Buchcover: Walt Whitman: "Grashalme"
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Zitate - Walt Whitman: "Grashalme"

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Vor 200 Jahren wurde Walt Whitman geboren. Der Amerikaner gilt als einer der größten Lyriker des 19. Jahrhunderts und als Begründer einer originär amerikanischen Lyrik. Sein Hauptwerk ist der Gedichtband "Leaves of Grass" – "Grashalme", an dem er sein Leben lang gearbeitet hat. Eine erste Ausgabe enthielt gerade einmal zwölf Gedichte. In der letzten Ausgabe im Todesjahr 1892 waren es vierhundert. Steffen Jacobs verbindet mit dem Autor auch eine persönliche Erinnerung.

Mir ist Walt Whitman spät begegnet, erst mit Ende zwanzig, und nur durch einen Zufall. Einer meiner Helden war damals, in den Neunzigerjahren, Peter Rühmkorf, dessen Gedichte ich wegen ihrer Formkunst und Ironie liebte.

Entsprechend stolz war ich, als Rühmkorf meinen ersten Gedichtband besprach und behauptete, es gäbe darin "ein längst verklungen geglaubtes Whitman-Idiom". Und das, obwohl ich nie auch nur eine Zeile von Whitman gelesen hatte!

Weder ironisch noch anspielungsreich

In Whitmans "Grashalmen", die ich mir daraufhin flugs besorgte, fand ich mich allerdings nicht wieder. Ich liebte ja die Ironie, das Spiel mit den Formen, die literarische Anspielung.

Wenn man einen Dichter finden müsste, dessen Gedichte all das kaum jemals sind, weder ironisch noch anspielungsreich, noch subtil in der Form, dann gäbe es kaum einen besseren Kandidaten als Walt Whitman.

Whitman meint fast alles, was er sagt, tiefernst. Für ihn ist der Dichter – und damit meint er vor allem sich selbst – ein Verkünder hoher Wahrheiten. Seinem Leser verspricht er: "Du sollst Anteil haben mit mir", und zwar: "An der Herrlichkeit der Liebe und der Demokratie, / und an der Herrlichkeit der Religion".

Diese Themen werden in immer neuen Varianten durchgespielt, bitterernst, hoch, heilig und herrlich. Für Ironie ist da kein Platz.

"Für dich sang ich niemals"

Auch die Tradition ist für ihn kaum von Interesse. In den "Grashalmen" gibt es ein Gedicht an einen "Bürger", den er offenbar als Bildungsbürger versteht. Ihn fragt er: "Wolltest du süße Reime von mir?", um ihn dann fast höhnisch zu bescheiden: "Nun für dich sang ich niemals".

Und auch im Salon und in gelehrten Kreisen fühlt er sich fehl am Platz. Dieses Unwohlsein, das wohl eigentlich ein Unterlegenheitsgefühl ist, biegt er in eine Überlegenheit um. Fast trotzig sagt er: "Ich habe die Verwundeten gepflegt und manch einen sterbenden Soldaten beruhigt / Und in Stunden des Wartens oder mitten im Lager diese Lieder gedichtet".  

Whitman stellt – so hätte er selbst es wohl gesehen – das Leben über die Kunst, die Authentizität über den Ästhetizismus. Und er handelt damit zumindest teilweise aus einem für einen Dichter erstaunlichen Irrtum heraus: Er tut, als ob das eine, das sogenannte "richtige" Leben, wahrhaftig wäre, das andere, das Leben in der Kunst, aber unwahrhaftig. Als ob die Kunst nur "süße Reime" produzierte und nicht ihre eigene Lebenswahrheit hätte.

Kunst, die Blut an den Fingern hat

Deshalb sagt er: Die bessere Kunst ist nicht die, welche aus Bildung oder Verfeinerung entsteht, sondern jene, die buchstäblich Blut an den Fingern hat. Auch das Trauma des Bürgerkrieges wird für ihn zur höheren Rechtfertigung seiner vor allem auf proklamatorische Wucht ausgerichteten Ästhetik. Immerhin: Whitman wusste, wovon er sprach, er selbst arbeitete als Helfer im Lazarett.

Für Bildungsbürger und Gelehrte singt Whitman also nicht. Aber für wen dann? Er selbst würde vielleicht sagen: für meine Rasse, oder auch einfach: für alle. Sein Credo lautet: In einem freien Land sollte jeder mit jedem reden können. Es gibt dazu ein kurzes, ganz untypisches Gedicht, buchstäblich von Mensch zu Mensch gesprochen: "Fremdling, wenn du mich im Vorbeigehen triffst und hast / ein Verlangen, zu mir zu reden, warum solltest du nicht / zu mir reden? / Und warum sollte ich nicht reden zu dir?"

Schöne, schlichte Verse sind das, in denen man fast schon jene Miniaturen zu erkennen glaubt, die ein William Carlos Williams einige Jahrzehnte später schrieb.

Seite an Seite mit der guten Sache

Doch in den "Grashalmen" überwiegt der orgelnde Verkünderton. Da spricht der Dichter meist nicht als Gleicher unter Gleichen, sondern als Prophet. Und dieser seltsame Heilige sagt eben nicht: "Lasst uns reden", sondern er sagt, in einer berühmt gewordenen Formulierung: "Ich singe den modernen Menschen". Man weiß nicht recht: Singt er das Loblied auf den modernen Menschen, oder glaubt er, ihn überhaupt erst mit seinem Gesang zu erschaffen?

Whitmans historische Bedeutung ist klar erkannt worden. Er ist ein durch und durch amerikanischer Dichter, in ästhetischer und in politischer Hinsicht. Er steht – zumindest partiell – für den kulturellen Bruch mit der alten Welt, und er vertritt die Werte der Demokratie, der Gleichberechtigung, des verantwortungsvollen Menschseins so vehement wie kein anderer. Er hat die gute Sache auf seiner Seite.

Für das Volk, den großen Lümmel

Natürlich darf man sich als alter Abendländer manchmal auch ein wenig mehr Raffinesse, eine größere sprachliche Differenziertheit wünschen. Oder zur Abwechslung ein bisschen Bosheit und Niedertracht. Zuviel Moral strengt an.

Aber man muss letztlich doch sagen: Dieser hohe, hehre, eigentlich eher rhetorische als lyrische Stil hatte seine Berechtigung im jungen Amerika. In einer Demokratie kann man nicht einfach herrschen, da muss man überzeugen, und das geschieht eben nicht mit feinziselierter Lyrik, sondern mit hämmernder Rhetorik. Heine hat das Volk "den großen Lümmel" genannt. Diesen Lümmel besingt Whitman – und für ihn will er singen. Das hat er großartig gemacht.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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