Richard Wright: "Sohn dieses Landes"
Verlag Kein & Aber
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Roman - Richard Wright: "Sohn dieses Landes"

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Im Jahr 1940 erschien in den Vereinigten Staaten der Roman "Native Son", zu deutsch "Sohn dieses Landes". Ein junger, weithin unbekannter Schwarzer hatte ihn geschrieben, Richard Wright, damals gerade zweiunddreißig Jahre alt. Auch der Roman handelt von einem jungen, unbekannten Schwarzen, einem, der unter bedrückenden gesellschaftlichen Umständen kriminell wird.

"Sohn dieses Landes" entwickelte sich schnell zu einem Bestseller und wichtigen Bezugspunkt der afroamerikanischen Literatur. Orson Welles präsentierte dem weißen Publikum schon 1941 eine Bühnenversion am Broadway. Im Januar dieses Jahres hatte eine Neuverfilmung des Stoffes Premiere auf dem Sundance Film Festival. Jetzt ist erstmals die ungekürzte Fassung der deutschen Übersetzung von Klaus Lambrecht erschienen, und sie lädt zum Wiederlesen des Buches ein.

Auch nach fast acht Jahrzehnten liest sich der Roman keineswegs wie ein historisches Dokument, sondern hat viel von seiner früheren Spreng- und Spannkraft behalten. Zum einen ist das Thema Rassismus immer noch präsent. Zum anderen ist hochinteressant, wie Wright seinen Stoff seinerzeit angegangen ist – erstaunlich differenziert und schonungslos, man könnte sogar sagen: politisch unkorrekt.

Er erzählt nicht von einem grundguten Menschen, der zum Opfer gesellschaftlicher Umstände wird. Zwar ist seine Hauptfigur – Bigger Thomas heißt der junge Mann – auch Opfer der Umstände, also des tiefsitzenden amerikanischen Rassismus jener Jahre. Aber Wright ist viel zu sehr Erzähler, als dass er seinen Stoff und seine Figur in ein simples Gut-Böse-Schema pressen würde.

Bis an die Grenzen des Erträglichen

Nein, Bigger Thomas ist kein Pappkamerad, sondern eine Hauptfigur, die lebt und atmet, besser gesagt: schnaubt. Er gehört zu jener gefährlichen Sorte von Menschen, die ihre Unsicherheit hinter Aggressionen verbirgt und auch noch stolz darauf ist. Das führt nicht nur dazu, dass er immer tiefer in den Schlamassel seiner Missetaten gerät, sondern dem Lesern auch zunehmend unsympathisch wird. Wright lotet hier wirklich die Grenzen des Erträglichen aus.

Wie sein Autor ist Bigger Thomas im Süden der Vereinigten Staaten aufgewachsen und dann in den Norden, nach Chicago, gegangen. Dort ist der Zwanzigjährige durch kleinere Vergehen auffällig geworden, und nun hat ihm die Besserungsanstalt ein Vorstellungsgespräch bei einem örtlichen Immobilienmagnaten verschafft.

Hier, im weißen Oberschichtshaushalt, kommt es zur Katastrophe. Bigger wird als Chauffeur eingestellt, er kutschiert die vorwitzige Tochter seines Chefs mit ihrem Freund, einem kommunistischen Agitator – so etwas gab’s vor der McCarthy–Ära noch, auch Wright war damals Genosse – durch die Chicagoer Nacht.

Als er die Tochter bei der Rückkehr ins Bett trägt – sie ist sturzbetrunken –, kommt die blinde Mutter ins dunkle Zimmer getappt. Bigger wird von panischer Angst erfasst, dass man ihn der Vergewaltigung bezichtigen könnte. Er versucht krampfhaft, die Betrunkene am Reden zu hindern und erstickt sie dabei, ohne dass die blinde Mutter es bemerkt.

Eine glaubhafte, lebensechte Figur

Das ist zwar ein Unfall, aber kein unschuldiger. Für Bigger fühlt sich die tragische Tat befreiend, ja belebend an. Es heißt wörtlich: "Er hatte gemordet, und damit hatte er sich selbst ein neues Leben geschaffen". Er ist vom Opfer zum Täter geworden und die Täter, die weißen Unterdrücker, sind nun ihrerseits Opfer.

Die Sache hat freilich einen Schönheitsfehler. Der Immobilienmensch ist kein Rassist, sondern ein wohlmeinender Mensch, der dem schwarzen Straftäter eine zweite Chance geben will. Bigger wiederum gilt unter seinen gleichaltrigen schwarzen Freunden als aggressiv, er bewundert Hitler und Mussolini.

Das ist gewiss auch dem Druck der rassistischen Gesellschaft geschuldet, den der Roman immer wieder beklemmend spürbar macht. Aber: Ein edler Schwarzer à la "Onkel Toms Hütte" ist dieser Bigger Thomas nicht. Dafür allerdings eine umso glaubhaftere, lebensechtere Figur. Wright löst sich hier endgültig von der wohlmeinenden Betulichkeit einer Harriet Beecher Stowe.

Ein Meisterwerk des Realismus

Was Bigger Thomas angeht, so versucht er im Rausch der Selbstermächtigung, aus der unabsichtlichen Tötung eine neue, verbrecherische Existenz zu schmieden. Er erpresst die Eltern der Toten, er vergewaltigt seine schwarze Freundin, schließlich begeht er, scheinbar völlig reulos, einen echten Mord. Erst im letzten Teil des Buches beginnt ein Prozess der Selbsteinsicht.

Dass "Sohn dieses Landes" bei Erscheinen sofort zum Bestseller werden konnte, merkt man dem Roman an. Er liest sich rasant, atemberaubend, spannend. Eigentlich ist er eher nach filmischen als literarischen Vorbildern gestaltet, mit vielen prägnanten Dialogen. Gewalttätige Konfliktsituationen werden packend herausgearbeitet – sind allerdings nicht für zarte Gemüter, in der ungekürzten Übersetzung weniger denn je. Bloß das dauernde Psychologisieren nervt ein wenig. Es produziert zwar lauter wunderbar zitable Sätze, die beginnen sich aber bald zu gleichen wie ein Ei dem anderen.

Mit der Prosa eines Faulkner, Dos Passos oder Fitzgerald – also der prägenden weißen Autoren jener Zeit – hat der Roman wenig zu tun. Komischerweise wirkt er dadurch heute zeitgemäßer, auch leserfreundlicher als manche klassisch modernen Texte. Kein Zweifel, "Sohn dieses Landes" ist immer noch ein Meisterwerk des knallharten Realismus. Und man muss nicht einmal Staub abpusten, um es zu merken!

Steffen Jacobs, kulturradio

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