Sarah Kuttner: Kurt
S. Fischer Verlag
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Roman - Sarah Kuttner: "Kurt"

Bewertung:

Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

Max Moors "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger", Juli Zehs "Unterleuten", Vladimir Kaminers "Ausgerechnet Deutschland" undundund. Kuttner hat tatsächlich ein eigenes, im Winter sich selbst überlassen bleibendes Häuschen in Brandenburg. Aber nicht in den Premium-Landschaften der Uckermark, sondern irgendwo in der Nähe von Oranienburg. Und dortselbst, wo es ungeschminkt aussieht und zugeht, spielt ihr neuer Roman "Kurt".

Ein neues Haus, ein neues Leben

Die Anordnung ist folgende: Lena hat mit ihrem Freund, Kurt dem Großen, dem Vater von Kurt dem Kleinen, einem Sechsjährigen, ein Haus in der besagten Nähe von Oranienburg gekauft. Kurt der Große teilt sich das Sorgerecht für Kurt den Kleinen mit seiner Ex-Freundin Jana, die eine Werbe-Agentur, nicht wenig Geld und eine ausgeprägt urbane Attitüde hat. Lena weiß oft nicht so recht, welche genau ihre Rolle ist, zumal in puncto Kurt dem Kleinen, den sie absolut liebhat, ohne doch mit Überzeugung in die Mutterrolle eintreten zu können oder zu wollen. Lenas Verhältnis zu Kurt dem Großen trägt noch Züge frischer Verliebtheit: "Kurt ist ein Anpacker, ein Mitreißer, ein Schulterer, ein Durchzieher. Kurt kann all den coolen Kopfkram wie Musik und Filme und Bücher, aber kann eben auch den weltlichen Kram wie Dinge bauen und verlässlich sein und tanzen. Und Sex."

Nicht sehr überraschend findet Lena wunderbar, dass Kurt der Große mit "Mehlschwitze und Fertigbrühe und Petersiliendeko" kocht, also mit minderer Könnerschaft. Denn Kurt ist halt Kurt. Lena, darin ihrer Erfinderin gleich, urteilt gern und viel und sehr entschieden und ist dann wieder ganz Gefühl. Die erwachsenen Protagonisten des Romans dürften auf die vierzig zugehen – ihnen haftet indessen ein Aspekt von Dauer-Pubertät an. Was viel mit der Sprache zu tun hat.

Nein, das ist nicht sexy

Läge nur der erste Teil von "Kurt" zur Rezension vor, der Rezensent würde leicht betreten abwinken. Sarah Kuttner ist nicht ganz so fanatisch verbohrt in delikate Körpermerkmale, -eigenschaften und -flüssigkeiten, in Krankheiten und Widerwärtigkeiten wie Charlotte Roche. Aber auch Kuttner liebt es, über Nacktheit, über "Lenas Po" und Lenas Brüste-Wackeln, über das Kompliment von Kurt dem Großen: "Ich bin der Fanclubleiter für deinen Po", über einen "kurzen Pimmelpropeller" selbigen Mannes, über den "Unterschied zwischen Jetzt-sofort-Loslassen und Auf-dem-Topf-Loslassen" der Kacke von Kurt dem Kleinem und diese Dinge zu schreiben. Und immer in pseudo-infantiler Unverlegenheit. Nein, das ist nicht sexy.

Weit erträglicher sind die Beschreibungen der Renovierungsarbeiten, die am Haus nötig sind. Man meint, die Erfahrung der Autorin zu spüren. Die vielen Komplimente für Brandenburgs Derbheit, Ehrlichkeit, Handfestigkeit, Unverblümtheit, Bodenständigkeit sind keineswegs originell. Das wäre aber auch, Stichwort: Bodenständigkeit, widersinnig im Sinne der neuen Heimat. Dabei haben die Protagonisten die alte Heimat durchaus noch nicht restlos abgelegt. "Wie zwei Arschlochgroßstädter" stehen Lena und Kurt der Große einmal da. Nur Kuttner weiß, warum zwei Großstädter, die sich auf dem Land der Hilfe ihres Smartphones versichern, deshalb gleich "Arschlochgroßstädter" sind. Aber egal. Kuttner exekutiert halt ein weiteres Mal ihre simplen Vorstellungen von Authentizität – und der Erfolg gibt ihr erneut recht. Insofern: Schwamm drüber. Es gibt halt ein Publikum für so was.

