Claudio Magris: "Schnappschüsse"
Carls Hanser Verlag
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Literarische Momentaufnahmen - Claudio Magris: "Schnappschüsse"

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Der 1939 in Triest geborene Claudio Magris ist einer der einflussreichsten Intellektuellen Europas. Jetzt hat der inzwischen 80jährige Autor ein neues Buch veröffentlicht: "Schnappschüsse".

Der 1939 in Triest geborene Claudio Magris ist einer der einflussreichsten Intellektuellen Europas. Promoviert hat der langjährige Professor für Deutsche Literatur mit einer Arbeit über den "Habsburgischen Mythos der österreichischen Literatur."

Einem großen Publikum bekannt wurde er als Schriftsteller und Essayist mit dem Buch "Donau - Biografie eines Flusses": Eine 3000 Kilometer lange literarische Flussfahrt von der Quelle in Deutschland bis zur Mündung in Rumänien, mit der er sich als Vermittler zwischen den europäischen Kulturen ausgewiesen hat.

Jetzt hat der inzwischen 80jährige Autor ein neues Buch veröffentlicht: "Schnappschüsse".

Literarisch-essayistische Miniaturen

Es sind improvisierte literarische Momentaufnahmen, wie nebenbei notiert, mit kurzer Belichtung und schnellem Auslöser: Eindrücke, Einsichten, Beobachtungen, Gehörtes und Gelesenes: Magris hat gerade etwas gehört, gesehen oder gelesen und macht sich jetzt seinen schnellen Reim drauf, versucht von den kleinen Alltags-Details, die er da gerade mit seiner literarischen Kamera festgehalten hat, ins Allgemeine, manchmal auch ins Existenzielle und Philosophische abzudriften, dem Gott der kleinen Dinge auf die Spur zu kommen.

Magris versammelt in seinem Buch 50 solcher literarisch-essayistischen Miniaturen aus den letzten 20 Jahren: Traurige und lächerliche, seltsame und verrückte Momentaufnahmen, die von der Dummheit und Eitelkeit der Menschen erzählen, von Niedertracht und Edelmut, vom Bösen und vom Guten, von den Kuriositäten des Lebens und von den winzigen Gesten, in denen sich manchmal große Gefühle widerspiegeln.

Mal geht es um Ehestreitigkeiten, in den die ganze menschliche Komödie aufblitzt, mal geht es um politische und sprachliche Korrektheit von Gutmenschen, die zu Zensoren werden und die am liebsten alles, was nicht ihrer Weltsicht entspricht, verbieten und auslöschen wollen. Mal beobachtet Magris die im Meer vor Triest Badenden, die leicht bekleidet und sonnenhungrig ihre sozialen Schranken und manchmal auch ihr gutes Benehmen fallen lassen, mal notiert er, wie es Reisenden ergeht, die bei Schnee und Eis in einem Zug festsitzen und kurz davor sind ihren stillen Frust in eine offene Rebellion zu verwandeln.

Alles in Ordnung

Eine dieser Geschichten, die oft nur zwei, drei Seiten kurz sind, heißt "Alles in Ordnung": Magris hat es in die italienische Kleinstadt Schio verschlagen, die ehedem als Zentrum der Textilindustrie reich und berühmt war, doch seit die Karawane weiter gezogen ist und Kleidung billig in Fernost produziert wird, ist die Stadt verarmt, öde, trostlos und einsam.

So einsam wie sich jetzt auch Magris fühlt, der abends allein in einer Pizzeria sitzt und Abendbrot isst, nur ein einziger anderer Gast verliert sich in der Weite des Raumes, was die Einsamkeit noch erdrückender und unerträglicher macht. Magris geht vor die Tür, um eine Zigarre zu rauchen und der bedrückenden Atmosphäre zu entkommen. Er setzt sich in seinem schicken neuen Anzug auf den Gehsteig und raucht, da kommt eine Gruppe jungen Menschen vorbei, unter ihnen auch - an der Hautfarbe leicht erkennbar - ausländische Flüchtlinge und Immigranten aus Afrika, aber sie suchen keinen Streit mit dem müden Alten, sondern sie sind besorgt und fragen, ob mit ihm alles in Ordnung ist.

So kommen er die die jungen Leute ins Gespräch, tauschen ein paar Nettigkeiten und Informationen aus, dann trennt man sich wieder, fröhlich und lachend: Für Magris, dem überzeugten Menschenfreund, ist die Welt wieder lebenswert, es ist doch noch ein schöner Abend geworden, und er weiß jetzt: Alles ist in Ordnung. 

Seelöwe

Ein andere Momentaufnahme heißt "Seelöwe":
Magris badet im Meer, lungert auf den Klippen vor Triest herum, beobachtet die anderen Sonnenhungrigen, sieht wie ein junges Mädchen, schön und unnahbar wie eine griechische Göttin, den Fluten entsteigt, schon ist sie umringt von pubertierenden Jungs, die sie belästigen und begrapschen. Magris weiß nicht was er tun soll, hat Angst eingreifen zu müssen, sich lächerlich zu machen und Prügel zu beziehen, da erhebt sich ein korpulenter alter Mann, baut sich vor den grölenden Kids auf, droht ihnen Schläge an, wenn sie ihr vulgäres Treiben nicht unterlassen und vertreibt die lauten Nervensägen wie lästige Fliegen.

