Buchcover: "GRM"
Kiepenheuer & Witsch Verlag
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Roman - Sibylle Berg: "GRM. Brainfuck"

Bewertung:

Das muss man erst mal aushalten: ein schonungsloser, grenzenloser, abgrundtiefer Roman mit wütenden Fragen an die Menschheit.

Wenn es einen Preis geben würde für den niederschmetterndsten Roman des Jahres, Sibylle Berg würde ihn gewinnen, unter allen Neuerscheinungen ist weit und breit nichts Deprimierenderes zu finden als ihr neuer Roman "GRM - Brainfuck".

Für menschliche Abgründe ist Sibylle Bergs Literatur bekannt, und in "GRM" scheinen sie noch tiefer zu sein. Überwachung, entgrenzter Neoliberalismus, Vergewaltigungen, Massaker, Sexsklavinnen, Babys in Säurebädern, zusammengeschlagene Obdachlose, knacksende Knochen, Ignoranz, Qual. Die Menschheit zeigt sich hier in ihrer ganzen potentiellen Monströsität.  

Drecksmusik und Drecksleben

GRM ist die Abkürzung von Grime, schnellem, aggressiven Rap, der Anfang der Nuller Jahre in Großbritannien entstanden ist. Der rhythmische, wütende Gangster Rap ist so etwas wie der Soundtrack zum Roman.

Die vier Hauptfiguren Don, Karen, Hannah und Peter wachsen in prekären Verhältnissen in einer englischen Kleinstadt auf, bevor sie gemeinsam nach London fliehen und sich in einer verlassenen Fabrikhalle niederlassen. Grime wird zu einer Überlebensmaßnahme, sie träumen davon, selbst einmal damit erfolgreich zu werden. "Scheinbar nur für sie war Grime erfunden worden", heißt es in "GRM", "Grime lief im Viertel den ganzen Tag. Als Musik zum Lebensgefühl. (…) Grime war wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben."

Auch stilistisch hat Sibylle Berg den Textrhythmus an Grime angepasst - ein Sprachrausch, mit zum Teil halbfertigen Sätzen, Zeilensprüngen, vom Duktus an Sprechgesang erinnernd.

Eine Dystopie mit tief pessimistischem Menschenbild. Mit unter die Haut gepflanzten Chips kann man Karmapunkte sammeln, je mehr Punkte man zusammenträgt, desto höher wird das Grundeinkommen. Die Todesstrafe ist zurück, Hinrichtungen werden im Fernsehen ausgestrahlt. Psychopharmaka kosten fast nichts. Es gibt in diesem Buch niemand, der nicht müde und kaputt, dreckig oder gemein ist und dessen Leben nicht von Grausamkeiten bestimmt ist.

Grusel, Grauen und Gewalt

Natürlich kann man sich zu Recht die Frage stellen, warum man dieses Buch lesen sollte. Doch so viel der Roman einem auch zumutet, so beeindruckend ist er auch. So eine nachdrückliche Gesellschafts- und wütende Kapitalismuskritik wie Sibylle Berg legt sonst kaum einer an den Tag. Das geschilderte Elend ist grenzenlos – leider jedoch auf mehreren Ebenen: Muss das Grauen wirklich auf 640 Seiten ausgedehnt werden? Zumal sich die Figuren kaum entwickeln und die Schilderungen einem irgendwann vorkommen wie eine beharrlich unaufhörliche Addition von Monströsitäten.

Ein sehr guter Dokumentarfilm 2016 porträtierte die provokante Schriftstellerin und trug den Titel: "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?". Eine Frage, die man durchaus auch diesem neuen Roman stellen kann. Wie wäre es mit einem Test: Einen Grime Song anmachen, z.B. "Stress" von Justice, und dann abwarten, ob man es ertragen kann.

Wer es aushält, den ganzen Song durchzuhören, ohne dabei wahnsinnig zu werden, der kann es auch mit diesem Buch aufnehmen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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