Longos: Daphnis und Chloe; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Longos: "Daphnis und Chloe"

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Die Geschichte der beiden jugendlichen Hirten ist 1.800 Jahre alt: Warum bewegt sie uns noch immer und zieht uns in den Bann?

Die Romanze von Daphnis und Chloe ist zu einem Genre übergreifenden kulturellen Topos geworden: Offenbach komponierte eine Operette, Ravel ein Ballett, Chagall malte Bilder, Rodin schuf eine Skulptur. Und natürlich wurde das Liebeserwachen der beiden Findelkinder auch immer wieder aufs Neue verfilmt.

Jeder meint die Geschichte zu kennen. Aber wer, Hand aufs Herz, hat jemals die literarische Vorlage gelesen und wüsste auf Anhieb, dass ein geheimnisvoller Autor namens Longos für das 1800 Jahre alte Meisterwerk verantwortlich ist? Behilflich beim Genuss des vielleicht ersten erotischen Romans der Weltliteratur könnte Kurt Steinmann sein: Er hat jetzt eine Neuübersetzung von "Daphnis und Chloe" verfasst.

Ein begnadeter und fantasievoller Erzähler

Es wäre schön, wenn wir mehr über Longos wissen würden, denn er war zweifellos ein begnadeter und fantasievoller Erzähler, ein äußerst gebildeter Autor, der alles wusste über die griechische und römische Kunst und Literatur, über die Abgründe der Liebe und das von den Göttern gelenkte Schicksal des Menschen. Aber wir wissen tatsächlich nichts über ihn und sein Leben. Wir wissen noch nicht einmal, ob Longos sein richtiger Name oder nur ein Pseudonym war, um seine wahre Identität zu verschleiern.

Vermutlich hat Longos Ende des 2., Anfang des 3. Jahrhunderts gelebt, darauf lassen einige Details seiner Schilderungen schließen. Vielleicht lebte er auf der Insel Lesbos, denn der Roman, mit dem er sich unsterblich gemacht hat, spielt ausschließlich auf Lesbos, deren Natur und Städte, Dörfer und Küsten er kenntnisreich und liebevoll beschreibt. Aber es ist genauso gut möglich, dass er nur ein Reisender war, der alles über Lesbos gelesen und bei einem Besuch der Insel sich alles gut eingeprägt hatte: Wie die dort herrschenden Familien ticken, die armen Bauern leben, die Schafe und Ziegen geweidet und die Götter von allen gefürchtet und verehrt werden.

Sollte der mit dem Lateinischen "Longus" verwandte Name zutreffen, liegt die Vermutung nahe, dass er der Sohn eines freigelassenen römischen Sklaven war. Doch wie er es schaffte, Autor dieses zeitlos bezaubernden Liebes-, Hirten-, Entwicklungs- und Abenteuer-Romans zu werden, bei dem zwei Liebende sich finden und erkennen, die große weite Welt der Gefühle bereisen, ohne sich je vom Fleck bewegen zu müssen, den Irrfahrten eines Odysseus oder blutigen Schlachten ausgesetzt zu sein – das bleibt ein Rätsel.

In der wilden Natur ausgesetzt

Beide, sowohl Daphnis als auch Chloe, werden als Säuglinge von ihren reichen, aber gefühllosen Eltern in der freien, wilden Natur ausgesetzt: Daphnis überlebt, weil eine Ziege ihn nährt und Ziegenhirte Lamon und dessen Frau Myrtale ihn bei sich aufnehmen und als ihren eigenen Sohn ausgeben.

Chloe überlebt, weil ein Schaf sie nährt und Schafhirte Dryas und dessen Frau Nape sie bei sich aufnehmen und als ihre eigene Tochter ausgeben. Weil alles immer symmetrisch verläuft, finden sich bei beiden Säuglingen Beigaben, die später dazu dienen, sie als Kinder reicher Eltern auszuweisen und ihnen eine schöne Hochzeit zu ermöglichen. Doch bis es dazu kommt, müssen noch mancherlei Abenteuer bestanden, Verwechslungen aufgeklärt, zärtliche Bande geknüpft und erotische Erfahrungen gemacht werden.