Ein Experimental-Labor für Trauergefühle

Das Buch wird anders und besser, als Kurt der Kleine vom Klettergerüst fällt - "so ungünstig, dass sein kleines Genick bricht". In Interviews hat Sarah Kuttner nicht von einem konkreten Fall erzählt, dem ihr Roman und Kurts Schicksal nachgebildet wäre, wohl aber vom reichlichen Sterben und Tod in ihrem nahen Umfeld in letzter Zeit. Sie weiß also, wovon sie spricht – und konzipiert "Kurt" als eine Art fiktionales Experimental-Labor für Trauer-Gefühle. Das gelingt recht gut. Wenn man anerkennt, dass Trauer ein hochgradig individuelles, unberechenbares Erleben ist, spricht rein gar nichts gegen die erfundene Trauer-Geschichte. Wiederum und sogar noch stärker als vor dem tödlichen Sturz erlebt Lena im Umgang mit Kurt, mit den Verwandten, mit Jana Unsicherheit: "Wieder wusste ich weder um Rechte noch Pflichten."

Kurt der Große und Lena drohen sich zu entfremden, weil sich Kurt in sich selbst und seiner Trauer verliert, während das Leben – da hat die Floskel recht – halt weitergeht: "Die Welt bleibt nicht für eine beschissene Sekunde stehen. Sie zögert noch nicht einmal." Lena versucht, wieder Anschluss zu finden an den Fortgang der Dinge. Sie versucht nach gebührender Wartezeit, nach Phasen mit wenig Gespräch und Zusammensein, Kurt mitzunehmen: Zurück in die Alltäglichkeit, zu den üblichen Aufgaben, den Banalitäten und kleinen Freuden.

Literarische Ambitionen

Vor einem ordentlichem Quantum Kitsch schreckt Kuttner auch in der Trauer-Phase ihres Romans nicht zurück: "Brandenburg ist ein guter Freund: Es umarmt, ohne Fragen zu stellen, es lächelt freundlich und wissend und warm. […] Brandenburg ist einfach nur da und schenkt Liebe." Man merkt jederzeit, dass da jemand keine Ambitionen auf die Subtilitäten hoher Literatur entwickelt. Einmal regnet es sehr stark – und Kuttner beschreibt das so: "Es regnet sich nicht ein, es fällt aus dem Himmel wie ein verdammter Airbus." Nein, diese Formulierung ist nicht einmal mehr pseudo-infantil, sie ist ungelenker Unfug.

Rezensenten werfen an dieser Stelle gern die Frage auf, was sich das Lektorat eigentlich dabei gedacht hat. Aber sei es drum. Die Beschreibungen der Natur, des Gartens, der Pflanzen werden eindringlicher und kompetenter – was nicht heißt, dass Kuttner im Wachsen und Vergehen der Natur einen tiefgründigen Resonanzraum für Kurts Tod zu gestalten versucht. Wohl aber, dass eine der Antworten auf die Frage, was man im Fall überwältigender Trauer überhaupt noch machen kann, lautet: im Garten arbeiten, im Garten sitzen, im Garten nachdenken, im Garten einen Zugang zur Zukunft zu suchen.

Ein Beziehungsroman mit Todesfall

Unterdessen ist das Leben nach dem Tod von Kurt dem Kleinen mit Kurt dem Großen naturgemäß voller Erinnerungen. Schon allein, weil viele Sachen, Kram, Kleidung noch da sind und stets ihren Tribut an Gefühlen fordern: "Die Schlüppis sind am Schlimmsten, oder?" fragt Kurt Lena. Dann weinen beide. Der Schmerz bricht ein, wann er will. Die Lebensfreude keimt nur langsam zu neuer Größe. Der erste Sex nach langer Abstinenz ist anstrengend. Aber: Sie tun's wieder. Sie halten zueinander, sie wollen sich - wieder oder immer noch. "Kurt" ist mindestens genauso sehr ein Liebesroman wie ein Buch der Traurigkeit. Oder anders: Ein Beziehungsroman mit Todesfall. Die Verbindung zwischen den semi-dokumentarischen Beschreibungen des Hauses, der Arbeiten daran und der Oranienburger Umgebung mit dem fiktionalen Todes-Komplex bleibt bis zum Schluss eine Seltsamkeit. Aber wer Kuttners frech-juvenile Artikulation, vulgo: ihre Schnauze, die sie schriftlich wie mündlich mobilisiert, anziehend oder wenigstens erträglich findet, wird an dem Buch seinen Spaß haben. Bis aus dem Spaß Schmerz wird und der Schmerz tiefer eindringt als der Spaß.

Arno Orzessek, kulturradio

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