Buchcover: "Nach der Flut das Feuer"
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The Fire Next Time - James Baldwin: "Nach der Flut das Feuer"

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Plötzlich ist James Baldwin wieder in aller Munde und wird als das (wieder)entdeckt, was er immer war: Die vielleicht sprachmächtigste, literarisch und politisch eindringlichste Stimme des schwarzen Freiheitsstrebens und Bürgerprotests in den Vereinigten Staaten. 

Leben und Werk des 1987 verstorbenen Autors wird dokumentarisch aufgearbeitet, seine Romane neu aufgelegt, verfilmt und übersetzt. Nach "Von dieser Welt" und "Beale Street Blues" erscheint jetzt bei dtv auch eine Neuübersetzung seines Buches: "Nach der Flut das Feuer" (The Fire Next Time), das 1963 großes Aufsehen erregte auch jetzt wieder für Diskussionsstoff sorgt.

Zeitlose Dringlichkeit

Wer auch nur eine einzige Zeile von Baldwin liest und sich mit seinem Leben beschäftigt, spürt die aktuelle und zeitlose Dringlichkeit des Werkes spürt.

Die Baldwin-Renaissance begann in den USA schon vor einigen Jahren, als Präsident Barack Obama James Baldwin als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnete, dessen Gedanken ihn immer wieder inspirieren würden. Aber gerade mit Blick auf Baldwin fällt umso mehr auf, dass vieles von dem was er vor 50, 60 Jahren in seinen Romanen und Essays beschrieben hat, noch heute bittere soziale Realität ist und politisch brisanten Zündstoff bereit hält: Auch von Obama wurde daran nichts geändert, und jetzt - unter der Präsidentschaft von Donald Trump und im letzten verzweifelten Gefecht des beleidigten Weißen Mannes - tritt es wieder ganz offen zutage: Die Schwarzen haben, wie Baldwin es in seinen Romanen beschrieben hat, entweder keine oder schlecht bezahlte Jobs, sie suchen Zuflucht in Alkohol und Drogen, in krause Weltanschauungen oder religiösen Fanatismus, sie sind für die weiße Polizei Freiwild und werden nach Gutdünken verhaftet und weggesperrt: Diskriminierung, Unterdrückung, Ausbeutung ist alltägliche Erfahrung.

Die "Beale Street" ist immer und überall: "Alle "Nigger"", wie Baldwin es provozierend sagte, "stammen aus der Beale Street. Die Beale Street ist unser Erbe." Und genau darum geht es heute wie schon damals: das Erbe von Rassismus und Diskriminierung offen zu legen und die Gesellschaft vom Kopf auf die Füße zu stellen!

Den Lauf der Weltgeschichte ändern

Für Baldwin können Rassismus und Diskriminierung nur beendet werden, wenn beide, Schwarze wie Weiße, sich von ihren rassistischen Vorurteilen lösen und sich von ihrer Wut, ihrer Scham und Schuld befreien.

Im Titel des Buches, "Nach der Flut das Feuer" (The Fire Next Time), erinnert Baldwin, der in seiner Jugend selbst tief religiös war und als Prediger auftrat, an den biblischen Bund Gottes mit Noah und kombiniert die Prophezeiung der Sintflut mit einem Gospel-Song, in dem gefordert wird, dass Gott beim nächste Mal nicht Wasser, sondern Feuer regnen lassen sollte, um den Sünden der Menschen ein Ende zu bereiten.

Wenn es nach dem Willen der religiösen und politischen Fanatiker der "Black Muslims" und der "Nation of Islam" ginge, die in den 1960er starken Zulauf und in Malcolm X einen charismatischen Anführer hatten, würden die Schwarzen lieber heute als morgen das Feuer schicken, mit Hilfe Allahs in einer blutigen Revolution die Weißen besiegen und einen eigenen Schwarzen Staat auf amerikanischem Boden erschaffen.