Erste Anzeichen einer verspielten Liebe

Daphnis ist 15 und Chloe 13, als die beiden im Frühling erste Anzeichen einer naiven, verspielten Liebe spüren. Sie küssen und streicheln sich unentwegt, tauschen feurige Blicke. Aber es müssen noch einige Jahreszeiten vergehen, bis ihr Begehren groß und ihre Liebe reif genug ist, um bis zum Äußersten zu gehen und miteinander zu schlafen. Weil sie beide aber keine Ahnung haben, wie man das anstellt, holt sich Daphnis erotische Nachhilfestunden bei einer älteren, sexuell erfahrenen Frau.

Den Liebesakt vollziehen werden sie aber erst in ihrer Hochzeitsnacht, wenn alles geordnet und geklärt ist, wenn sie – mithilfe der ihnen wohlgesinnten Götter – die Anfeindung durch betrunkene Schnösel aus der Hauptstadt und die Entführung durch marodierende Plünderer überlebt, einen Krieg zwischen Stadt und Dorf abgewendet und sich ihre wahren Eltern zu erkennen gegeben haben – und der Hirtenroman zu einem Hohelied auf die Liebe wird, die durch nichts zu erschüttern ist.

Freude am Sinnlichen

Die Geschichte der beiden jugendlichen Hirten ist 1.800 Jahre alt: Sie bewegt uns noch immer und zieht uns in den Bann, weil Longos uns die Geschichte zweier Liebender, die ihre Freude am Sinnlichen erstmals erkennen und erfahren, so poetisch subtil, dezent und mit leichter Ironie erzählt. Die Unbeholfenheit der beiden hat etwas Rührendes, ihre Erotik etwas vollkommen Natürliches und Unverkrampftes, die Liebeslektionen, die Daphnis von einer älteren Frau erfährt und mit Chloe ausprobiert, haben nichts Vulgäres oder Frivoles, sondern sind genauso idyllisch, zärtlich und heiter wie die Natur, mit denen die beiden in völligem Einklang leben.

Man spürt in jeder Zeile, dass es Longos um die Erhabenheit und Schönheit des Lebens und der Liebe geht, darum, zu zeigen, dass der Mensch neugierig sein soll und lernfähig ist, dass er in der Lage ist, Frieden zu stiften und Kriege zu vermeiden, Unrecht wieder gut zu machen, denn genau das schaffen die beiden, die sich nur als kleines Teilchen im großen Räderwerk des von höheren Mächten beschützten Lebens verstehen.

Daphnis und Chloe huldigen den weisen Göttern und können ihren bösen Rabeneltern verzeihen und ihr Glück genießen: Denn sie sind eins mit sich und der Natur, sie sind frühe Hippies, ökologisch eingestellt und Befürworter alternativer Lebensentwürfe. Für sie gibt es nichts schöneres, als mit ihren Ziegen und Schafen draußen auf der Weide zu sein, die Freiheit der Natur zu atmen, die Liebe des Partners zu genießen. In die Stadt zieht es sie nicht, denn von dort kommt immer nur Chaos und Krieg. Und auch nachdem sie reich und berühmt und längst verheiratet sind, bleiben sie lieber ihren Wurzeln treu, leben auf dem Lande und sorgen dafür, dass ihr kleiner Sohn von einer Ziege und ihre kleine Tochter von einem Schaf genährt wird. 

Unverkrampft ins Heute

Die Neuübersetzung von Kurt Steinmann besticht durch ihre Schönheit: So schön wie die vollkommene Liebe von Daphnis und Chloe und die Naturidylle auf Lesbos, so schön ist auch die zeitlos-elegante Sprache, die Kurt Steinmann zelebriert. Longos' Prosa steckt voller Poesie, Reime und Alliterationen, für die Steinmann eine moderne Sprache findet, ohne sich an den Zeitgeist heranzuschmeißen. Er holt die alte Liebesromanze nicht mit Krampf ins Heute, sondern belässt sie da, wo sie hingehört: in einer Zeit, in der das Wünschen und die Götter noch geholfen haben.

Steinmann hat auch schon die "Odyssee", die "Ilias" und die "Apokalypse" übersetzt. Es gibt derzeit keinen zweiten, der die Schönheit und Poesie des Altgriechischen sprachlich so tief erfassen und zeitlos gegenwärtig ins Deutsche übertragen und den aktuellen Gehalt der alten Geschichten noch einmal ganz neu aufschließen kann.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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