Rainer Moritz: "Zum See ging man zu Fuß. Wo die Dichter wohnen."
Bild: Knesebeck Verlag

Bildband - Rainer Moritz: "Zum See ging man zu Fuß. Wo die Dichter wohnen"

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"Wer das Dichten will verstehen, muss ins Land der Dichtung gehen. Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen." Das hat schon Johann Wolfgang von Goethe gewusst. Und recht hat er, denn wenn wir einen Roman oder einen Lyrikband lesen: interessiert es uns dann nicht brennend, wie und wo der oder die Schreibende gelebt hat, als er oder sie diese Prosa oder jenes Gedicht schrieb?

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses in Hamburg und selbst ein angesehener Autor, hat sich auf Spurensuche begeben und aus seiner Neugier ein Buch gemacht: "Zum See ging man zu Fuß. Wo die Dichter wohnen", heißen seine mit Fotos von Anna Aicher geschmückten literarischen Spaziergänge.

Die Dichter wohnten (denn alle Dichter, die Rainer Moritz und Fotografin Anna Aicher ins literarische Blickfeld nimmt, sind längst verstorben) und arbeiteten, schrieben und verzweifelten, liebten und hassten Städte wie Lübeck, der Geburtsort von Thomas Mann, der Ort der Kindheit und Jugend und der ersten literarischen Leidenschaften, der Ort, ohne den der Jahrhundertroman "Die Buddenbrooks" nie entstanden wäre. Die Dichter wohnten – zumindest eine Zeitlang – in Zürich, wie Max Frisch, der von hier aus die Welt bereiste und die Frauen eroberte; oder in Prag, wie Franz Kafka, dessen sperrig-schillerndes Werk und dessen persönliche Alpträume nicht ohne die besondere Atmosphäre dieser multikulturellen und multiethnischen Stadt denkbar ist. Sie wohnten in Kopenhagen, wie der Märchenautor und Geschichtenerzähler Hans Christian Andersen; sie vertrödelten ihr Leben und schrieben ihre Romane in den Cafés von Lissabon, wie Fernando Pessoa. Sie schauten aufs Meer und schufen sich ein Sommerrefugium wie Gerhard Hauptmann auf Hiddensee; sie verließen Deutschland, zogen sich in die Schweizer Berge zurück und eroberten vom verträumten Dorf Montagnola aus literarisch die Welt, wie Hermann Hesse. Sie bezogen eine kleines Haus in Berlin-Adlershof, wie die aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrende Anna Seghers; oder sie verbrachten ihre Kindheit in Klagenfurt, wie Ingeborg Bachmann. Insgesamt sind es 14 Dichter und Dichterinnen, die Autor Rainer Moritz und Fotografin Anna Aicher auf ihren Spaziergängen durch Städte und Landschaften zu neuem Leben erwecken.

Quer durch Europa

Ob Moritz seine Dichter nach literarischen oder geografischen Kriterien ausgesucht hat, bleibt unklar. Er läuft einfach los, kreuz und quer durch Europa: von Lübeck bis Zürich, von Prag bis Kopenhagen, ein Abstecher führt nach Paris, wo er mit Marcel Proust durch die Straßen flaniert und von der "verlorenen Zeit" philosophiert; oder nach Wien, wo er vom Liebesreigen eines Arthur Schnitzler träumt; oder auch nach Rheinsberg, wo er mit Kurt Tucholsky auf Schloss Rheinsberg Quartier nimmt und ein "Bilderbuch für Verliebte" aufschlägt.

Ich vermute, es sind einfach alle jene Schreibenden, die ihm zeitlebens besonders am Herzen lagen, die seinen literarischen Geschmack geformt, die seinen eigenen literarischen Stil, seinen eigenen Lebensentwurf am meisten geprägt haben. Wahrscheinlich wollte er einfach wissen, ob man heute noch Spuren jener verehrten Dichter und ihrer geliebten Dichtungen in den Städten, Dörfern und Behausungen wiederfindet, in denen sie einst gelebt und gearbeitet haben oder ob – außer gräßlichem touristischen Kitsch und flüchtigem Tand – nichts mehr auf die Dichter und ihre literarischen Fantasie und alltäglichen Lebensumstände verweist.

