Svenja Flaßpöhler, Florian Werner: "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer"
Blessing Verlag
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Sachbuch - "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer"

Bewertung:

Svenja Flaßpöhler und Florian Werner, eine Philosophin und ein Literaturwissenschaftler, sind ein Paar und haben zusammen zwei Kinder. Bei dieser Konstellation kann man sich gut vorstellen, dass am Familientisch zwischen Lätzchen und Babybrei durchaus auch über die philosophischen Dimensionen der Elternschaft diskutiert wurde.

Eine Besonderheit von Svenja Flaßpöhlers und Florian Werners Buch "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer" besteht darin, dass hier nicht nur eine Frau oder ein Mann darüber schreiben wie das ist, Mutter oder Vater zu werden und dann zu sein, sondern ein Paar abwechselnd berichtet, wie sich das Leben verändert erst mit einem Kind –  einer Tochter – und ein paar Jahre später mit zwei Kindern, als Flaßpöhler noch einen Sohn bekommt. Und weil Flaßpöhler Philosophin ist und Werner Literaturwissenschaftler, haben sie über die philosophischen Dimensionen des Elternseins nachgedacht. Darüber, ob Kinder die Wahrnehmung der Zeit verändern, was es überhaupt bedeutet, ein Kind in die Welt zu setzen oder was es mit der Dominanz der Mutter auf sich hat.

Schon in ihrem Vorwort ziehen beide Hannah Arendt zu Rate, für die Existieren vor allem Neuanfangen bedeutet. Jedes Kind ist ein Neuanfang. Oder Platon und dessen Begriff der Hebammenkunst: Nur im Zusammenspiel zweier vertrauter Menschen können neue Gedanken zur Welt kommen – so wie es in der Regel stets Geburtshelfer und Geburtshelferinnen gibt, Kinder selten allein auf die Welt kommen.

Flaßpöhler und Werner erzählen im Wechsel unter kurzen Einträgen von A wie "Anfangen" oder "Antiapokalypse" über M wie "Männliche Ohnmacht" oder "Menschenfresser" bis hin zu Z wie "Zeit" oder "Zufall", wie sich das als Mutter oder Vater anfühlt, von der Entscheidung, ein Kind zu bekommen bis hin zu entscheidenden Lebensveränderungen im Paar- und Familiengefüge. Flaßpöhler und Werner greifen sich immer mal wieder auch ins Wort – und dann geht es um die Geburt im Kreißsaal, ums Babyschwimmen, ob eine schwangere Frau schön ist oder doch eher grotesk anmutet, wie Werner das findet. Oder wie es für ihn als Mann bei der Geburt war, warum er in den Tagen danach immer wieder zu weinen anfing, was es auf sich hat mit diesen Freudentränen, warum man die Exkremente der eigenen Kinder so gut riechen kann, und nicht die der anderen und so weiter und so bekannt.

Beide bemühen sich, eigene Lektüren mit ins Eltern-Kinder-Spiel zu bringen, gewissermaßen, von Nietzsche über Schopenhauer bis zu Lawrence Sterne, von Platon über Hannah Arendt bis zu Hans Blumenberg und seinen Überlegungen, dass der moderne Mensch immer weniger Zeit habe für immer mehr Möglichkeiten und Wünsche. Oder Stichwort Antiapokalypse: Da erörtern Flaßpöhler und Werner Arendts Neuanfangsthese, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte unzähliger kleiner Welterschaffungen ist, gerade weil Kinder geboren werden. Aber was ist jetzt mit der Überbevölkerung, den bald neun oder zehn Milliarden Menschen, die auf der Erde womöglich bald leben und sie zum Implodieren beginnen? Eigentlich sei die Geburt eines Kindes "keine Garantie des Heiles in der Welt" mehr, wie Hannah Arendt einst schrieb.

Manche Überlegungen in diesem Buch sind originell, manche hübsch. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier einfach nur ein weiteres Elternerfahrungsbuch präsentiert zu bekommen, nur in einem originelleren Gewand, eben mit dem philosophischen Surplus. Vielleicht liegt es an der Chronologie, dass Elternschaft hier nur vom Anfang gedacht ist, die Zielgruppe eindeutig die der jungen Eltern ist. Die Pubertät ist naturgemäß noch kein Thema (die Tochter der beiden ist gerade erst elf Jahre alt, steht also erst noch kurz vor diesem Lebensabschnitt) und letztendlich bedeutet Kind- und Elternsein ein lebenslanges Abenteuer, über das sich genauso und vermutlich noch besser philosophieren ließe, was Flaßpöhler und Werner aber nicht tun. So kommen das lexikalische Häppchen-Format und die Originalität in "Zur Welt kommen" noch vor der philosophischen Tiefe.

Gerrit Bartels, kulturradio

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