Wulf Kirsten: Erdanziehung - Gedichte
S. Fischer Verlag
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Gedichte - Wulf Kirsten: "erdanziehung"

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Der Schriftsteller Wulf Kirsten hat Essays und Erzählungen veröffentlicht, doch im Mittelpunkt seines Werkes stand immer die Lyrik. Jetzt ist nach fünf Jahren ein neuer Gedichtband herausgekommen, der die Gedichte aus den letzten acht Jahren versammelt: "erdanziehung" heißt die Sammlung des nunmehr 84jährigen Dichters, dessen Werk unter anderem mit dem Peter-Huchel-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde.

Ein neuer Gedichtband von Wulf Kirsten ist ein Grund zur Freude. Doch das gilt eigentlich immer, wenn einer der noch lebenden Dichter der ehemaligen "Sächsischen Dichterschule" neue Gedichte veröffentlicht. Poeten wie Volker Braun, Elke Erb, Karl Mickel, Rainer Kirsch, Adolf Endler und eben Wulf Kirsten rechnete man einst zu dieser Gruppe. Mit den Jahren und Jahrzehnten sind sie dem lyrikinteressierten Leser zu verlässlichen Lebensbegleitern geworden.

Verständlichkeit ist ein wichtiges Kennzeichen der "Sächsischen Dichterschule" mit allem, was dazugehört: dass ein Gedicht sich auf erkennbare Gegenstände bezieht, dass es ein klares Thema hat, dass es "welthaltig" ist. Auch eine wohlbemessene Freude an der Sprache, am Spiel mit Formen und Traditionen gehört dazu.

Natürlich sind diese Dichter nicht einer wie der andere. Eine Elke Erb klingt anders als ein Volker Braun. Adolf Endler besticht mit seinem urbanen Witz und seiner Vorliebe für das Groteske. Von Karl Mickel gibt es wunderbar formsichere, geradezu formtrunkene Gedichte. Wulf Kirsten ist vielleicht der nüchternste, der bedächtigste unter ihnen. Seinen Gedichten haftet immer eine gewisse Erdenschwere an.

Ein schöner Fluss der Worte

Auch in "erdanziehung" – der Titel sagt’s – bleibt Wulf Kirsten sich treu. Seine bevorzugte Form, so kann man vielleicht sagen, ist der halblaute Monolog: ein reflexiver, melodischer Singsang. Es gibt daher keine Strophen in diesen Gedichten und alle Wörter werden klein geschrieben. Das ist bei ihm keine modernistische Marotte, sondern erzeugt jenen schönen Fluss, der ihm wichtig ist.

Man erkennt den Könner auch an den Gedichtanfängen. Sie klingen oft ganz unspektakulär und ziehen einen doch sogleich ins Gedicht hinein. Hier sind einige Kostproben:

"wo nur bleiben die himmelsbewohner

mit ihren schreien der lebenslust"

Oder:

"herbstgeschmack auf der zunge,

wolkengebilde, die sich

verräterisch auftürmen"

Und:

"wo nicht überall zu hören

als grundton der erde,

zikadensang am Comer see."

Eine gewisse Naturseligkeit der Romantik klingt in solchen Zeilen an. Kirsten spielt damit, er sagt nicht "Zikadengesang", sondern "Zikadensang", was rhythmisch hübscher ist und obendrein den literarischen Hallraum öffnet. Eichendorff erwähnt er namentlich, er vergleicht sich mit ihm, sagt aber gleich darauf, "wie vermessen", wie "maßlos überhoben" das sei. Man glaubt ihm, dass das nicht nur aufgesetzte Bescheidenheit ist.

Mauersegler bei Vollmond

Es fehlt auch das völlige Sich-Hingeben an die Natur, die Verschmelzungslust der Romantiker. Dazu sieht Kirsten zu genau hin, mit zu viel Distanz. Die eben erwähnten "himmelsbewohner" sind Mauersegler, und sie werden im weiteren Verlauf des Gedichts ganz genau beobachtet:

"in eleganten schwüngen ziehen sie

bis in unsichtbare höhen hinauf,

zu schwarzen punkten verwinzigt,

schweben sie wetterflüchtig

taglang über den wolken, heißt es

mitunter den vollmond umkreisend,

dies sah ich mit eigenen augen"

Das ist wunderschön gemacht, nicht zuletzt deshalb, weil die genaue Beobachtung schließlich doch in ein romantisches Stimmungsbild umschlägt: die Mauersegler, die den Vollmond umkreisen, als wär’s eine Leuchtkugel, die über den Bäumen hängt.

Von Kaufhallen weit und wüst

Doch auch zeitgenössische Themen fehlen nicht. Es gibt sogar ein paar geradezu unangenehm heutige Gedichte, in denen sich die Gegenwart sehr unschön in all dieser schönen Natur breitmacht:

"weit und wüst

verstreut kaufhallen im gelände, supermärkte

für heimwerker, die den herbst

festnageln wollen"

Dass man den Herbst nicht festnageln kann, wissen wir spätestens seit Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr". Hier ist der Dichter schlauer als der Heimwerker. Trotzdem wirken derlei Zeitbezüge auf Kaufhallen und Supermärkte ein wenig zu plakativ; es fehlen die Widerhaken. Als Gesellschaftskritiker ist Kirsten nicht so stark wie als Natur- oder Selbstbeobachter.

Schön ist, dass der Dichter keine Altersweisheit für sich in Anspruch nimmt, aber sehr wohl über welche verfügt. Die Weisheit dieser Gedichte liegt darin, Fragen zu stellen, ohne Antwort zu wissen:

"weiß ich wirklich, wer ich war, wie mir

geschah? (...) was hab ich vollbracht?

vergebliche frage."

Man spürt in diesen Gedichten eine große Freude am genauen, gelassenen Hinsehen. Sie regt dazu an, selbst genauer auf das zu schauen, was da ist. Und siehe da: Man fühlt sich beschenkt – von der Welt und von Wulf Kirsten.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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