Für Baldwin eine Horror-Vorstellung, religiöser Wahn und politischer Stumpfsinn: Statt auf den Weißen Rassismus mit Schwarzem Rassismus zu reagieren, geht es darum, sich des Erbes bewusst zu werden, eine neue, eigene Identität zu schaffen, sich darüber zu verständigen, wie eine freie Gesellschaft aussehen könnte.

Statt Rache zu üben für erlittenes Leid geht es darum, gemeinsam den "rassistischen Alptrau"“ zu beenden, gemeinsam gegen Macht und Herrschaft zu protestieren, das Land neu zu gestalten, den Lauf der Weltgeschichte zu ändern.

Mit Liebe zwingen

Baldwin ist ehrlich und authentisch, stilistisch brillant und literarisch versiert: Das zweiteilige Buch beginnt Baldwin mit einem persönlichen Brief an seinen 15-jährigen Neffen James zum hundertsten Jahrestag der Sklavenbefreiung: Baldwin schärft dem Jungen ein, trotz der alltäglichen sozialen Misere die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern sich der eigenen Stärke und Identität zu vergewissern: James solle nie vergessen, dass das, was ihm angetan wird, nicht von seiner eigenen Minderwertigkeit zeugt, sondern von der Unmenschlichkeit und Angst der Weißen.

Wenn von "Akzeptanz" und "Integration" geredet wird, solle James nicht glauben, er müsse so werden wie die Weißen und dafür sorgen, dass die Weißen ihn akzeptieren: "Die schreckliche Wahrheit ist", schreibt Baldwin, "Du musst sie akzeptieren." Und wenn das Wort "Integration" überhaupt etwas bedeute, schreibt Baldwin, dann "dass wir unsere (weißen) Brüder mit Liebe dazu zwingen werden, sich selbst so zu sehen, wie sie sind, dass wir nicht länger vor der Wirklichkeit davonlaufen, sondern sie nach und nach ändern."

Und Baldwin endet seinen Brief an den Neffen mit Worten, die auch von Martin Luther King stammen könnten: "Du weißt es, und ich weiß es: Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh. Wir können erst frei sein, wenn sie frei sind."

Das Unmögliche ist das Mindeste

Danach folgt - ausgehend wiederum von seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen - eine historische Analyse zur Ausbeutungsgeschichte der Schwarzen und ein politisches Statement zur Befreiung aus Not und Elend: Baldwin beschreibt, wie er sich als Jugendlicher gegen die Versuchungen von Alkohol und Drogen erwehren musste und in eine tiefe Glaubenskrise kam; wie er sich vom Opium der Religion lossagte und sich dazu entschloss, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das Kreuz der doppelten Diskriminierung - als Schwarzer und als Schwuler - selbstbewusst auf sich zu nehmen.

Er erzählt, dass er stolz ist auf sich und seine Geschichte, obwohl er seinen Namen von einem Weißen bekommen hat, der vor vielen Jahren seinen aus Afrika versklavten Vorfahren gekauft hat; dass er stolz ist auf sein Land, obwohl er sogar noch als erfolgreicher Autor in der Bar von einem weißen Kellner als "Negro Boy" beleidigt wird und keinen Drink bekommt. Er berichtet, wie bizarr es ihm vorkommt, wenn die Weißen - die andere Religionen und Rassen diskriminieren und den Massenmord an den Juden zu verantworten haben - auf ihre moralischen und kulturellen Werte pochen.

Er notiert, wie er mit mit den "Black Muslims" diskutiert und die Glaubenssätze der "Nation of Islam" - dass alle Weißen Teufel seien und die Herrschaft der Weißen bald ein Ende haben wird - für blanken Unsinn hält. "Hautfarbe", meint Baldwin, ist "keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität", und die gilt es radikal zu verändern, damit alle - weiß und schwarz - frei sein können.

"Ich weiß, ich verlange Unmögliches.", sagt Baldwin. "Doch in unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann." 

Frank Dietschreit, kulturradio

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