Johann Wolfgang von Goethe, Helmut Schlaiß - "Italienische Reise"
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Bildband - Johann Wolfgang von Goethe, Helmut Schlaiß: Italienische Reise

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Im September 1786 hat Goethe keine Lust mehr auf die Last des Alltags: Die Verlage fordern seine immer noch unfertigen Manuskripte zum Druck an, die Arbeit als Minister in Weimar geht ihm auf die Nerven. Auch mag er sich nicht entscheiden, welche seiner geliebten Frauen er zu ehelichen gedenkt. Von einem Tag auf den anderen nimmt er Reißaus und besteigt die nächste Kutsche gen Italien.

Erst im Mai 1788 wird er aus dem Land, wo die Zitronen blühen, nach Deutschland zurückkehren. Einige Jahre später verfasst er ein Buch über seine "Italienische Reise" und wird damit allen Nachgeborenen eine fatale und nie zu stillende Italien-Sehnsucht einpflanzen. Jetzt ist im Manesse Verlag die "Italienische Reise" neu aufbereitet worden. Neben dem Reisebericht von Goethe finden sich "ein fotografisches Abenteuer von Helmut Schlaiß" sowie ein Nachwort von Dennis Scheck.

Italien-Sehnsucht

Helmut Schlaiß, Jahrgang 1953, hat sich einen Namen als Mode-, Werbe- und Industrie-Fotograf gemacht. Gelegentlich lebt er seine künstlerischen Ambitionen aus und erprobt sein Können auf längeren Fotoreportagen zu einem speziellen Thema. Sein Herzenswunsch war es lange schon, seine Liebe zu Italien, seine Vorliebe für italienische Küche, seine Bewunderung für die italienische Lebensart und die Kunst der römischen Antike künstlerisch zu gestalten. Und wie ginge das besser als mit Goethes "Italienischer Reise", die einst seine Italien-Sehnsucht angezettelt, die er immer im Gepäck und unzählige Male gelesen hat. Jahrelang ist er deshalb mit seiner Fotokamera auf den Spuren von Goethe unterwegs gewesen, ist ihm von Karlsbad aus über Regensburg und München, über Bozen und Verona, Florenz und Roman, Neapel und Sizilien nachgereist und hat alle Stationen und Orte, Paläste und Ruinen, die auch Goethe gesehen und beschrieben hat, aufgesucht, hat versucht, die Landschaften, Städte und Menschen, von denen Goethe fasziniert war, mit den Augen von Goethe noch einmal neu zu sehen und alles so zu fotografieren, wie Goethe es auch gesehen und beschrieben hat: zur selben Jahreszeit, bei ähnlichem Licht und vom selben Stadtpunkt aus schaut Schlaiß mit seiner Fotokamera auf Goethes "Arkadien", auf die Traumlandschaft, die einst für Goethe und nun auch für Schlaiß zur realen Utopie wird. 

Wie Goethe ...

Er stiehlt sich, wie Goethe, mitten in der Nacht aus Karlsbad fort, denn von dort aus hat Goethe einst seine Flucht nach Italien gestartet, und Schlaiß blickt mit seiner Kamera auf eine nur spärlich vom Mond beleuchtete Hausfassade im nächtlichen Karlsbad. In Malcesine am Gardasee lichtet er das Kastell aus derselben Position ab, wie Goethe es in seiner Beschreibung und in einer überlieferten Zeichen-Skizze getan hat. Weil Goethe in Verona die Arena besucht hat und von den oberen Rängen hinab auf den Vorplatz auf die vorbeieilenden Menschen schaut, dann steht genau dort oben auch der Fotograf mit seiner Kamera und schaut auf das Menschengewimmel hinunter. Wenn Goethe in Padua in der Kirche der Heiligen Justine auf harten Holzbänken verweilt und in den sakralen Raum schaut, dann sitzt auch Schlaiß auf harten Holzbänken und lässt den Foto-Blick schweifen. Wenn Goethe auf dem Lido von Venedig den Strand, die Muscheln und das Meer sieht, dann sieht die Kamera genau das: Strand, Muscheln, Meer. Wenn Goethe auf das Dach des Petersdoms in Rom steigt und auf die ewige Stadt hinabblickt, dann steigt auch der Fotograf auf das Dach und blickt über Rom. Wenn Goethe auf der Überfahrt von Neapel nach Palermo in die Weite des leeren Horizonts schaut, schaut auch die Kamera in die weite es leeren Horizonts. Und wenn Goethe in Grigenti am Tempel des Herkules die symmetrischen Säulenreihen abschreitet, schreitet auch die Kamera die Säulenreihen ab. 

230 Jahre dazwischen

Zwischen Goethes alter Reise und seinen aktuellen Bildern liegen gut 230 Jahre. Der Fotograf versucht nicht, die zeitliche Lücke weg zu retuschieren, aber er hält sie so dezent wie möglich, die Gegenwart ist präsent, aber nicht übermächtig: Schlaiß fotografiert mit einer einfachen alten Kamera, mit Normalobjektiv, er fotografiert in schwarz-weiß, was die Konzentration aufs Motiv und den Eindruck erhöht, die Fotos hätten schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Er hat oft stunden- und tagelang ausgeharrt, bis das Licht und die Stimmung stimmte, bis die Landschaft, der Tempel, die Kirche von möglichst vielen Zeichen der Moderne befreit war und keine Autos und keine Handys mehr zu sehen waren. Beim Blick von Torbole aus über den Gardasee hat er gewartet, bis die Surfbretter und Segelboote verschwunden waren, beim Besuch von Pompeji, bis kaum noch Touristen durch die Ruinen geisterten; das Kolosseum in Rom steht verlassen unter düstrem Himmel, als wäre es von der Zeit völlig vergessen worden; die Via Appia brütet mit ihrem alten Kopfsteinpflaster in der Sonne: man könnte glauben, hinter der nächsten Kurve wartet ein alter römischer Streitwagen oder Goethe in seiner Kutsche, gerade auf dem Weg von Rom nach Neapel. Um Authentizität und Wahrhaftigkeit zu steigern, hat Schlaiß immer ein paar passende Sätze aus Goethes Reisenotizen zu seinen Fotos gestellt: Wem das nicht reicht, kann im zweiten Teil des Buches die "Italienische Reise" noch einmal in Gänze nachlesen.

Dennis Scheck

Literaturpapst Dennis Scheck flaniert in seinem Nachwort kurzweilig durch Goethes Leben und Werk, bekränzt – mit leicht ironischem Unterton – das zeitlose Genie des wohl größten deutschen Dichters, betont, dass Goethe weder ein Aussteiger war noch eine klassische Bildungsreise im Sinn hatte, sondern sich selbst suchte, seine Bestimmung und sein Schicksal; dass er keinen Müßiggang pflegte, sondern unterwegs schuftete wie ein Pferd und viele seine unsterbliche Manuskripte endlich fertig stellte; dass er, der so gerne Maler geworden wäre, in Italien erkannte, dass nur im Schreiben seine wahre Berufung liegt. Dass auch Dennis Scheck eine unstillbare Sehnsucht hat nach dem Land, wo die Zitronen blühen, dass sie von Goethes "Italienischer Reise" herrührt und er das Buch immer wieder liest, versteht sich von selbst: Als Schlaiß ihn bei einer Lesung ansprach und mit seinem Foto-Projekt bekannt machte, war Scheck sofort Feuer und Flamme und wollte dringend etwas beitragen: Das einzigartige Resultat dieser wunderbaren Liaison aus neuen Fotos und altem Text halten wir jetzt zufrieden und beglückt in der Hand.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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