Martin Walker: "Menu surprise"
Diogenes Verlag
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Roman - Martin Walker: Menu surprise

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Sie verstehen nichts von Rugby? Schon gar nicht vom französischen Frauen-Rugby? Nun, das wird sich dank "Menus Surprise" verlässlich ändern.

Der elfte Fall von Chef de Police Bruno hebt nämlich bei einem Rugby-Match an. Die Beste im Team von Saint Denis, einem fiktiven Ort im Perigord, ist mal wieder Paulette. Sie hat Aussichten, in die französische U20-Auswahl berufen zu werden. Was Bruno, ihren ehrgeizigen Trainer, mächtig stolz machen würde. Paulette, na klar, führt Saint Denis an diesem Tag zur regionalen Meisterschaft. Allein, sie muss sich nach dem Spiel übergeben, es geht ihr gar nicht gut. Es stellt sich nach ein bisschen Getuschel heraus: Paulette ist schwanger. Und sie schweigt über den Vater des Kindes. Wenn es denn ein Kind wird – und keine Abtreibung. Selbige fände Bruno angemessen, um Paulettes Sportler-Karriere und um seines Stolzes willen. Es gibt also einiges zu klären. Aber nur die Ruhe, liebe Walker-Fans, "Menu Surprise" ist beileibe kein sozialkritischer Roman. Im Zentrum steht der Doppelmord an der Millionärserbin Monica Felder und dem undurchsichtigen Patrick James McBride. Es ist Brunos erster Fall nach der Beförderung zum Chef der kommunalen Polizei. Nach und nach zeigt sich, dass die Opfer in internationale Geheimdienst-Machenschaften verstrickt waren. Alte und neue Kriegsherde überall in der Welt, von Mali über Irak bis Afghanistan, spielen in den Ermittlungen eine Rolle. Es zeigt sich, dass bei den Morden die Neue IRA im Spiel war, eine Wiedergängerin der alten (die übrigens im Rahmen des irischen Brexit-Dilemmas auch in der Realität aufgetaucht ist); weitere Personen scheinen akut gefährdet. Die Hunderte Seiten lange Jagd auf die Mörder ist eröffnet.

Ermittlungen mit kulinarischen Lektionen

Dabei wird natürlich gut gegessen – nach Meinung des Rezensenten zu gut, zu viel, zu oft. Aber das geht wohl nicht anders. Bruno ist ja nicht nur Polizist, Rugby-Trainer und Frauenschwarm, sondern auch überaus ambitionierter Hobby-Koch. Er hilft seiner Ex-Loverin Pamela in deren neuer Kochschule gratis mit Kursen aus. Er erklärt dort etwa, wie man eine irre leckere Gänseleberpastete zubereitet, vom Einkauf bis zum Wasserbad. Sie haben da noch Wissenslücken? Lesen Sie "Menu Surprise"! Dann sind Sie im Bilde. Es ist offenkundig: Im Gourmet-Universum kennt sich Martin Walke prima aus. Und er hat sich außerdem hochrangig beraten lassen, wie das Nachwort verrät. Und so beobachtet man eine Manie: Kaum macht in "Menu Suprise" jemand den Mund auf, um etwas Essbares hineinzustecken, und sei es der klitzekleinste Happen, erklärt Walker Qualität, Herkunft und Rezeptur des Vertilgten. Das kann einem auf den Wecker gehen. Auch wenn man selbst gern am Herd steht und gutes Essen der Kultur zurechnet. Andererseits: alles Geschmackssache! Walkers Masche und Markenzeichen ist es halt, Brunos Ermittlungen mit kulinarischen Lektionen zu marmorieren und Weinkunde darf nicht fehlen. Überhaupt muss man sagen: "Savoire vivre" inklusive Reit-Ausflügen, Restaurant-Besuchen, Picknicks, notorischem Alkohol-Konsum und so weiter ist Walker sehr, sehr wichtig. Manchmal liest sich "Menu Surprise" wie ein "Schöner leben"-Ratgeber in Roman-Form.

Leiser Zeilenschinder-Verdacht

Weniger gut als Brunos Gerichte ist indessen Walkers Geschichte komponiert. Wer Ansprüche an Kompositions-Technik stellt, wird Mängel feststellen. Der Paulette-, Rugby- und Schwangerschafts-Strang läuft isoliert nebenher und löst sich enttäuschend pointenlos auf. Suche bitte niemand nach psychologischer Tiefe und ernsthaftem moralischem Räsonnement. Was den Geheimdienst- und IRA-Komplex angeht, schimmert einige Kompetenz durch. Walker ist studierter Historiker, er hat Jahrzehnte für den britischen "Gardian" geschrieben. Und trotzdem! Immer wieder macht sich der Eindruck breit, "Menus Surprise" sei nach dem Thriller-Schema F 'Kleiner Mord spiegelt große Weltgeschichte' zusammengebastelt. Anerkennung dem, der die Story in sämtlichen Einzelheiten überhaupt nachverfolgen kann. Walker verzichtet auf echte Rückblenden. Die Vorgeschichte, die für die Aufklärung der aktuellen Morde unverzichtbar ist, wird allein in den Gesprächen der Figuren erzählt – weshalb diese überfrachtet sind mit Informationen. Um vom wilden Wechsel zwischen Schauplätzen und Ereignissen in diesen Gesprächen zu schweigen. Natürlich breitet Walker auch hier gern echte oder angelesene Sachkenntnis aus, glänzt mit Details über Schuss- und Stichwaffen, über Computer-Programme und Polizei-Organisation. Viele erfolgreiche Krimi-Autoren tun das so. Bei Walker schlägt's manchmal ins Pedantische aus, dann kommt leiser Zeilenschinder-Verdacht auf.

Rosamunde-Pilcher-mäßig geschönte Atmosphäre

Aber nun! Walker-Fans dürfte die Rosamunde-Pilcher-mäßig geschönte Atmosphäre des ganzen Szenarios nicht stören, im Gegenteil. Sie werden sich daran wärmen, dass Bruno so ein Pfundskerl ist, das Perigord so malerisch und das es immer wieder so herzlich menschelt, den blöden Morden zum Trotz. Und dann ist da auch noch Brunos Hund, der Basset Balzac. Balzac ist, man möchte sagen, freundlicher als die Polizei erlaubt; er bringt die Menschen zusammen; jeder will ihn streicheln; mit jedem will Balzac knuddeln. "Was für eine Gute-Laune-Kreatur! ... " werden Walker-Fans sagen. Der Rezensent fühlte sich von Balzac dagegen, na ja, tierisch manipuliert. Ihm war, als wollte Walker die Streicheleinheiten für Balzac in Wirklichkeit selbst absahnen. Und Balzac ist nur ein Symptom unter vielen, das für eine gewisse Tendenz zur Ranschmeiße steht. Sagen wir es kurz und mit einer kulinarischen Metapher:  "Menu Surprise" enthält ein bisschen zu viel Süßmittel. Allen Walker-Freunden trotzdem guten Appetit!

Arno Orzessek, rbbKultur

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