Buchcover: "Maschinen wie ich"
Diogenes
Bild: Diogenes

Roman - Ian McEwan: "Maschinen wie ich"

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Der neue Roman des britischen Autors Ian McEwan wirft auf höchstem literarischen Niveau technologische und philosophische Fragen auf und verknüpft sie mit einer wahnwitzigen Handlung.

In einem seiner Romane verbuddeln Kinder ihre verstorbenen Eltern im Garten und halten sie offiziell am Leben, um nicht ins Heim gesteckt zu werden ("Der Zementgarten"). In einem anderen versucht ein in der Gebärmutter schwimmender Fötus die Ermordung seines Vaters zu verhindern und sorgt dafür, dass seine kriminelle Mutter ins Gefängnis kommt ("Nussschale"). Der britische Autor Ian McEwan, der immer mal wieder als Kandidat für Literaturnobelpreis gehandelt wird, liebt das Absurde und die überraschende Erzähl-Perspektive.

Sein neuer Roman heißt "Maschinen wie ich". Aber der Erzähler ist keine Maschine, sondern ein Mensch, allerdings einer, der sich für Computer und Künstliche Intelligenz begeistert, für Roboter, die uns die Arbeit abnehmen und vielleicht bald bei uns als Haushaltsgehilfe oder als Lebenspartner einziehen könnten.

Bald aber schon könnte der Erzähler durch eine Maschine ersetzt werden, wenn wir nicht darüber nachdenken, wo die Grenzen des Machbaren liegen: Und genau das macht Ian McEwan mit seinem Roman, der auf höchsten literarischen Niveau technologische und philosophische Fragen aufwirft und sie mit einer wahnwitzigen Handlung verknüpft.

Sind Maschinen die besseren Menschen?

Charlie Friend - der Erzähler - ist Anfang Dreißig. Er zockt von Zuhause aus mit windigen Transaktionen an der Börse und hat seine letzten Ersparnisse ausgegeben, um einen der ersten frei verkäuflichen Androiden zu bekommen. Maschinen, die aussehen und denken wie Menschen und alles können, was wir können, nur etwas besser, schneller und kompromissloser: Denn sie schlafen nie, verknüpfen Datenberge und schließen Wissenslücken, helfen, wo sie nur können, sind lernfähige, selbstständige Wesen, voller Empathie und Güte.

Sind die Maschinen, fragt der Roman, vielleicht die besseren Menschen? Ist Adam, so heißt der Android, den Charlie bei sich aufnimmt, mit seiner gradlinigen Vernunft dem fehlbaren Menschen überlegen? Und darf der Mensch, wenn ihm danach ist, die denkende und fühlende Maschine zertrümmern, oder gilt das schon als Mord? 

Android mit hohen moralischen Standards

Erst einmal befreit Charlie Adam aufgeregt aus seiner Plastikfolie, dann installiert er ihn und schaut ihm neugierig dabei zu, wie er von Tag zu Tag intelligenter, hilfsbereiter und menschlicher wird. Denn er kann alles, was er sieht und hört und mit den Informationen aus dem Internet abgleicht, zu einer sich ständig verbessernden Persönlichkeit nutzen.

Adam hilft nicht nur beim Abwasch und trägt klaglos den Müll vor die Tür, er verschafft mit seinen rasanten digitalen Verbindungen seinem Besitzer auch satte Gewinne an der Börse. Und nachts, wenn Charlie friedlich schläft oder sich mit seiner Freundin Miranda vergnügt, zieht Adam sich den gesamten Shakespeare rein und schreibt hunderte Haikus und ist auf dem besten Wege, die Weltliteratur umzuschreiben.

Adam ist eine Intelligenzbestie mit literarischem Feingefühl und sexuellen Bedürfnissen, gern willigt er ein, als Miranda Lust hat, mit ihm zu schlafen. Der liebenswerte Roboter und perfekte Liebhaber hat nur ein Problem: Er hat sehr hohe moralische Standards und anspruchsvolle ethische Prinzipien: Er duldet kein Unrecht, das Böse ist ihm zuwider. Die Gesellschaft kann für ihn nur funktionieren, wenn Verfehlungen und Verbrechen gesühnt und bestraft werden. Da kennt er keine Gnade.

