Buchcover: Grand Tour
Carl Hanser Verlag
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Lyrik - Federico Italiano, Jan Wagner (Hg.): "Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas"

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Der Büchnerpreisträger Jan Wagner und sein Kollege, der Lyriker und Literaturwissenschaftler Federico Italiano, haben sich Großes vorgenommen: "Grand Tour" heißt eine von ihnen herausgegebene umfangreiche Gedichtanthologie, und sie verspricht im Untertitel "Reisen durch die junge Lyrik Europas".

Europa ist in aller Munde, die Wahl zum EU-Parlament steht bevor. Man könnte meinen, es sei der perfekte Zeitpunkt für eine solche Anthologie. Aber Vorsicht! Wir haben es mit einem groß angelegten poetischen Projekt zu tun, das weit über tagesaktuelle Befindlichkeiten hinausweist – oder doch hinausweisen sollte. Wäre es nicht jammerschade, ein solches Vorhaben auf politische Tagesparolen zu verkürzen?

Leider konnten die Herausgeber genau dieser Versuchung nicht widerstehen. Gleich im Vorwort heißt es, in der Politik werde zur Zeit die "Vielfalt" in Frage gestellt, das "große gemeinsame Projekt" Europa sei in Gefahr. Von Nationalisten und Separatisten ist stirnrunzelnd die Rede, und dass diese Anthologie zeige, wie wir alle voneinander lernen können.

Alle wollen Vielfalt

Natürlich braucht eine Anthologie wie diese einen Begriff von Europa. Sie braucht zumindest Ansätze zu einer Definition dessen, was der Kontinent nach Meinung der Herausgeber literarisch geleistet hat und weiter leisten sollte. Doch dazu reicht eine dünne politische Phrase nicht aus. Für Vielfalt sind heute alle, selbst die Nationalisten – sie definieren den Begriff bloß auf eigene Art. Wer sie widerlegen will, muss es auch tun.

Ist es zuviel verlangt, von den Herausgebern einer so umfassenden Anthologie einen klugen Essay zu erwarten? Einen Text, in dem sie ihren kulturpolitischen Anspruch formulieren und ihre ästhetischen Kriterien offenlegen? So, wie die Dinge stehen, bleibt es bei einem rund vierseitigen Vorwort, das vordringlich eines mitteilt:  wie viel Arbeit es war, diese Gedichte auszuwählen und dass man sich dafür mit "Kennern" und "Expertinnen" ausgetauscht hat. Das ist zu wenig!

Lyrik hält jung

Umso mehr kann die "Grand Tour" mit ihrer Fülle von Gedichten, Stimmen, Sprachen beeindrucken. Über 400 Dichterinnen und Dichter sind vertreten, und sie schreiben in über 40 Sprachen. Dass diese wirklich üppige Auswahl nun in deutscher Sprache vorliegt, ist eine enorme Bereicherung und für Lyrikfans zweifellos Anlass zu einem ausgedehnten Freudentänzchen.

Im Detail lohnt wiederum die kritische Nachfrage: Warum gibt es fast fünfmal mehr Gedichte in englischer als in französischer Sprache? Warum figuriert Großbritannien nicht als Ganzes, sondern als separatistisches Konglomerat aus England, Schottland, Wales und Nordirland, während Belgien trotz des Zwists zwischen Flamen und Wallonen als Einheit unangetastet bleibt? Last but not least: Ist die Altersgrenze der Beiträger mit einundfünfzig Jahren nicht doch ein wenig hoch gelegt für eine Anthologie "junger Lyrik"?

Gedichte auf dem Sprung

Ohnehin fällt es schwer, so etwas wie einen Generationston, eine Art Gesamtklang der Gedichte auszumachen. Schlimm ist das nicht. Auffallend ist jedoch: Viele dieser Texte haben einen erzählenden, gar anekdotischen Ansatz. Eine Situation oder Szene wird umrissen und aus ihr heraus eine Reihe von Reflexionen, Behauptungen, Bildern entwickelt. Es sind oft recht plakative Gedichte, die den Leser sozusagen direkt anspringen. Was durchaus Spaß macht.

Andererseits sind bestimmte Ausprägungen von Lyrik deutlich unterrepräsentiert – knappe, karge, stark verdichtende Gedichte zum Beispiel. Auch formstarke, durchrhythmisierte Gedichte machen sich rar, und Reimgedichte haben ebenfalls Seltenheitswert. In ihrer Gesamtheit neigen die Texte ein wenig ins Plauderhafte, Ichbezogene.

Polyglott und national

"Auswahl" und "Anspruch" sind zwei der drei großen "A", denen sich jeder Anthologist stellen muss. Wir sprachen darüber. Bleibt als Drittes noch die "Anordnung".  Hier nun kommt das Reisemotiv zum Einsatz: Streifzüge durch die Lyrik werden dem Leser angeraten, weitreichende Bildungsreisen sogar, denn das sind die traditionellen Grand Tours der englischen Oberschicht, die sich polyglott auch auf französisch prononcieren lassen. Als "Reisen" sind daher auch die einzelnen Kapitel deklariert, und selbst das Inhaltsverzeichnis ist nicht einfach ein schnödes Inhaltsverzeichnis, sondern ein "Itinerar".

Das alles klingt erlesen und originell, aber letztlich steckt ein altehrwürdiges Organisationsprinzip dahinter: die Anordnung der Gedichte nach den Herkunftsstaaten ihrer Verfasser – purer Nationalismus, wenn man so will. Man hat sie bloß ein wenig durcheinandergeschüttelt, die Staaten, und neu gruppiert. Die erste von sieben "Reisen"umfasst zum Beispiel Polen, Wales, Mazedonien, Island und Moldawien.

Verpasste Chancen

Eine ziemlich abenteuerliche Mischung ist das, und es dürfte schwerfallen, eine solche Route realiter ohne Zwischenstopps einzuschlagen. Neue, interessante Bezüge unter den Gedichten entstehen indes nicht. Eine thematische Gruppierung, wie einst bei Enzensbergers berühmtem "Museum der modernen Poesie", wäre weniger originell, dafür aber womöglich spannender gewesen.

Das vielleicht größte Verdienst der "Grand Tour" besteht in der neuen und erstmaligen Übersetzung vieler Gedichte. Oft waren Lyriker als Übersetzer am Werk, und man merkt es ihren Nachdichtungen an. Schön auch der zweisprachige Abdruck aller Gedichte. Abgesehen davon hinterlässt diese Anthologie einen seltsam halbherzigen Gesamteindruck. Selten ist sie mehr als die Summe ihrer Teile. Hier wurden Chancen verpasst – und obendrein solche, die so bald nicht wiederkommen dürften. Schade.

Steffen Jacobs, kulturradio

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