Hermynia zur Mühlen: "Werke"
Zsolnay Verlag
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4 Bände - Hermynia zur Mühlen: "Werke"

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Sie war Aristokratin, Kommunistin, Katholikin, unbeugsame Nazigegnerin und Exilantin: die Schriftstellerin Hermynia zur Mühlen. In den 1920er veröffentlichte die in Wien als Gräfin Geborene erste proletarische Märchen und avancierte schließlich als Erzählerin und Publizistin zu einer Ausnahmerscheinung in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Ich muss gestehen, für mich ist es kein "Wiederlesen" gewesen: Zwar bin ich der Roten Gräfin einmal in einem Buch Sándor Márais begegnet – der ungarische Schriftsteller war eine zeitlang ihr Hausgenosse – aber gelesen hatte ich nie etwas von ihr, bis nun ihre Werke in einer vierbändigen Ausgabe in einer Edition der Wüstenrot Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erschienen. Es war eine Entdeckung.

Privilegierte Jugend mit sozialistischen Idealen

Hermynia Zur Mühlen gehörte  - wie Marie-Luise Fleißer oder Irmgard Keun -zur Gruppe jener Frauen, die Krieg und Nazizeit zwar physisch überstanden, aber als Autorinnen im anti-emanzipatorischen Kulturbruch untergingen.

Sie wurde 1883 als Hermine Gräfin Folliot de Crenneville geboren, gehörte zum österreichischen Hochadel, heiratete einen baltischen Baron, verließ ihn und sein Rittergut und legte ihren Adelstitel ab. Schließlich trat sie der KPD bei und lebte – zusammen mit dem Übersetzer Stefan Klein – in sehr einfachen Verhältnissen in Frankfurt. Man kann das alles in ihren Werken nachlesen, viele ihrer Erzählungen und Romane sind autobiografisch gefärbt; ihre Memoiren "Anfang und Ende. Ein Lebensbuch", erschienen 1929, berichten mit einiger Selbstironie von ihrer privilegierten Jugend mit sozialistischen Idealen, von den Badeorten, Bildungsreisen, verschiedenen Wohnorten (ihr Vater war Diplomat) in Italien, Marokko, Libanon und von den rückständigen, feudalistischen Zuständen im damals russischen Estland. 

Literatur avant la lettre

Sie beherrschte das atmosphärisch dichte Erzählen, mit scharfem Blick für soziale Unterschiede und Umstände, mit Witz und, wenn’s der sozialen Botschaft diente, auch einigem Nachdruck auf die Tränendrüse.

In den Frankfurter Jahren, bevor sie mit der KP brach und "linkskatholisch" wurde, verfasste sie – neben Übersetzungen - viel politisch Erbauliches: engagierte Literatur avant la lettre. Mit ihren "proletarischer Märchen", die von u.a. George Grosz illustriert und von Wieland Herzfelde verlegt wurden, hatte sie dann den Titel Rote Gräfin weg.

Sie schrieb sehr viel, immer schlecht bezahlt, immer knapp bei Kasse, kettenrauchend trotz Lungenkrankheit. Sie schrieb unter verschiedenen Pseudonymen, sie schrieb Kriminalromane, Fortsetzungsromane, Erzählungen, sie schrieb scharfe Briefe und Feuilletons. Sie schrieb weiter auf der Flucht vor den Nazis quer durch Europa - u.a. den historisch hochinteressanten Roman "Unsere Töchter, die Nazinen", sie schrieb, bis sie im englischen Exil 1951 nach langer Krankheit starb. Die vorliegenden Bände machen nur etwa die Hälfte ihres Werkes aus.

Der Herausgeber Ulrich Weinzierl zitiert in seinem Nachwort Joseph Roth, der 1924 über Zur Mühlens Buch "Der rote Heiland" schrieb, ihre Novellen seien "dichterischer, als der Titel vermuten lässt".

Wer sich für die unter Ruinen und Ignoranz begrabene Literatur dieser Zeit interessiert, sollte den nun gehobenen und vielfältigen Schatz der Roten Gräfin unbedingt lesen.

Katharina Döbler, rbbKultur

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