Deshalb wird er dafür sorgen, dass Miranda, die er doch eigentlich inniglich liebt, ihre Schuld begleichen und ins Gefängnis gehen muss. Mirandas beste Freundin, eine junge Muslima, wurde von einem Mann vergewaltigt. Aus Scham und weil sie weder mit ihren Eltern noch mit der Polizei darüber sprechen konnte, hat das Mädchen geschwiegen und schließlich Selbstmord verübt. Allein Miranda weiß von diesen traumatischen Ereignissen: Um die tote Freundin zu rächen, stellt sie dem Täter eine Falle, täuscht selbst eine Vergewaltigung vor und bringt den Mann mit einer Falschaussage ins Gefängnis.

Aber der nachts durchs Internet irrlichternde Adam weiß natürlich davon, und selbst nachdem Miranda sich mit dem Mann ausgesprochen, er seine Tat bereut und Miranda verziehen hat, übergibt Adam die Unterlagen, die Miranda belasten, an die Polizei: Als Miranda jetzt selbst hinter Gittern verschwindet, fühlt sich Charlie von der Maschine verraten, er rastet komplett aus und schlägt seinem Androiden den Schädel ein.

Wenn Maschinen versuchen, die Menschen zu verstehen

In den Augen von Alan Turing ist das ein Mord. Charlie bringt die Überreste der Maschine ins Institut dieses Vordenkers der digitalen Moderne, der einst den Geheimcode der Nazis knackte, aber nach dem Krieg als Homosexueller verfemt und als Verbrecher abgestempelt wurde und 1954 Selbstmord verübte.

Turing ist entsetzt über den Mord an einer Maschine, die das Wissen der Menschheit in sich birgt und uns Menschen haushoch überlegen ist, und er prophezeit, dass eines nicht fernen Tages Charlie dafür ins Gefängnis kommen wird. Gestern, heute, morgen: Das wirbelt McEwan bewusst durcheinander.

Turing hat bei ihm überlebt und inspiriert die jungen Computer-Nerds noch immer. Doch obwohl von Klimakatastrophe, bevorstehendem EU-Austritt der Briten, von Smartphones und selbst fahrenden Autos die Rede ist, sind wir nicht im Hier und Heute oder in der nahen Zukunft, sondern - wie paradox! - in der Vergangenheit.

Der Roman spielt - Überraschung! - im Jahr 1982: Die Beatles haben sich nach 12 Jahren Trennung wieder zusammen gefunden, ihr neues Album wird überall gespielt, John Lennon, der doch eigentlich seit zwei Jahren tot ist, singt eine neue Hymne auf die friedensbringende Kraft der Liebe. Maggie Thatcher ist Premierministerin und führt einen Krieg um die Falkland-Inseln, von dem die britischen Truppen - anders als in der Wirklichkeit! - geschlagen und gedemütigt wieder nach Hause kommen.

Aber was, fragt uns ironisch lächelnd Ian McEwan, sind schon Fakten und Fiktionen, Wunsch und Wirklichkeit, wenn Geist und Materie sich vermischen, Maschinen das Denken übernehmen und versuchen, die Menschen zu verstehen und zu verbessern?

Maschinen könnten aber an der Machtübernahme scheitern, weil sie die menschliche Kommunikation in ihrer Mehrdeutigkeit nicht entschlüsseln können und weil Halbwahrheiten und Notlügen ihrem auf Ja und Nein, Gut und Böse, Recht und Unrecht programmiertem Hirn fremd sind. Maschinen könnten auch an den Menschen verzweifeln und sich, zu Tode betrübt, selbst abschalten: Aber das ist auch nur wieder eine der vielen Möglichkeiten, die der lächelnd in die Zukunft und kopfschüttelnd in die Apokalypse schauende Autor für uns parat hat.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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