Leïla Slimani: "All das zu verlieren"
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Roman - Leïla Slimani: "All das zu verlieren"

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Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani ist einer der großen Stars der jungen französischen Literaturszene: Vor drei Jahren veröffentlichte sie ihren Roman "Chanson douce", auf Deutsch "Dann schlaf auch du", für den sie mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde und der in Frankreich ein großer Verkaufserfolg war. Nun ist ihr neuer Roman auf Deutsch erschienen: "All das zu verlieren" heißt er.

Vieles verlieren kann eine Frau namens Adèle, die anfangs tatsächlich fast alles zu besitzen scheint: Jugend, Schönheit, Wohlstand. Sie lebt in Paris, im begehrten 18. Arrondissement; eine 1A-Lage, wie ein Makler sagen würde. Ihr Mann arbeitet hart, aber erfolgreich an seiner Karriere als Arzt. Sie selbst ist Redakteurin bei einer Pariser Zeitung, für die sie auch aus Nordafrika berichtet (wie es die Autorin auch einmal tat).

Aber Adèle ist unzufrieden. Ihre Unzufriedenheit gilt nicht der einen oder anderen Facette ihres Lebens. Sie leidet unter einer tiefgreifenden, nagenden Frustration, die jeden Aspekt ihres Daseins aushöhlt. Alles widert sie an: ihre Kollegen, ihre Arbeit, die Menschheit allgemein, das Leben überhaupt. Und was sie nicht anwidert, das ist ihr zutiefst gleichgültig. Adèle scheint völlig außerstande zu sein, den Alltag des Lebens zu ertragen. Leider gehört auch sie selbst zu diesem Alltag.

Und so versucht sie, dem Kerker aus Ekel und Desinteresse durch ein rauschhaftes Leben zu entfliehen, genauer gesagt: durch ein Leben im amourösen Rausch. Sie führt eine zweite, geheime Existenz, in der sie sich von einer Affäre in die nächste stürzt.

Liebhaber mit verschwommenen Zügen

Doch "amourös" ist eigentlich schon zuviel gesagt. Es geht nicht um Verliebtheit, nicht um Koketterie oder Sinnlichkeit. Slimani schreibt über ihr Geschöpf: "Sie hatte kein Verlangen nach den Männern, denen sie sich näherte. Ihr ging es nicht um die Körper, sondern um die Situation." Eine Situation, in der sie Männer mittels Begehrlichkeit beherrschen kann.

Wie es bei Süchten so ist, muss die Dosis stetig gesteigert werden. Eine klägliche, glanzlose, niemals endende Abfolge von Männern wandelt durch Adèles Biografie, arm und reich, schön und hässlich, jung und alt – lauter lieblose Geschlechtsakte, buchstäblich zwischen Tür und Angel: "Zu jeder Jahreszeit, jedem Geburtstag, jedem Ereignis in ihrem Leben gehört ein Liebhaber mit verschwommenen Zügen".

In dieser Hinsicht erinnert der Roman an die Bekenntnisse einer Catherine Millet, die vor fast zwanzig Jahren für Furore sorgten, und natürlich auch an die Romane von Michel Houellebecq, in denen ein entfremdeter Sexus so oft eine tragende Rolle spielt. Leïla Slimanis Roman unterscheidet sich von diesen Werken insofern, als er sich nicht in allzu detaillierten Schilderungen von Geschlechtsakten ergeht und fast nie ins Voyeuristische abgleitet. Weniger beklemmend ist die Lektüre deshalb nicht.

Unwertgefühl und Aufmerksamkeitsgier

Die ersten hundert Seiten, fast die Hälfte des Romans, lesen sich wie ein Psychogramm der Hauptfigur. Dazu wählt Leïla Slimani den Weg der direkten Charakterisierung: Was der Leser wissen soll, wird ausgesprochen, nicht angedeutet. Zumindest in dieser Hinsicht bewegt man sich als Literaturkonsument in der Komfortzone wohlgeordneten Erzählens. Da trifft es sich gut, dass Leïla Slimani ihre Geschichte in der Weihnachtszeit beginnen lässt. Das gibt ihr die willkommene Gelegenheit, verschiedene Aspekte im Leben ihrer Hauptfigur fein säuberlich abzuhaken.

Als Erstes ist die Weihnachtsfeier in der Zeitungsredaktion dran, mit schwitzigen Begehrlichkeiten unter Kollegen. Dann werden die Schwiegereltern und die eigenen Eltern in der Provinz besucht. Hier zeigt sich der Stoff, aus dem die Ursachen sind: Die Mutter erscheint als ein kleinstbürgerlicher Ausbund von Missgunst und Gehässigkeit.

Unverkennbar haben Unwertgefühl und Aufmerksamkeitsgier, die ja letztlich hinter Adèles wildgewordenem Erotismus stehen, ihren Ausgang in schmerzlichen Kindheitserfahrungen. Dazu gehört auch ein gestörtes Körpergefühl: "Sie hat ihre Magerkeit kultiviert wie eine Lebenskunst". Weiter lässt sich Leïla Slimani aber nicht in die Untiefen Freudscher Exegese locken.

Eros ohne Geheimnis

Über weite Strecken wirkt der Roman reißbretthaft. Zwar werden die einzelnen Szenen kurz genug abgehandelt, aber es bleibt doch eine Aneinanderreihung. In der Mitte des Buches scheint dann ein hochwillkommener "coup de théâtre" zu nahen: Adèles Ehemann hat einen schweren Unfall und auch ihr Doppelleben fliegt auf. Doch rechten Schwung kann selbst der hinkende und gehörnte Gatte nicht ins Geschehen bringen.

Dass die Sprache glatt und geheimnislos bleibt, passt wiederum gut ins Bild, denn geheimnislos ist auch die schreckliche Welt der Adèle. Zwar hat sie dauernd Heimlichkeiten vor ihrem Mann, doch die Eskapaden, die sie vor ihm versteckt, sind ihrerseits völlig frei von Mysterien. Ein Mensch wie sie, für den der Eros jedes Geheimnis verloren hat, ist arm dran. Treffende, aber schmucklose Berichtssätze spiegeln das in gebotener Glätte wider.

Die untergründige Spannung von Leïla Slimanis vorangegangenem Roman sollte man diesmal nicht erwarten. "All das zu verlieren" ist vor allem in den Details stark: dem dauernden Lügen, dem Sich-Herausputzen für irgendwelche Kerle, dem Aufwachen mit Kopfschmerz und Reue, der zunehmenden Selbstverachtung. Das Buch ist ein bedenkenswerter Beitrag zu dem, was die Psychologie "Hypersexualität" nennt – einem wichtigen Thema unserer Zeit, das längst noch nicht auserzählt ist.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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