Thomas Gsella | Hilke Raddatz: Personenkontrolle
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Lyrik - Thomas Gsella: "Personenkontrolle. Leute von heute in lichten Gedichten"

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Thomas Gsella war früher Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic", heute ist der Satiriker ein erfolgreicher Autor komischer Gedichte. Vor kurzem ist sein neuer Gedichtband erschienen: "Personenkontrolle: Leute von heute in lichten Gedichten". Darin versammelt sind überwiegend Texte, die Gsella in den letzten sechs Jahren in einer Gedichtkolumne im "Stern" veröffentlicht hat.

Wenn es um das Schreiben komischer Gedichte geht, ist Thomas Gsella einer der Besten. Einer der Besten in einer Gattung, die immer Teil der Dichtkunst war, die sich immer großer Beliebtheit bei den Lesern erfreute, die es aber schwer hat bei der Literaturkritik und anderen Torwächtern der Hochkultur.

Die Hohepriester der Lyrik lieben das Verrätselte, das Weihevolle. An einem komischen Gedicht gibt es nichts zu erklären, es erklärt sich selbst. Wie sollten wir auch lachen, wenn wir noch rätseln? Deswegen muss das komische Gedicht sauber gearbeitet sein, es muss transparent strukturiert sein, sprachlich sofort verstehbar. Wenn alle Lyrik so wäre, auch die ernste, dann wären die Berufsinterpreten arbeitslos.

Autoraser mit Penisproblemen

Aber ist die strenge Trennung zwischen dem Komischen und dem Ernsten wirklich sinnvoll? Sind die Übergänge nicht fließend? Diese Frage stellt sich in gewisser Weise auch bei "Personenkontrolle". Denn Thomas Gsella war bislang ein echter Komikprofi: einer, dem nichts zu hoch und zu heilig schien, um nicht eine schöne Pointe daraus zu drehen. Das ist ja eine große Stärke der komischen Lyrik: Dass sie falsche Größe so gut aufdecken kann, dass sie das Alberne im Pathetischen so wunderbar enttarnt.

Doch das hat sich mit diesem Band geändert. In diesem Buch zeigt Gsella, dass es sehr wohl Dinge gibt, die ihm hoch und heilig sind.

Wenn man die Gedichte von "Personenkontrolle" querliest, könnte man Gsellas Agenda – etwas spöttisch – so zusammenfassen: Er ist gegen die Herrschenden (sofern sie nicht Gregor Gysi heißen); er ist der Meinung, dass wirtschaftlicher Erfolg auf Ausbeutung beruht (Arbeitnehmer sind gut, Arbeitgeber sind schlecht); er glaubt, dass man bei uns die kleinen Missetäter aufhängt und die großen laufen lässt; er ist sich sicher, dass Autoraser unter Penisproblemen leiden, und er findet junge Menschen, die Karriere machen, irgendwie unsympathisch.

Politischer Stammtisch, linksdrehend

All das sind völlig legitime Meinungen. Aber in der Summe klingen sie doch verdächtig nach politischem Stammtisch, linke Varietät. Vor allem: Eine aufrechte Gesinnung macht noch kein gutes Gedicht.

Ohnehin sind viele dieser scheinbar politischen Gedichte im Grunde apolitisch. Sie politisieren lieber. Nicht der Diskurs, nicht der Erkenntnisgewinn interessieren sie, sondern vorgefasste, verhärtete Meinungen. Die werden dann entsprechend markig vorgetragen. Das fällt besonders dann schmerzlich auf, wenn Mut dort fehlt, wo er tatsächlich vonnöten wäre.

Ein Beispiel: In einem Gedicht von Anfang 2015 geht es um den islamistischen Anschlag auf "Charlie Hebdo", die Satirezeitschrift in Paris. Einige von Gsellas französischen Kollegen, darunter der berühmte Wolinski, wurden brutal ermordet. Das Gedicht, das Gsella dazu schreibt, ist erstaunlich harmlos: Selbst Hennen, Schafe und Ochsen, so sagt er sinngemäß, verstehen Satire, aber "der Mensch" ist dazu zu "panne", zu doof. Wirklich "der Mensch"? Werden also alle Menschen zu Mördern, weil sie einen Witz nicht verstanden haben? Mit Verlaub, das greift zu kurz.

Happy Birthday, Mr. Bean

Zum Glück sind nicht alle Gedichte in diesem falsch verstandenen Sinne "politisch". Es sind die scheinbar harmloseren Stücke, die am besten funktionieren: die witzig-bösen Gedichte über Sänger, Schauspieler, Sportler. Sein Gedicht über Philipp Lahms Rücktritt ist der Inbegriff eines gelungenen komischen Gedichts. Nachlesen empfohlen!

Gsella liebt Fußball, und auch sonst überzeugen die Gedichte dort am meisten, wo eine gewisse Empathie mitschwingt. Wenn Gsella dem Darsteller des Mr. Bean, Rowan Atkinson, zum sechzigsten Geburtstag gratuliert, klingt das so:

Also Glückwunsch! Und mach weiter

Was nicht leicht zu machen ist:

Sei nach Kräften leicht und heiter!

Zeig, wie ernst Dir’s Lachen ist!“

Darin steckt natürlich auch ein gerüttelt Maß an Selbstauskunft, darüber, wie schwierig es ist, leicht und heiter zu sein statt verkrampft und verbissen. Leider hat es bei diesem Buch nicht immer geklappt mit der Leichtigkeit der "lichten Gedichte", trotz des im Untertitel beschwörend herbeizitierten Robert Gernhardt.

Mach dich lyrisch lieber locker

Lesenswert ist "Personenkontrolle" dennoch: Gsella zeigt in seinen besten Momenten – und davon gibt es viele – , dass intelligente Lyrik nicht abgehoben und verrätselt sein muss, sondern dass sie lebensnah und verständlich sein darf.

Obendrein kann man den Band – zumal die Gedichte chronologisch angeordnet sind – auch als Zeitzeugnis lesen. Dass Gsellas Gedichte ab dem Jahr 2015 immer wutschäumender und ausfallender werden, sagt auch etwas über unsere Gesellschaft aus, darüber, dass im öffentlichen Diskurs zunehmend die Gelassenheit abhandenkommt. Etwas ironische Selbstdistanz würde uns allen guttun – Thomas Gsella macht da keine Ausnahme.

Steffen Jacobs, kulturradio

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