Buchcover: Roger Melis: Die Ostdeutschen
Lehmstedt Verlag
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Fotoband - Roger Melis: "Die Ostdeutschen. Reportagen und Porträts aus dem Nachlass"

Neues Material aus der verschwundenen Wirklichkeit der DDR: Dieser Band umfasst Fotografien von 1964 bis 1990, die so noch nicht zu sehen waren, aus dem Nachlass des Fotografen Roger Melis. Ein kritischer Beobachter seines Landes.

Der Fotograf Roger Melis hat wie kaum einer sonst die Ostdeutschen und ihre Lebenswelt lange beobachtet und fotografisch dokumentiert. Drei sehr erfolgreiche Fotobände von ihm sind schon im Lehmstedt Verlag erschienen, "Das stille Land" z.B.. Wenn nun ein vierter folgt mit Fotografien aus dem Nachlass, steht die Frage nach der nochmaligen Verwertung des vor 10 Jahren gestorbenen Fotografen im Raum oder aber das Erlebnis weiterer Entdeckungen.

Neues aus einem "Stillen Land"

Aber diese Frage lässt sich nach der Betrachtung des Buches unbedingt und eindeutig in Richtung der weiteren Entdeckungen beantworten!

Mathias Bertram hat aus genauer Kenntnis des Archivs von Roger Melis einen Band zusammengestellt, der Fotografien von 1964 bis 1990 umfasst, die so noch nicht zu sehen waren, viele unbekannte Aufnahmen aus dem Nachlass, darunter mehrere Reportage-Serien, die  bestimmte Ereignisse oder Bereiche der DDR von mehreren Seiten beleuchten. Also neues Material aus der verschwundenen Wirklichkeit der DDR, Neues aus einem "Stillen Land", um auch diesen Begriff noch mal aufzunehmen.

Die Individualität der Porträtierten

Roger Melis verstand sich ja schon als Chronist seines Landes. In die Reihe der großen ostdeutschen Autorenfotografen gehört er unbedingt hinein. Bei einigen Fotografen gibt es solche ikonografischen Bilder, die man kennt und schnell vor Augen hat, wenn der Name fällt.

Bei Roger Melis könnten das z.B. seine sehr bekannten Künstlerporträts sein. Von Helene Weigel bis Heiner Müller reichen die. Ein sehr bekannte Ikone ist der in lässiger und zugleich sehr ernster Pose vor dem gusseisernen Adler auf der Berliner Weidendammbrücke stehende Wolf Biermann. Roger Melis hat diesen Preußischen Ikarus visuell festgehalten und mit geprägt, in den 70er Jahren war das.

Dieses neue Buch aber wiederholt nicht diese Ikonen, es meidet Überschneidungen. Stattdessen sind einige Porträts zu sehen, die durchaus neben diesen bekannten Künstlerporträts stehen können. Das sind  Porträts aus der Arbeitswelt. Das Besondere daran: Sie zeigen Menschen zwar im Rahmen ihrer Berufstätigkeit und meist auch an ihrem Arbeitsplatz, aber es geht Melis nie um eine Typisierung bestimmter sozialer Schichten, nicht um das sog. Sozialporträt.

Er sucht und findet auch hier die Individualität des Porträtierten, egal ob das die Fischverkäuferin, der Museumsdirektor, der Berliner Taxifahrer oder eben der Herzchirurg ist. Das sind beeindruckende Bilder, die ganz viel von der Lebenswelt der Ostdeutschen erzählen, von ihrer Skepsis und der Resignation, genauso vom Widerspruchsgeist und den Sehnsüchten.

Kein Jubel weit und breit

Neben  diesen Porträts, sind es in diesem Buch aber auch spannende Bildserien…

Eine der ältesten stammt vom 8. Mai 1965. Damals fand eine gemeinsame Parade der Roten Armee und der Nationalen Volksarmee statt und zwar an der Stelle, an der einige Jahre früher noch das Berliner Stadtschloss stand, damals aber schon der geeignete Platz für die Aufmärsche gefunden war.

Das Besondere an dieser Serie ist, das Melis sofort quasi hinter die Kulissen schaut. Nicht die Tribüne der Staats- und Parteiführung, nicht die Parade oder die Waffensysteme sind sein Thema, sondern das was am Rande passiert: Ein Soldat nutzt die Gelegenheit, um sich mit seiner Freundin zu treffen, die Mitglieder der Kampfgruppen schauen ziemlich gelangweilt und spielen eine Runde Skat. Eine Familie mit Kinderwagen und Großmutter hat sich zum Feiertag zwar herausgeputzt, beobachtet die ganze Szenerie aber eher distanziert. Also nichts Heroisches ist da zu sehen, kein Jubel weit und breit.

Diese sehr frühe Fotostrecke am Beginn des Buches korrespondiert sehr schön mit der letzten im Buch und die ist vom Tag der deutschen Einheit 1990 und lässt uns auch wieder ohne Jubel und Staatstragendes an einem geschichtsträchtigen Tag in die Gesichter von Menschen schauen.

Bilder vom Kern der Menschen und der Verhältnisse

Es gab Zeiten in der DDR, da konnte Roger Melis nicht mehr für die Presse arbeiten, da arbeitete er z.B. für ein Buch über aussterbende Handwerkskunst. Da war er auch im ganzen Land unterwegs und hat nicht nur Handwerksmeister fotografiert. Sein Credo waren wahrhaftige Bilder, die der Wirklichkeit möglichst nahe kommen und zum Kern vordringen – zum Kern von Menschen ebenso wie zum Kern der Verhältnisse.

Er wollte, so hat er es mal formuliert "erzählende Einzelfotos, in denen eine ganze Geschichte steckt". Insofern war er ein kritischer Beobachter seines Landes, der sich eine hohe künstlerische Autonomie erarbeitet und bewahrt hat.

Danuta Görnandt, kulturradio

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