Fenster deutlicher als ...

  11. 636.

    Und dennoch, mir gefällt die weitergedachte Analogie zur Archäologie. Am Ende der Recherche stehen wir vor einem wieder aufgerichteten Ort der Antike, der uns einen komplexen Eindruck der Vergangenheit gibt und gleichsam immer neue Fragen stellt, der Lücken lässt, Dinge nebeneinander stellt, die manchmal passen oder auch nicht (was nicht passt, ist im Nichtpassen ernstzunehmen und wird nicht etwa passend gemacht), und jedes noch so kleine, unscheinbare Fund- oder Bruchstück kann zum Katalysator der eigenen Erinnerungsarbeit werden oder das Bild verändern. Die Recherche ist offen, nicht hermetisch, ein Buch, darauf angelegt, dass der Leser nicht mit ihm fertig wird, sondern ihn in Bewegung hält. Damit sprengt Proust die Form... Drastischer Beisatz: Wer mit Proust fertig ist, muss ganz schön fertig sein.

  12. 635.

    Tja, für mich wäre das ein (!) Punkt, an dem meine werkimmanente Kritik ansetzen würde. Mir ist schon klar, dass Proust die Authentizität der unwillkürlichen Erinnerung höher ansetzt als jene der willkürlichen Erinnerung, doch ich frage mich, ob dem wirklich so ist. Meine Selbstbeobachtung zeigt mir,dass unwillkürliche Erinnerungen häufig emotional anders und stärker aufgeladen sind als bewusst herbeigeführte Erinnerungen, doch sind sie deshalb auch authentischer, unmittelbarer? Ich halte das für ein bedenkliches Konstrukt, das wichtig für die Konzeption der Recherche ist, mir aber nicht unbedingt einleuchtet... aber nun ja, mir leuchtet vieles im Leben nicht ein, grins

  13. 634.

    Danke, Herr Stellmann, die Stelle ist bemerkenswert. Wenn ich recht sehe, folgt sie auf die Wahrnehmung des Erzählers, wieder einmal die ‚gute Kindheitsmüdigkeit’ mit ihrer Verwurzelung in Erdenschwere zu empfinden . Der Erzähler ‚antwortet’ hier auf die Behauptung von ‚Dichtern’, dass man bei Wiederkehr an längst verlassene Orte erinnernd zurück in die Kindheit finden könne. Seine Replik darauf: entweder Archäologe sei (wie Sie schreiben) oder besser – aber ‚subtiler (...) , unfehlbarer und vergänglicher’ (!) – dank flüchtiger Eindrücke. Oh, Proust!

  14. 633.

    Wie so oft gibt Proust auch in der 9. Folge Hinweise zu seiner Arbeitsweise. Hier verwendet er das Bild des Archäologen.
    "Was die Erde trug, ist nicht mehr auf ihr, sondern unter ihr; ein Ausflug genügt nicht, um die tote Stadt zu besuchen, man muss Ausgrabungen machen." Der Erzähler als Archäologe des erzählten Ich's? Der Gräber, der die Fundstücke eines weiten Feldes zusammenträgt und daraus ein Ganzes zu rekonstruieren versucht. Und steht am Ende ein Pompeji des Subjekts, immer noch fragmentarisch zwar und dennoch aus dem Dunkel der verlorenen Zeit gerettet?

  15. 631.

    (...)
    Hier ist das Psychologische in einen übergreifenden Kontext gestellt, der uns auf das Quecksilbrige eines Erzählers blicken lässt, der - in erlesener Bildseligkeit sich ergehend - Liebesnot und Täuschungen zu kuppeln versteht.

  16. 630.

    Doncières: Es hat den Anschein, als wolle Proust seinen Erzähler die Assoziationen zu Einschlafen-Träumen-Aufwachen nicht unbedingt psychologisch 'plausibel' beschreiben lassen; deshalb schenkt sich das Ich wohl jede Erwähnung des Liebes-Begehrens (Folge 9). In Folge 10 nun wird deutlich, dass das Ich die Herzogin alles andere als ‚vergessen’ hat. - Die Fahrt zur Kasernenstadt Saint-Loups ist ein weiteres Manöver (der versuchten Eroberung). Die Nähe des Freundes ‚beflügelt’ den sonst ängstlichen Erzähler. Im folgenden Gespräch mit Saint-Loup spielt er mit verdeckten Karten. Für mich ist die Schlüsselstelle, die das egoistische Spiel allegorisch bündelt und verdeckt benennt, folgende Formel des Hochgefühls: „Ich meinte die Flügelschuhe Merkurs an den Füßen zu haben.“ Merkur: Götterbote, Kuppler, Patron der Händler und Diebe. >(...)

  17. 629.

    9. Folge, Teil 2.
    Im Widerspruch zu seinen früheren Beteuerungen, er sei für eine tiefe Freundschaft ungeeignet, sucht der Erzähler während der Angstzustände, die ihn beim Alleinsein befallen, Saint-Loups Beistand. Bei ihm findet er so viel Verständnis für seine Sorgen, dass er sofort wieder Mut fasst. Er sagt nicht, was das für Sorgen sind. Auch hier vermisse ich das Thema seiner ‚Liebe‘ zur Herzogin von Guermantes, um derentwillen er doch zu Saint-Loup gereist ist.

  18. 628.

    Das mach ich, falls ARTE antwortet. Neben der Schlöndorff-Verfilmung gibt es eine Verfilmung der "Wiedergefundenen Zeit", die ich nicht gesehen habe und eine mehrteilige französische Adaption der gesamten Recherche, die die "Handlungsabläufe" und Schlüsselszenen zusammenfasst, nun ja...
    Für sehr sehenswert halte ich den Film "Céleste" von Percy Adlon, der auf den Memoiren von Prousts Haushälterin basiert. Dazu kommen viele Dokumentationen durchaus unterschiedlicher Qualität. Man könnte also bequem einen Tag damit füllen.
    Zu den Proust-Verfilmungen: Proust arbeitete mit feinster Feder, das lässt sich nicht mit dem Pinselstrich der klassischen Spielfilmdramaturgie umsetzen...

  19. 627.

    9. Folge, Teil 1.
    Unverhofft findet der Erzähler an seinem Hotelzimmer so viel Gefallen, dass er einen Spaziergang durch die ganze Etage poetisch als vertrauten Dialog mit all ihren Türen, Räumen, Wänden, Teppichen und Möbeln schildert. Nach dem Eingeschlafen taucht er in eine ebenso topografisch aufgegliederte, aber weiträumigere Unterwelt hinab, in der alle Varianten von Träumen dem Schlafenden je nach dessen Verfassung zur Verfügung stehen. Merkwürdigerweise fehlen unter den vergangenen Momenten seines Lebens, die ihm dabei in den Sinn kommen, die erotischen Begegnungen, Sehnsüchte und Frustrationen, von denen dieses Leben bisher erfüllt war.