Walter Moers: "Der Bücherdrache"
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Roman - Walter Moers: "Der Bücherdrache"

Bewertung:

Verehrte Freunde der "Zamonien"-Romane von Walter Moers: Ihr müsst jetzt tapfer sein! Denn die vorliegende Besprechung von "Der Bücherdrache" schreibt ein Rezensent, der bislang noch nie in Zamonien war und der auch nach Lektüre des neuen Moers kaum Exaktes über Zamonien zu sagen wüsste. Was aber, Ehrenwort, nicht seiner Gleichgültigkeit, sondern dem Buch selbst geschuldet ist. Die Geschichte spielt nämlich größtenteils im abgelegenen "Ormsumpf", wo der Legende nach der Bücherdrache lebt.

Doch eins nach dem andern. Auf den ersten Seiten ist der Roman, der de facto eher eine Erzählung mit Merkmalen einer klassischen Novelle ist, zunächst einmal ein Moers'scher Comic. Darin gerät Hildegunst von Mythenmetz, die begabte Schriftsteller-Echse, bekannt aus sonstigen Zamonien-Büchern, ob des Aphorismus' "Alles, was wir seh'n und schau'n, ist nur ein Traum in einem Traum" (Perla La Gadeon; in Zamonien offenbar eine große Nummer) in literaturtheoretische Zweifel, die jedem Erstsemester Germanistik nach acht Bier gut anstünden. Er erzählt nämlich, er hätte jüngst davon geträumt, ein Buch zu lesen. Aber vielleicht... könnte schon sein... las er in selbigem Buch auch schon, bevor er in den Schlaf fiel, in dem er zu träumen begann, es zu lesen. Jedenfalls beschäftigte sich das Buch irgendwann irgendwie genauso mit ihm, wie er mit dem Buch – weshalb ihn die Frage umtreibt: "Träumte ich dieses Buch? Oder träumte das Buch mich?" Tja und dann, als Hildegunst bemerkt, dass das Buch das Buch seines Lebens ist bzw. selbiges erzählt, findet er in dem Buch ein weiteres Buch – das auch "ein Traum in einem Traum in einem Traum" sein könnte. Letzteres Buch saugt ihn buchstäblich ein und verschleppt ihn tief in die zamonische Literatur. Und dort begegnet er Hildegunst Zwei, einem Buchling, der wie andere Buchlinge das Gesamtwerk eines Schriftstellers Wort für Wort auswendig kann, in diesem Fall das Werk von keinem anderen als Hildegunst von Mythenmetz.

Rahmenerzählung

Schön und gut, denkt der Rezensent, hier wird also die literarische Technik "Rahmenerzählung", bekannt spätestens seit dem "Decamerone", "Don Quichotte" und "Tausendundeine Nacht", zuletzt ohne Brechung durchgeführt womöglich von Joseph Conrad, zugleich erklärt, aus- und genaugeführt – aber es folgt doch hoffentlich auch eine richtige Geschichte, die nicht alle Weile wieder nur der doppelte Boden eines doppelten Bodens ist.

Und so ist es, vielleicht jedenfalls. Die Geschichte, die Hildegunst zwei dem Hildegunst von Mythenmetz erzählt, handelt vom unerhörten Abenteuer, das Nr. 2 erlebt hat, als er sich auf die Suche nach dem Bücherdrachen alias Ormdrachen alias Nathaviel machte, einem Drachen, von dem man in Zamonien bis dato annahm, er sei bloß ein Mythos (also eine Geschichte mit ungesichertem Realitätsgehalt). Auf den Abenteuer-Trip wird Hildegunst zwei von sechs Mitschülern geschickt, die als "Klassikerbande" firmieren. Bevor sie ihn in ihren bedeutenden Bund aufnehmen, soll er ein Buch aus dem Panzer des Bücherdrachen (der folglich vor allem aus Büchern besteht, jedenfalls in der äußeren Schicht) entwenden.

Bedroht von exquisiten Gefahren, die von der Flora und Fauna und mancherlei Zwischenwesen ausgehen, dringt Hildegunst Zwei tatsächlich im Ormsumpf bis in die Nähe der Ledernen Grotte vor und findet den riesigen, bedrohlichen Nathaviel, der laut Hildgunst Zwei auch auf die Anagramme Elivathan, Thanviel, Levanthia und Ilathevan hört und sich selbst einmal "lebendiges Beerdigungsinstitut" nennt. Indessen ist Hildegunst Zwei ein schlaues Kerlchen und gefällt dem Bücherdrachen so gut, dass dieser dem kleinen Besucher die Geschichte seines Lebens erzählt (sic!, noch eine Geschichte in der Geschichte). Was insofern interessant ist, als der Drache nicht nur Zeiten ungeheuren Ruhms hinter sich hat, sondern auch ein romantisch-allegorisches Wesen ist, das die literarische Belesenheit eines Jorge Luis Borges, das Phantasma des absoluten Wissens, die Einheit der Literatur aller Zeiten, die Weisheits-Tradition, die Textualität selbst und wer weiß was sonst noch Tolles repräsentiert. Dieser Bücherdrache dürfte auch höhere Semester in hermeneutischen Furor versetzen.

