Buchcover: Der Klang von Paris.
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Sachbuch - Volker Hagedorn: "Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts"

Bewertung:

Über ein halbes Jahrhundert Pariser Musikgeschichte – und mehr als das. Volker Hagedorn zeichnet ein Bild der Stadt und ihren Veränderungen im 19. Jahrhundert, das Kultur allgemein, aber Politik und soziale Verhältnisse einschließt.

Gerade einmal gut fünfzig Jahre, aber eine Zeit, nach der fast nichts mehr so ist wie vorher. Volker Hagedorn hat sich viel vorgenommen. Die genaue Zeitspanne liegt zwischen 1821, dem Todesjahr Napoléons auf St. Helena, und 1867, kurz vor dem deutsch-französischen Krieg.

Enthalten sind natürlich die wichtigsten Opernpremieren, die gesellschaftliche Ereignisse waren, die Schicksale der dort lebenden Komponisten, aber es ist auch die Geschichte einer Stadt, wie sie sich zur modernen Metropole gewandelt hat – und was das für das Musikleben dort bedeutet hat.

Berlioz, Wagner, Offenbach …

Die großen Komponisten der damaligen Zeit stehen im Mittelpunkt, vor allem Hector Berlioz. Ausführlich wird geschildert, wie er als junger Komponist zum ersten Mal die Stadt erlebt, daneben seine Erfolge und Niederlagen.

Der "Tannhäuser"-Skandal bei der Pariser Erstaufführung von Richard Wagners Oper darf so wenig fehlen wie die Operetten von Jacques Offenbach, deren satirische Libretti der Komponist nur durch gute Beziehungen durch die Zensur bekommen hat.

Fiktionale Nahaufnahmen

Volker Hagedorn schildert alles das aus verschiedenen Perspektiven. Da gibt es die großen Überblicke mit Daten und Fakten. Daneben greift er sich aber immer auch exemplarisch wichtige Ereignisse heraus. Über die Uraufführung von Giacomo Meyerbeers gigantischer Oper "Le Prophète " erfahren wir etwa, dass eine Abstimmung in der Nationalversammlung ausfallen musste, weil zu viele Abgeordnete zeitgleich in der Oper saßen, oder dass das Bühnenbild 150000 Franc verschlungen hat.

Anderes vermittelt der Autor mittels "fiktionaler Nahaufnahmen", wie er es selbst bezeichnet. Das sind Dialoge oder Gespräche, wenn Liszt und Chopin plaudern, Berlioz von einer Probe dazukommt und sich über die Intonation der Streicher aufregt – bis hin zu Klatsch und Tratsch. Genau so hat es sicher nicht stattgefunden, aber alle Details sind aus den zahlreichen Quellen, die Volker Hagedorn benutzt hat, abzuleiten. Es gibt über dreißig Seiten mit Anmerkungen, da kann man nachvollziehen, woher er was entnommen hat. Eine Lösung, die vieles deutlich lebendiger erscheinen lässt als das trockene Aneinanderreihen von Fakten und Zitaten.

Blick in die Gegenwart

Die heutige Gegenwart ist immer wieder präsent. Volker Hagedorn hatte ein Stipendium und konnte nach Paris fahren, die historischen Orte aufsuchen und beschrieben, was es heute dort aussieht. Eine köstliche Szene schildert, wie Rossini nach langer Zeit mal wieder nach Paris gereist ist, und der Kutscher ständig erwidern muss, dass das eine abgerissen oder das andere Baustelle ist. Paris wurde unter Napoléon III. radikal umgestaltet.

Auch hat der Autor Menschen getroffen, die sich mit den für das Buch relevanten Themen auseinandersetzen: eine Sängerin, einen Hammerklavier-Besessenen oder einen absoluten Berlioz-Nerd, der in jahrelanger Arbeit unzählige Dokumente über den Komponisten auf einer Homepage versammelt hat.

Mehr als ein Musikbuch

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Musikgeschichtsschilderung nicht möglich ist, ohne darüber hinaus Zusammenhänge zu erläutern. So kann man Giacomo Meyerbeers Oper "Le Prophète" und die Umstände ihrer Uraufführung nur dann wirklich verstehen, wenn man die Ereignisse des Jahres 1848 in Paris im Hinterkopf hat. Volker Hagedorn geht auf alles das ein, schreibt von den Barrikadenkämpfen, der teilweise entsetzlichen Armut in der Bevölkerung oder von der Zensur. Daneben spielt der Eisenbahnbau eine wichtige Rolle oder der erste längere Ballonflug. Kulturell ist es auch wesentlich mehr als ein Musikbuch und berücksichtigt Literatur oder Bildende Kunst.

Das ist natürlich auch eine unglaubliche Dichte. Es wimmelt von Namen, Zahlen, statistischen Erläuterungen – fast ein bisschen zu viel, und man muss davor warnen, das Buch zu schnell lesen zu wollen. Brillant geschrieben ist es jedoch allemal, und man bekommt die richtige Information zur richtigen Zeit. Wer sich darauf einlässt, kann in eine extrem bewegte Zeit eintauchen. Das bedient eine breite Leseschaft, ist eine sehr kompakte Einführung, aber auch Experten werden so manches Detail finden, das sie vorher noch nicht kannten.

Andreas Göbel, kulturradio

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