Hanne Trautwein, Hermann Lenz: Der Briefwechsel 1937 – 1946 © Suhrkamp/Insel
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Sachbuch - Hanne Trautwein, Hermann Lenz: Der Briefwechsel 1937 – 1946

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1937 lernte der angehende Schriftsteller Hermann Lenz an der Universität München die Studentin der Kunstgeschichte Hanne Trautwein kennen. Von da an schrieben sich die beiden regelmäßig Briefe ...

Am 13. Mai 1944 macht Hanne Trautwein nach langer Zeit mal wieder eine Spazierfahrt mit dem Rad. München ist knapp drei Wochen zuvor von den Alliierten schwer bombardiert worden und besteht aus lauter Ruinen. Aber der Tag ist vom Wetter her ein "wundervoller", wie Trautwein ihrem Freund und späteren Ehemann Hermann Lenz schreibt, und das üppig wuchernde Frühlingsgrün macht den Anblick der zerstörten Häuser einigermaßen erträglich.

Trautwein lässt es ziellos laufen, kreuz und quer durch den Englischen Garten, um schließlich "vor dem Thomas seinem Haus" zu landen. Gemeint ist Thomas Manns schon länger leer stehende und ebenfalls schwer beschädigte Villa am Herzogpark in Bogenhausen, die sich Trautwein dann von innen anschaut, zumindest unten, weil die Treppe zu den oberen Stockwerken eingestürzt ist. Esszimmer, Salon,  Arbeitszimmer – sie wandert umher, erinnert sich an Passagen aus Manns Büchern und konstatiert am Ende ihres Briefes, "dass eine leise Verklärung über dem heutigen Tag liegt und dass ich ein reines und wohltuendes Gefühl im Herzen hab', wenn ich daran zurückdenke."

Liebe zur Literatur, Verehrung für Thomas Mann

Es ist dies einer der schönsten und bezeichnendsten Briefe aus der erstmals veröffentlichten Korrespondenz der Kunsthistorikerin und langjährigen Klett-Lektorin Hanne Trautwein und dem Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Hermann Lenz.  577 Briefe und Postkarten der beiden aus den Jahren 1937 bis 1946 umfasst der über 1000seitige Band; genauso viele dürften verschollen sein, gerade von Trautwein, weil Lenz als Soldat des Zweiten Weltkriegs kaum in der Lage war, die Briefe Trautweins alle aufzuheben und mit sich zu führen. Thomas Mann ist einer der literarischen Helden von Trautwein und Lenz. Schon im allerersten Brief von Lenz, an das "liebe Fräulein Trautwein" da noch gerichtet, spielt er auf "Tonio Kröger" und die Novelle "Unordnung und frühes Leid" an, und das Haus der Manns ist in den Münchener Jahren der beiden immer mal wieder ein Anlaufpunkt, eine Art fetischisiertes Trostgebäude.

Die Liebe zur Literatur, sie ist eines der Überlebensmittel dieses Paares, das sich 1937 im kunsthistorischen Institut der Universität München kennen und lieben lernt und sich trotz schwierigster Zeiten und nur seltener Begegnungen in den Kriegsjahren die Treue hält, bis zum Tod von Hermann Lenz 1998 (sie stirbt 95-jährig 2010). Sie ist die Tochter des Mikrobiologen Kurt Trautwein, der als erklärter Nazi-Gegner schon ab 1934 nicht mehr lehren darf, und der jüdischen Secessions-Malerin Marie Cohen; er der Sohn aus einer eher kleinbürgerlichen Beziehung. Sein Vater, ein Stuttgarter Studienrat, versuchte ihn, in die SA zu drängen, der Vorteile halber, was Lenz aber verweigerte. Während sich Trautwein also trotz der Konversion der Mutter zum Katholizismus als "Halbjüdin" latent der Gefahr ausgesetzt sieht, deportiert zu werden, gerade in den vierziger Jahren, wird Lenz erstmals 1938 zu einer Wehrmachtsübung eingezogen, nimmt 1940 am Frankreich-Feldzug teil und ist schließlich ab dem April 1941 ständig als Soldat im Kriegseinsatz, bis zu seiner Gefangennahme im Frühjahr 1945 durch die Amerikaner und der Internierung in den USA bis Anfang 1946.

Natürlich findet sich all das in der Korrespondenz der beiden wieder, wenn gleich die Pogromnacht am 9. November 1938 keine Erwähnung findet und auch die Deportationen kaum Thema sind (was womöglich mit der Militärzensur zu tun hat, beide wollten sich gegenseitig nicht kompromittieren).  Aber hier stöhnt Lenz zum Beispiel über das "Qualvolle" seines Weihnachtens des Jahres 1942 in Estland, wo seine Einheit stationiert ist, "erdrückt von der riesigen Hässlichkeit der schnellen Züge, vollgestopft mit Soldaten, der Trostlosigkeit zerstörter russischer Städte und vieler andrer unschöner Dinge". Und dort spricht wiederum sie von dem "Scheißhaufen", der die Menschheit ist, und fragt sich, warum es keine Stille mehr gibt, warum die Menschheit laut und böse ist, "überall ist Lärm und Hasten und Begierde und Tränen und Blut".

