Sorj Chalandon: "Am Tag davor"
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Roman - Sorj Chalandon: "Am Tag davor"

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Der Franzose Sorj Chalandon ist nicht nur ein bekannter Romanautor, sondern auch ein profilierter Journalist. Fast fünfunddreißig Jahre lang, von 1973 bis 2007, berichtete er für die linksliberale Tageszeitung "Libération" aus dem Nahen Osten und Afrika. Jetzt ist sein achter Roman auf Deutsch erschienen: "Am Tag davor" heißt er und erzählt die Geschichte einer tragischen Bruderliebe.

Kein Zweifel, man merkt dem Buch an, dass der Autor journalistisch vorgeprägt ist. Der Roman verbindet ein fiktives persönliches Schicksal mit einem Ereignis, das tatsächlich stattgefunden hat: einer großen, heute fast vergessenen Tragödie des französischen Bergbaus. In Liévin, einer kleinen Zechenstadt im hohen Norden Frankreichs, kamen im Jahr 1974 bei einem Grubenunglück 42 Bergleute ums Leben.

Die Bergbaugesellschaft geriet daraufhin ins Visier, es hieß, man habe um des Profits willen die Sicherheitsvorschriften vernachlässigt. Ein Gerichtsprozess zog sich hin und endete nach Jahren mit lächerlichen Strafzahlungen. Die so tragische wie wahre Geschichte wäre eine Steilvorlage für ein Sozialdrama in klassischer Manier: über die armen, aufrechten Malocher, die von den reichen, korrupten Bossen ausgebeutet werden. Wie in einem Film des wackeren Klassenkämpfers Ken Loach.

Hasenbrot, mit Kohlenstaub gewürzt

Eine solche Schmonzette im Schwarz-Weiß-Schema schwebt Chalandon zwar nicht vor, seiner Hauptfigur freilich schon: Michel Flavent wird von einem fast blinden Hass auf "die da oben" getrieben. Das hat seine Gründe: Er verlor im Dezember 1974 seinen Bruder. Der gehörte zu jenen, die für die Katastrophenschicht eingeteilt waren. Er starb mit gerade mal 30 Jahren.

Michel hat den älteren Bruder geliebt, bewundert, verehrt – wohl auch deshalb, weil dieser dem archaischen, fast mystischen Beruf des Bergmanns nachging. Gefahr und Erleichterung waren immer spürbar, wenn der halbwüchsige Michel das "Hasenbrot" des Bruders aß – die mit Kohlenstaub gewürzte Schmalzstulle, die von der Schicht im Schacht zurückgekehrt war. Wenn die Kumpel morgens in die Tiefe fuhren, war immer damit zu rechnen, dass sie abends nicht lebend hinaufkämen.

Man erfährt in diesem Buch einiges über die Lebenswelt der Bergarbeiter in jenen Jahren. Chalandon reichert das Milieu der Zechensiedlungen mit vielen kleinen, authentischen Details an. Wir sehen hustende alte Männer mit Staublunge, die sich kreidebleich durch die Straßen schleppen. Wir sehen, wie der junge Bruder dem älteren den Kohlendreck liebevoll unter den Fingernägeln wegschrubbt.

Six pieds sous terre, Jojo

Ein besonders wichtiges Detail ist die sogenannte "Lampenmarke". Dieses kleine Metallplättchen mit eingravierter Kennzahl gibt der Bergmann bei Schichtbeginn in der sogenannten Lampenstube ab und erhält dafür seine Grubenlampe. Bei Schichtende erfolgt der Gegentausch. Wenn in der Lampenstube eine Marke übrigbleibt, heißt das: Ein Mann ist untengeblieben. Michel Flavent hat die Lampenmarke seines Bruders seit dessen Tod um den Hals getragen – von 1974, als er 16 war, bis in die Gegenwartshandlung im Jahr 2014, als er 56 Jahre alt ist.

Den Tod des Bruders hat Michel nie verarbeitet. Er sagt, dass er sich den Brudernamen – Joseph, genannt Jojo, wie in Jacques Brels Chanson – ins Gehirn, in die Eingeweide, ins Herz "graviert" habe. Vom Vater, der sich erhängte, soll es einen Abschiedsbrief geben, der Michel zur Rache "an der Zeche" auffordert. Seit Jahrzehnten schwebt ihm als großes Finale der Mord an dem Vorarbeiter vor, der damals für die Sicherheit im Schacht zuständig war. Der hat bei den Trauerfeierlichkeiten keine Träne vergossen, der hat sogar eine Krawatte getragen – was anderes als ein Verräter am kleinen Mann sollte er sein?

Eine glaubhafte Hauptfigur

Als Michels Frau stirbt, die ihm als einzige noch ein wenig Halt gab, kehrt er, der gelernte Parisien, in seine Heimatstadt zurück, mietet unter falschem Namen eine Wohnung und macht sich auf die Suche nach dem Mann mit der Krawatte. Als er ihn schließlich aufspürt, stellen sich die Dinge indes ein wenig anders als vermutet dar.  

Das klingt nach Kriminalgeschichte und spannender Aktion. Doch der Roman lässt sich anfangs viel Zeit, um die Vorgeschichte zu erzählen und die Hauptfigur glaubhaft einzuführen. Man spürt, unter welchem Druck Michel sein Leben lang stand, dass er ein eigenes Leben gar nicht führen konnte – auch wenn er seinen Beruf als Fernfahrer offenbar nicht ungern ausgeübt hat.

Ein Roman der vielen Register

Das ist alles eher karg erzählt, eben mit den Worten eines Mannes, der nicht gern zu viele Worte macht. Dann aber, zur Mitte des Buches, werden die Karten neu gemischt, und der Leser kann sich auf eine jähe Wendung gefasst machen. Nun wird aus der Charakter- und Milieustudie ein Psychothriller, in dem eine Familientragödie ans Licht kommt und die Verstrickung der Hauptfigur neu beleuchtet wird. Schließlich mündet das Ganze gar in ein packendes Gerichtsdrama.

Sorj Chalandon zieht in diesem spannenden Roman ganz unterschiedliche Register. Das macht er sehr gekonnt, sodass man als Leser wirklich gebannt ist – wozu die gelungene Übersetzung von Brigitte Große ein Übriges tut. Vor allem eines gelingt ihm dabei ganz großartig: den 42 fast vergessenen Opfern ein Denkmal zu setzen. Und das war ihm vermutlich das wichtigste Anliegen.

Steffen Jacobs, kulturradio

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