Helmut Deutsch: "Gesang auf Händen tragen. Mein Leben als Liedbegleiter"
Bild: Henschel Verlag

Biografie - Helmut Deutsch: "Gesang auf Händen tragen"

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Einer der weltbesten Liedbegleiter erzählt sein Leben, reflektiert über Proben, Konzerte, Arbeitsethik oder Kritiker und plaudert aus seinen Erlebnissen mit einigen der wichtigsten Sängerinnen und Sänger, die er begleitet hat.

Das Bemerkenswerte bei einem Liedbegleiter ist unter Umständen nicht in erster Linie sein Leben oder sein Werdegang, sondern die Tatsache, dass jemand – vorausgesetzt, er ist so erfolgreich wie Helmut Deutsch – mit vielen der großen Sängerinnen und Sänger zusammengearbeitet hat.

Der Klassiker dieser Art ist schon etliche Jahrzehnte alt: das Buch der Liedbegleiterlegende Gerald Moore unter dem Titel "Bin ich zu laut?", eine Mischung aus Memoiren und Anekdotensammlung. Und so ähnlich ist es jetzt bei Helmut Deutsch auch.

Durch Zufall Liedbegleiter

Das erste Drittel des Buches ist noch am ehesten klassisch autobiographisch geschrieben. Da schildert Helmut Deutsch seinen Werdegang, dass er zunächst als Korrepetitor gearbeitet hat und eher durch Zufall Liedbegleiter wurde. Eine Zeitlang hat er auch eng mit dem Bariton Hermann Prey zusammengearbeitet, die zentrale Sängerfigur der frühen Jahre von Helmut Deutsch.

Der Rest des Buches ist in viele kurze Kapitel gegliedert. Da gibt es Erinnerungen an einzelne Sängerinnen und Sänger, daneben eher allgemeine Betrachtungen über das Üben, Wettbewerbe oder Klaviere, also irgendwie alles, was zum Beruf des Liedbegleiters dazugehört.

Bratkartoffeln und Käsebrot

Helmut Deutsch bezeichnet die Arbeit mit Hermann Prey als seine wichtigste künstlerische Begegnung. Der Liedbegleiter hatte damals noch nicht so viel Erfahrung und konnte von Prey viel lernen. Dabei muss Prey in der Arbeit an den Liedern ein ziemlicher Pedant gewesen sein, mit genauen Vorstellungen vom Klavierpart und der aktiven Rolle des Pianisten, der eher trocken und rhythmisch prägnant begleiten sollte, nie jedoch mechanisch. Da konnte es schon mal heißen: "Das klingt so dämlich, mach doch was draus!"

Wir lernen daneben auch den Menschen Hermann Prey kennen, der eher anspruchslose Kost mochte wie Bratkartoffeln oder Käsebrot, dann aber auch sehr eifersüchtig werden konnte. Als Helmut Deutsch zunehmend auch mit anderen Sängerinnen und Sängern zusammenarbeitete, war es dann ziemlich schnell zu Ende. An Anekdoten mangelt es nicht: Als Prey einmal um ein Autogramm gebeten wurde, unterschrieb er mit "Peter Alexander".

Badehose und Tennisschläger

Die Erinnerungen an die Erlebnisse mit Sängern fallen denkbar unterschiedlich aus. Da gibt es knappe Skizzen wie die über den Bass Michael Volle – ein Familienmensch, der keine Auftritte oder Proben absolviert, wenn er ein Treffen mit seinen sieben Geschwistern hat, und leider auch wenig Zeit für Liederabende.

Ausführlicher wird es bei Jonas Kaufmann. Dieser hatte in der Liedklasse von Helmut Deutsch studiert. Man erfährt schon vom frühen unglaublichen Talent des Sängers, für den Singen nicht alles war – Badehose, Surfbrett und Tennisschläger waren wohl immer griffbereit dabei. Es geht dann aber auch um eine ernsthafte Schilderung von Kaufmanns stimmlichen Gestaltungsmöglichkeiten, die vor allem im dynamischen Bereich liegen.

Armreifen und Jeans

Darüber hinaus erfährt man, wie Helmut Deutsch übt, wie er sich vorbereitet, was er am Konzerttag macht, wie er unterrichtet oder wie Sänger und Pianist über Interpretationen diskutieren. Sängertypen wie Schönsänger und Textgestalter werden charakterisiert, man liest, dass er nach Konzerten nur ungern Autogramme gibt. Oder wie schlimm Notenwender agieren können, wenn sie beim Wenden die Noten zerreißen oder ihrer Arbeit mit klimpernden Armreifen nachgehen.

Das alles ist in leicht lesbarem Plauderton gehalten. Die kurzen Kapitel sind ohnehin nicht dazu angetan, allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Hier ist vieles auf die Anekdotenpointe hingeschrieben. Kein Buch, das man akribisch von vorn bis hinten durchliest, sondern in dem man eher blättert. Da finden sich dann so schöne Schilderungen wie die von einer Kritik, in der das Spiel von Helmut Deutsch als "seltsam befangen" kritisiert wurde. Der Grund für diesen Eindruck: Deutsch hatte seine Frackhose vergessen und musste in Jeans auftreten. In der Tat kein angenehmes Gefühl …

Andreas Göbel, rbbKultur

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