Viel Nostalgie

Mehr noch aber tauschen sich Lenz und Trautwein in ihren Briefen über gegenseitige Lektüren aus, über Passagen in Büchern von Autoren wie Möricke, Stifter oder eben Mann, von weniger bekannten wie Kasimir Edschmid, Otto Gmelin oder Jules Romains. Und daraus oft resultierend über ihre Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, nach imaginierten Rückzugsorten wie dem Wien des 19. Jahrhunderts. Oder über ihre Träume von einem Häuschen am Bodensee oder einer Bienenzucht irgendwo versteckt im Böhmerwald.

In dieser Vorstellungs- und Rückzugswelt scheint es viel Nostalgie zu geben, eine Verklärung vergangener Zeiten und ihres vermeintlichen Glanzes. Früher war vieles besser, so wirkt das, ohne dass das Paar die Verhältnisse von ehedem genauer in den Blick nimmt. Doch diese Vergangenheitssehnsucht erschließt sich durch die Verhältnisse, denen Trautwein in München  -  erst im Arbeitsdienst, dann als Mitarbeiterin des Auktionshauses Weinmüller und schließlich 1944/1945 als Zwangsarbeiterin in einem Straßendepot -  und Lenz als Soldat in Russland ausgesetzt sind. Und sie zeugt im Zusammenspiel mit der Natur- und Kunstgläubigkeit beider auch vom Festhalten kultureller Werte in barbarischen Zeiten, davon, dass es gilt, Gegenwelten zu entwerfen, um weiterleben zu können.

Nicht zuletzt gehört dieser Gegenentwurf zum poetischen Programm des Schriftstellers Hermann Lenz in den kommenden Jahrzehnten. Das zeichnet sich in diesen Briefen schon ab. Sie lassen sich schön als Blaupause für das dann kommende Werk lesen, einerseits für Romane wie "Der innere Bezirk" oder "Der Kutscher und der Wappenmaler", andererseits für Lenz' autobiografisches Großwerk "Vergangene Gegenwart", das man als herausragenden Vorläufer von moderneren Erinnerungsromanzyklen wie denen eines Karl Ove Knausgard ("Min Kamp"), eines Peter Kurzeck ("Das alte Jahrhundert") oder eines Andreas Maier ("Ortsumgehung") bezeichnen kann. 

Hervorragend ediert

Lenz erzählt darin das Leben seines Alter Egos Eugen Rapp, von dessen Herkunft bis zu den letzten Jahren in der Nachwende-Gegenwart, und natürlich kommen da auch die Lenz so prägenden Jahre 1937 bis 1946 vor. "Neue Zeit" heißt dieser 1975 veröffentlichte dritte Teil des Zyklus‘,  der von dem Herausgeber der Trautwein/Lenz-Korrespondenz, Michael Schwidtal, auch immer wieder genannt und herangezogen wird, um die Parallelitäten zwischen Erlebtem und oft nur notdürftig Fiktionalisiertem zu dokumentieren, kurzum: die Größe der Erinnerungskunst von Lenz.

Viele Passagen in den Briefen von  Lenz und auch von Trautwein deuten auf das hin, was Lenz später schreiben oder seinen Eugen Rapp sagen oder denken lassen wird.  Zum Beispiel stöhnt Lenz 1940 darüber, wie nutzlos er seine Zeit verbringt im Krieg,  Zeit, "in der man vielleicht einen Baustein für sein Lebenswerk hätte schaffen können". Oder dass er sein Leben bislang gar nicht so übel gelebt habe, "nur hätte ich ausschließlich dem leben sollen, was mich im Innern ausmacht, das werde ich mir für später eine Lehre sein lassen." Oder er schon als Teenager empfunden habe, "dass ich neben der Zeit leben muss".

Lenz schreibt während seines jahrelangen Kriegseinsatzes auch eigene Prosa und arbeitet seine 1938 in der "Neuen Rundschau" veröffentlichte Erzählung "Das stille Haus" zu einem Roman aus. Hanne Trautwein tut es ihm nach, auch von ihr gibt es Erzählungen, die kurz nach dem Krieg veröffentlicht werden. Sie opfert schließlich ihm zugunsten ihre eigenen Ambitionen  - ob das heute noch möglich wäre? Für Hermann Lenz schließlich, auch davon zeigt dieser im Übrigen hervorragend edierte Briefwechsel, sind die Jahre von 1937 bis 1946 tatsächlich von literarischen Nutzen. So wie er es einmal auf einer Feldpostkarte notiert: "Aber wer weiß, vielleicht wird dieses Lebenswerk durch den gegenwärtigen Zustand, durch den man hindurch muss, nur gefördert; möglich ist ja alles und nehmen wir also einmal das Günstigste an."  

Gerrit Bartels, kulturradio

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