Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere
Heyne
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Roman - Stephen King: "Friedhof der Kuscheltiere"

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Der Erfolgsautor Stephen King hat in seinen Büchern nicht nur von alptraumhafter Angst und permanentem Unbehagen erzählt, sondern den Lesern beides auch bereitet. Viele seiner Horror-Bestseller sind verfilmt worden, so z.B. "Carrie", "Shining", "Es" und sein 1983 erschienener Roman "Friedhof der Kuscheltiere".

Die Romane des auf Horror-Geschichten spezialisierten Autors haben eine Gesamtauflage von über 400 Millionen Exemplaren. Das Einkommen des Erzählers, der nicht nur unter seinem eigenen Namen, sondern auch unter Pseudonymen wie John Swithen und Richard Bachman veröffentlicht, soll über 80 Millionen Dollar im Jahr betragen. Eine seiner bekanntesten Romane, "Friedhof der Kuscheltiere", ist jetzt bereits zum zweiten Mal verfilmt worden und ist gerade in die Kinos gekommen.

Spiel mit Erwartungen und Ängsten

"Friedhof der Kuscheltiere": klingt ein bisschen bizarr, aber eigentlich ganz harmlos. Aber es gehört gelegentlich zur Methode von Stephen King, den Leser erst einmal in Sicherheit zu wiegen, bevor der blanke Horror ausbricht. Titel wie "Carrie", "Shining" oder "The Green Mile" klingen erst einmal harmlos. Aber es gibt natürlich auch andere Romantitel wie "Der Gesang der Toten", "Das Monstrum" oder "Basar der bösen Träume", da weiß man schon, bevor man das Buch aufschlägt, dass darin einige grauenhafte Mutanten und blutrünstige Mörder warten.

Zum Spiel mit den Erwartungen und Ängsten gehört auch, dass Stephen King den Leser oft erst einmal einlullt und nur einzelne Signale ausstreut, in denen sich Hinweise auf spätere Entgleisungen und Entgrenzungen finden. Bei "Shining" dauert es fast 150 Seiten, bis das Böse zum Vorschein kommt, und beim "Friedhof der Kuscheltiere" sind es auch immerhin 50 Seiten, bis die Familien-Idylle erste Risse bekommt und Louis Creed die deutliche Gefühl hat, dass in seinem neuen Haus und seiner direkten Umgebung irgendetwas nicht stimmt: er spürt plötzlich den Windhauch des Todes und die kalte Hand unsichtbarer Geister, er hört Stimmen, die ihm Unheil prophezeien und ihn warnen, Grenzen zu überschreiten. Louis Creed ist mit seiner Frau Rachel, Tochter Ellie, Sohn Gage und Kater Church gerade von Chicago nach Maine umgezogen, weil er an einer Uni eine Stelle als Arzt bekommen hat, die Klein-Familie wohnt ein wenig außerhalb auf dem Lande, direkt an einer viel befahrenen Straße, die schon viele Opfer gefordert hat, vor allem Hunde und Katzen, aber auch Menschen, kleine Kinder, die beim Herumtollen unachtsam auf die Straße gelaufen und von den vorbei rasenden Tanklastwagen überrollt worden sind: Der Leser ahnt natürlich sofort, dass diese Straße noch eine wichtige und fürchterliche Rolle spielen wird.

"Haustier-Fritof"

Zunächst weiß die Familie gar nicht, dass von ihrem Grundstück aus ein Weg durchs Gestrüpp zu einem Friedhof führt: das erfahren sie von Jud, dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite, ein sympathischer Rentner, der schon sein ganzes Leben in der Gegend wohnt und jedes Gerücht, jede Legende und jedes Geheimnis kennt. Jud führt die Familie zu diesem Friedhof, auf dem die Kinder der Gegend nicht ihre Stoff-Kuscheltiere, sondern ihre geliebten Haustiere begraben, Hunde, Katzen, Hamster, Wellensittiche. Auf ein Holzschild haben sie mit orthografischen Fehlern geschrieben: "Pet Sematary" (statt: „Pet Cemetery“), deshalb wird er im Roman - in der deutschen Übersetzung - auch nicht "Haustier-Friedhof", sondern "Haustier-Fritof" gennant. Im Original heißt der Roman "Pet Sematary" ("Haustier-Fritof"), von Kuscheltieren ist also nur im Titel der deutschen Fassung die Rede, vielleicht um den Kontrast zwischen vermeintlicher Idylle und tödlicher Wahrheit noch zu vertiefen. Und der Haustier-Friedhof ist auch gar nicht der Ort, an dem die Toten wieder lebendig werden und dann als blutrünstiger Monster unter den Lebenden Unheil anrichten. Diesen Ort findet nur, wer sich vom Haustier-Friedhof aus einen Weg durchs Tot-Holz und Dornen-Gestrüpp zu einem Plateau zu bahnt, auf dem einst die Indianer vom Stamme der Micmac ihre Ahnen bestattet und ihre Rituale begangen haben. Nachbar Jud kennt das Geheimnis dieses Ortes, er selbst hat als Kind hier ein Haustier begraben und wieder zum Leben erweckt. Obwohl er ahnt, dass er es nicht hätte tun dürfen, erzählt er Louis davon und führt ihn eines Nachts auf das Indianer-Plateau, damit er dort seinen Kater Church, der von einem Tanklastwagen überrollt wurde, begraben und wieder zum Leben erwecken kann.