Dann kommt die Gattin des alten Mannes, die zwischendurch etwas zu erledigen und vom Vorfall nichts mitbekommen hat, wieder an die Badestelle, fängt sofort an ihren Mann zu bevormunden, ihn streng zu ermahnen, sich bei dem kühlen Wind doch bitte wärmer anzuziehen. Und als der Alte Anstalten macht, baden zu wollen, verbietet sie ihm regelrecht, ins kalten Wasser zu steigen. Der alte Mann gehorcht, zieht sich wieder an, blickt traurig aufs Meer und erinnert Magris an einen Löwen im Zirkus, der weiß, dass er, hinter Gittern eingekerkert, die Zuschauer leider nicht fressen kann.

Es aber gern tun würde, so wie er vielleicht auch gern mit den jungen Burschen, die sich jetzt im Wasser vergnügen, herumtollen würde, wenn er denn könnte und dürfte - doch dafür müsste er den Mut haben, sich gegen die Regeln seiner Ehe und die Herrschaft seiner Gattin aufzulehnen. 

König Thomas Mann

Neben den eher privaten Schnappschüssen gibt es auch Momentaufnahmen, in denen der Schriftsteller und Intellektuelle zum Vorschein kommt:
Einmal beobachtet er auf einem Literatur-Kongress, wie ein neben ihm sitzender Kollege vor Langeweile einfach wegdöst und sein sonst so selbstbewusstes, arrogantes, stolzes Antlitz völlig seine Form verliert und aus dem bedeutenden Schriftsteller für Momente ein gesichtsloser, hässlicher alter Mann wird.

Oder Magris macht sich seine ironischen Gedanken darüber, wie der Zensor zum Typus des Neuen Schriftstellers wird, weil neuerdings jedes Wort und jeder Satz auf die Waagschale der politischen Korrektheit gelegt wird: Ein Betätigungsfeld für Legionen von Schriftstellern, die nichts anderes zu tun hätten, als alle Texte der Weltliteratur - von Homer bis Dante, von Manzoni bis Thomas Mann - von missliebigen Wörter zu reinigen. Ein Hoch auf die repressive Toleranz, die im Namen der Demokratie ohne mit der Wimper zu zucken Toleranz und Demokratie abschafft!

Apropos Thomas Mann: In der Momentaufnahme "Die heiligen Stunden" beschreibt Magris, was er in einem Essay von Rob Riemen über den "Adel des Geistes" gelesen und was ihn zutiefst erschüttert hat: Es ist der 1. September 1939, die Nachricht vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommt grad im Radio. Doch weder die Gattin noch die Tochter wagen es, an der Tür zum Arbeitszimmer von Thomas Mann zu klopfen und seine "heiligen Stunden" des Schreibens in seiner weltabgewandten Klause zu unterbrechen.

Das Werk des Mannes scheint den Damen wichtiger als der Weltkrieg. Für Magris eine tragische Farce, die die Hochachtung für sein geniales Werk in eine unfreiwillige Parodie verwandelt und ihn an einen König erinnert, der darüber nachdenkt, ob er ins Bett oder aufs Klo mit der Krone auf dem Haupt gehen muss. 

Ein Selfie mit Erkenntnisgewinn

Heute hat jeder ein Smartphone und macht ständig Schnappschüsse, die er in die Welt hinaus "postet". Natürlich spielt auch die digitale Moderne bei Magris eine Rolle, er ist ja nicht von gestern, nur weil er bereits 80 Jahre auf dem Buckel hat und sein Triester Stammcafé zum Arbeitszimmer macht und dort seine Texte mit der Hand verfasst, wie vor ihm schon seine intellektuellen Ahnen Italo Svevo oder James Joyce.

Magris beobachtet Paare, die sich im Café stumm gegenüber sitzen und mit dem iPhone und dem iPad spielen, statt miteinander zu sprechen, die aber - erkennbar an ihren gelegentlichen zärtlichen Berührungen und zärtlichen Blicken - sich trotzdem inniglich lieben, nur eben anders, als sich das die spießig-erregten und vorgestrig-tugendhaften Tisch-Nachbarn vorstellen können, für die Magris nur Mitleid übrig hat.

Und dann, ganz zum Schluss, macht Magris ein "Selfie" und porträtiert sich selbst offen und ungeschminkt als hässlichen alten Mann, vor dem ihm selbst ekelt: Sein Garagentor wird von einem anderen Auto widerrechtlich blockiert, der Fahrer ist verschwunden, im Auto hockt ein verschrecktes kleines Mädchen, auf das Magris wütend einbrüllt, bis er sich selbst schreiend und brüllend in der Autoscheibe gespiegelt sieht und sich peinlich berührt selbst erkennt - und sofort still und heimlich von dannen macht.

Ein "Selfie" mit Erkenntnisgewinn, ein wunderbarer kleiner Schnappschuss, so wunderbar wie das ganze Buch, das voller Ideen und Gedanken steckt, die einen berühren und bewegen und zum Nach- und Weiterdenken anregen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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