So gern sich der Drache mit Hildegunst Zwei unterhält – auffressen muss er den pfiffigen Buchling schließlich doch. Denn er will nicht, dass es wieder so kommt wie früher. Damals waren die Zamonier massenhaft zu ihm gepilgert, hatten Bücher aus dem Drachenpanzer erbeten oder sie ohne Erlaubnis herausgerissen und selbige Bücher – deren "Orm"-Gehalt gigantisch war – mittels diverser chemikalischer Prozeduren in wahnsinnig begehrte Orm-Präparate verwandelt, gern in der Darreichungsform Pulver. Der Drachen-Superstar, der auch als Orakel durch psychologisch ausgebuffte Sprüche glänzte, hatte vor lauter Besuchern mit nicht zuletzt merkantilen Interessen einfach keine Ruhe mehr gefunden. Seit langem überzeugter Vegetarier, frass er die Nervensägen aus der Obenwelt in der Folgezeit zwar nicht direkt auf, entledigte sich ihrer jedoch, indem er sie kopfüber im Sumpf verrecken ließ. Ein Schicksal, das nun also auch Hildegunst Zwei droht.

Um aber nicht weiter zu spoilern, nur so viel: Es passiert noch eine Menge von dem, was nur im Kosmos Zamonien passieren kann, bis die Geschichte wieder an ihre Oberfläche zurückkehrt, das heißt, die Höhe der Rahmenerzählung erreicht, in der Hildegunst von Mythenmetz die ganze Story von seiner Nr. 2 erfährt. 

Züge eines Schelmenromans

O ja, es ist eine fremde, seltsame und für Liebhaber des Phantastischen allemal interessante Welt, dieses Zamonien. Auch wenn man in "Der Bücherdrache" im Wesentlichen nur den Ormsumpf und eben den Drachen näher kennenlernt. Aber was heißt "nur"? Hildegunst von Mythenmetz alias Walter Moers besticht durch irre Erfindungsgabe, barocke Beschreibungsfülle, intertextuellen Anspielungsreichtum und kalkulierte Flapsigkeit. Bevor allerdings jemand denkt, hier soll der "Bücherdrache" zum neuen "Don Quichotte" oder Moers zum größten Intertextualisten seit James Joyce stilisiert werden – sei gesagt: Moers ist dem Spaß mehr als dem Ernst verpflichtet, er genießt es, in seiner Phantasie-Welt jeglichen literarischen Unfug treiben zu können. Was wiederum Züge eines Schelmenromans hat.

Locker-flockige Story

Allerdings... diese Information entnimmt der Rezensent anderen Rezensonen... sind einige Moers-Kenner, die das weitläufige Zamonien-Werk seit "Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär" überschauen, nicht rundum zufrieden. "Der Bücherdrache" sei zu kurz geraten (160 Seiten samt einer langen Leseprobe aus dem künftigen Werk "Die Insel der 1000 Leuchtürme"); das Buch wirke wie ein Auszug einer größeren Geschichte; man könne sich darin gar nicht so richtig schön zamonisch verlieren; der Penguin Verlag wolle mit dem kleinen Drachenbuch wohl die Fans bei der Stange halten – so lautet die umlaufende Kritik.

Sie mag zutreffen oder nicht. Der hiesige Rezensent hält fest: Nach gewissen Anlauf-Schwierigkeiten hat er den Buchling Hildegunst Zwei gern zum Bücherdrachen begleitet und dessen melancholischer Bildungs-Geschichte durchaus gerührt zugehört (während er fand, dass es für die abenteuerliche Rettung von Nr. 2 dann doch einiger recht angestaubter postmoderner Erzähl-Tricks bedurfte). Was Mythenmetz da zusammenfabuliert, ist zugleich Literatur-Literatur und locker-flockige Story, ist bedingt theorietauglich und sympathisch kindlich. Es hat das erwachsene Rezensentenherz durchaus erwärmt. Im übrigen ist das Buch als papierenes Ding sehr schön. Das breite Format passt prima, es wirkt weniger nüchtern als die länglichen Standard-Formate. Neben dem Comic am Anfang gibt es noch viele andere Moers-Zeichnungen. Vor allem fasst man das Buch gern an. Denn es scheint dann so, als berühre man den Bücherdrachen selbst.

Arno Orzessek, kulturradio

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