Norbert Zähringer: "Wo wir waren"
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Roman - Norbert Zähringer: "Wo wir waren"

Bewertung:

Der Roman beginnt mit einem Datum, das sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat: Am 21. Juli 1969 betrat der erste Mensch den Mond.

Während der Fernsehübertragung bricht ein kleiner Junge aus einem brutal geführten Kinder­heim im Rheingau aus und seine Mutter, von der er nie wissen wird, dass sie seine Mutter ist, versucht sich im Gefängnis das Leben zu nehmen. Sie wurde in einem fragwürdigen Pro­zess als zweifache Giftmörderin zu lebenslanger Haft verurteilt, hat ihr Kind im Gefängnis bekom­men und sofort weggegeben und wird nie erfahren, was aus ihm geworden ist. Denn es wird aus ihm etwas werden. Der Junge wird in Amerika ein erfolgreiches Startup-Unternehmen gründen und unfassbar reich werden. Und er wird seinem Traum, Astronaut zu werden, sehr nahe kommen.

Frage nach Herkunft und Vergangenheit

Die Mörderin wird gerettet, kommt in eine Nervenheilanstalt und trifft dort auf ei­nen verständnis­vollen Arzt. Ihm erzählt sie ihre Lebensgeschichte, berichtet von einer waghalsi­gen Flucht am Ende des zweiten Weltkriegs mit der Jolle ihres Va­ters, der einst ins Logbuch geschrieben hatte – was dem Roman den Titel gibt: Wo wir waren.

Diese drei Worte und die Frage nach Herkunft und Vergangenheit umkreist der Autor. Es geht nicht allein um das geschichtsträchtige Datum der ersten Mondlandung, nicht nur um das elende Schicksal seiner Ich-Erzählerin und das erfolgreiche des vermeintlichen Waisenkindes, das mit seiner Adoptivmutter eine Weile lang auch in einer schmutzigen Berliner Wohngemein­schaft lebt.

Eindrucksvoll konstruierter Roman

Norbert Zähringer erzählt in seinem eindrucksvoll konstruierten Roman von einer ganzen Epoche, von Familienbanden und Fluchtbewegungen, Begabungen und Freundschaf­ten, von Abweichungen und Sehnsüchten, von der Hoffnung auf ein Fortkommen und von der Liebe, die manchmal sehr lange braucht, bis sie gelebt werden kann und allzu rasch wieder zu Ende geht.

Er verliert sein umfangreiches literarisches Personal dabei nie aus den Augen, lässt auch Ne­benfiguren Gerechtigkeit widerfahren in dieser Familien- und Aufsteiger­geschichte. Er erzählt nicht chronologisch, geht im Jahrhundert vor und zurück, entwirft verwickelte Familien­chroniken und dramatische Kriegsbilder, beschreibt den moder­nen Startup-Wahnsinn und plädiert am Ende für eine aufmerksame Langsamkeit, die das Erzäh­len wie das Leben ertragreicher machen könnte.

Manuela Reichart, kulturradio

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