Ingeborg Bachmann

Der Titel - "Zum See ging man zu Fuß" - ist ein Zitat aus einer Erzählung von Ingeborg Bachmann, der unglücklichen und viel zu früh verstorbenen Dichterin, die Rainer Moritz - das spürt man in jeder Zeile – bis heute fasziniert und ganz besonders verehrt, vielleicht gerade weil sie ihm so Rätsel aufgibt und immer ein bisschen fremd geblieben ist. In ihrer Erzählung "Drei Wege zum See" kehrt nach langer Abwesenheit die Fotografin Elisabeth Matrei, eine Frau um die Fünfzig, zu ihrem alten Vater nach Klagenfurt zurück, sie erinnert sich an ihre Jugend und ersten Liebschaften und an die Pfade ihrer Kindheit: einer dieser Wege führte sie immer vom Elternhaus aus hinunter zum Wörthersee und diesen Weg zum See, den ging man, egal wie das Wetter war, immer zu Fuß. Doch so erfrischend der Wörthersee und so beschaulich die Kindheit auch gewesen sein mag, Ingeborg Bachmann – und ihr literarisches Alter Ego Elisabeth Matrei  waren in Klagenfurt nie glücklich und erst frei, als die Stadt hinter ihnen lag: "Man müsste überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Klagenfurt länger als eine Stunde erträglich zu finden", schreibt Ingeborg Bachmann.

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Bild: Anna Aicher/Knesebeck Verlag

Flanieren durch Ort und Zeit

Autor Moritz und Fotografin Aicher lassen sich treiben, mit einem Roman oder einem Gedichtband in der Tasche machen sie sich auf und flanieren durch Orte und Zeiten: Im Falle von Ingeborg Bachmann besuchen und fotografieren sie das Wohnaus der Eltern in Klagenfurt, laufen den Weg zum See, schauen auf die fast schon mediterran üppige Landschaft und auf das Grab der Dichterin und empfehlen zum Schluss noch ein paar Bücher, die man unbedingt von und über Ingeborg Bachmann lesen sollte. Diese Literatur-Hinweise stehen immer am Ende eines Spaziergangs: auch nachdem sie den Weg hinauf nach Montagnola gewandert, über die knarzenden Dielen im Wohnhaus von Herman Hesse gegangen sind, in seinen Bücherregalen gestöbert haben und an seinem Schreibtisch saßen; auch, nachdem sie nach Adlershof gefahren sind, ein bisschen bedröppelt waren von der kargen Spießigkeit, in die sich Anna Seghers eingerichtet hat. Die etwas einsame Grande Dame der DDR-Literatur schreibt: "Zwei Plätze gibt es in dieser mir gleichgültigen Wohnung, die mich freuen, ein Eck im Fenster meines kleinen Schlafzimmers, aus dem man weit raus sehen kann und sich einbilden, dahinter läge das Meer und die Schiffe oder sonst was."

Das Meer und die Schiffe sind auch allgegenwärtig, wenn Moritz und Aicher durch Lissabon flanieren, mit der quietschenden Straßenbahn fahren und in jenem Café eine kurze Rast machen, in dem Fernando Pessoa sein "Buch der Unruhe" schrieb und wo ihm an seinem Stammtisch bis heute ein Platz frei gehalten wird. Denn wohin sollte der Geist des Dichters sonst zurück kommen, der zeitlebens am selben Ort blieb und schrieb: "Was ist reisen, und wozu dient es? Jeder Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang, um ihn zu sehen, muss man nicht nach Konstantinopel."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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