Die Büchse der Pandora

Diese gegen die natürliche Schöpfung und göttliche Ordnung verstoßende Handlung zieht weitere verbotene und tödliche Handlungen nach sich. Der kastrierte und vorher ganz harmlose Kater stinkt jetzt erbärmlich und tötet aus purer Lust andere Tiere: er ist die letzte Warnung an Louis, das Schicksal nicht weiter herauszufordern und die Grenzen des Lebens zu akzeptieren. Aber Louis hat Geschmack gefunden an der Grenzüberschreitung, er schaltet jede Vernunft aus, erstickt alle seine Bedenken, und als kommt, was kommen musste, nämlich dass sein kleiner Sohn Gage auf die Straße läuft und von einem Lastwagen überrollt wird, will er dem Tod ein Schnippchen schlagen und schleppt den Leichnam am Haustier-Friedhof vorbei aufs verwunschene Indianer-Plateau. Es ist eine besonders perfide Pointe, dass der wieder auferstandene Gage, der eben noch ein niedlich vor sich hin lallender kleiner Knabe war, zu einem blutrünstigen Monster mutiert, das kein Problem damit hat, andere Menschen obszön zu beschimpfen und grausam zu zerstückeln. Wenn wir die Büchse der Pandora öffnen, warnt uns Stephen King, wird das Böse, werden Übel, Krankheit und Tod, alles was vorher nur heimlich, still und leise in uns allen schlummerte, sich Bahn brechen und uns alle verschlingen. 

Eine philosophische Abhandlung

Stephen King hat unzählige Romane veröffentlicht. Doch kaum einer war so erfolgreich und ist so bekannt wie der "Friedhof der Kuscheltiere". Das liegt auch daran, weil man sofort spürt, dass King hier nicht irgendeine abstruse Geschichte erfunden, sondern im Gewand einer Horror-Story eine philosophische Abhandlung versteckt hat über die Schönheit und Endlichkeit des Lebens und den Sinn des Todes, über natürlichen Grenzen und verbotene Grenzüberschreitungen, darüber, dass wir die oft fürchterlichen Folgen unserer Handlungen bedenken sollten und nicht alles, was machbar ist, auch wirklich tun. Man spürt sofort, dass King nicht nur einige seiner Lieblings-Bands und Lieblings-Songs, sondern auch einige autobiografische Details in den Roman geschmuggelt hat, um eine besondere Authentizität des eigentlich fürchterlich Fantastischen verbürgen: Er hat selbst - als er eine zeitlang an einer Uni in Maine als Gast-Dozent tätig war - mit seiner Familie, mit Frau, Tochter und Sohn und Katze an einer solchen Straße gewohnt und wurde von seinem Nachbarn gewarnt, dass sie schon viele Leben verschlungen habe; der Nachbar hat ihm auch tatsächlich von einem "Haustier-Fritof" im Wald erzählt. Im Roman, den er daraufhin schrieb, glaubte er aber zu weit gegangen zu sein, er verstaute das Manuskript in eine Schublade und wollte es eigentlich nie veröffentlichen. Doch als er zu einem anderen Verlag wechseln wollte, schuldete er seinem alten Verlag noch einen Roman, und als seine Frau der Freigabe des Textes zustimmte, kam der Roman doch noch an die Öffentlichkeit. Und so wissen wir jetzt, dass - wie Jud einmal im Roman sagt - der "Tod manchmal besser ist" und wir im Leben vielleicht nur Frieden finden, wenn wir den Willen des Universums hinnehmen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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