Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt © Rowohlt
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Essays - Jonathan Franzen: "Das Ende vom Ende der Welt"

Bewertung:

Wir sind nicht das Maß aller Dinge: neue kluge Betrachtungen von Jonathan Franzen, getragen von seiner ungebrochenen Begeisterung für Vögel

Ein Essay, so schreibt Franzen, "wurzelt in der Literatur". Natürlich kann man Unterschiede benennen: das eindeutig Nichtfiktionale zum einen, oder auch ausführliche Gedanken, die in literarischem Schreiben vielleicht fehl am Platz wären. Franzen zählt wie viele andere Romanautoren die jenen, die lieber zeigen als erklären, daher war seine Skepsis dem Essay gegenüber groß. Doch durch einen Mentor, einem Zeitungsredakteur beim New Yorker, fand er doch zu der Form. Der Redakteur ermutigte ihn, Essays zu schreiben, "weil du offenkundig ein Scheißjournalist bist".

Warum Vögel wichtig sind

So nachzulesen im ersten der 16 Texte in Jonathan Franzen nun mittlerweile drittem Essayband. Essays seien, so Franzen, ein guter Weg, um innezuhalten und sich zu fragen, wer man sei und was das Leben bedeute. Ein Blick ins Register zeigt, die Reisereportagen, Erinnerungen und poetologischen Überlegungen sind alle in den letzten Jahren bereits erschienen, in Zeitschriften und Zeitungen wie National Geographic, Guardian, New York Times Book Review oder dem New Yorker. Doch die Zusammenstellung als Buch ist reizvoll, weil sie all die Themen zusammenträgt, die Franzen wichtig sind und für die er steht: Umweltschutz, Gedanken über den Klimawandel, Stilfragen – und, natürlich – seine Liebe zu Vögeln. Im Text „Warum Vögel wichtig sind“ fasst er seine ornithologische Begeisterung zusammen. "Sie sind immer unter uns, doch gehören uns nie. (...) ihre Gleichgültigkeit uns gegenüber sollte uns Demut lehren, erinnert sie uns doch daran, dass wir nicht das Maß aller Dinge sind."

Und so tauchen Vögel in den meisten der Texte auf, oft verknüpft mit den politischen Zeitläuften. Als z.B. Donald Trump die Wahl wider Erwarten gewann, hielt sich Franzen gerade in Ghana auf, zum Vögel beobachten. Während Freunde ihm entsetzte Nachrichten zum Wahlausgang schickten, suchte er mit dem Fernglas nach Krokodilwächtern, Karminspinten und Fahnennachtschwalben. Eine sehr starke Getriebenheit, möglichst viele Vogelarten zu entdecken, gesteht er auch: Er sei ein "Lister", einer, dem es nicht nur allein um die Freude gehe, sondern auch um das Abhaken - bei einer Reise nach Jamaika lernen wir den Lister Franzen gut kennen, wenn er fast manisch jeden Morgen um fünf loszieht, um möglichst viele der endemischen Arten zu entdecken

Wo Literatur und Essay sich berühren

Ungehörige Erkenntnisse bieten die 16 Texte nicht, anders als seine Essaykollegin Siri Hustvedt, die in diesem Frühjahr eine neue Sammlung ihrer gewohnt wissenschaftlichen Texte vorlegt, erörtert Franzen zum Teil sogar fast banale Selbstverständlichkeiten. Besonders stark wird Franzen da, wo sich Literatur und Essay berühren und er ins Erzählen kommt. Die titelgebende Reportage "Das Ende vom Ende der Welt" zum Beispiel ist ein wunderbar mitreißendes Lesestück über eine Expeditionskreuzfahrt in die Antarktis, bei der Franzen so viele Pinguine wie möglich entdecken möchte und an Bord damit zu einer Art "Problempassagier" wird. Dazu der topographische Ausnahmezustand am Ende der Welt, Umweltthemen, eine rührende Begegnung mit einem Kaiserpinguin und das Soziotop einer Kreuzfahrtgesellschaft.

Oder der Text "Manhattan 1981", in dem Franzen beschreibt, wie er  mit seiner damaligen Freundin den Sommer in New York verbrachte, jobbte, Angst vor Kriminalität hatte, wie sie stritten, weinten und sich wieder versöhnten und ein seltsamer Nachbar herumirrte – da stellt sich ein belletristischer Sog ein, den man aus Franzens Romanen kennt, und ob das nun Essay oder Kurzgeschichte oder Memoir ist, kann einem doch dann ganz egal sein, denn das wichtigste ist doch: Man möchte es unbedingt weiterlesen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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