Cover: Axel Milberg: "Düsternbrook"
Piper
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Roman - Axel Milberg: "Düsternbrook"

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Es ist nichts Neues: Ein Autor, der ein Buch unter dem Gattungstitel Roman veröffentlicht, erteilt sich damit selbst die Lizenz, zu schreiben, was er will. Bei einer Autobiographie wäre das anders. Wo sich indessen Fiktion und autobiographisches Schreiben mischen, spricht man von 'Autofiktion'. Und um eine solche handelt es sich bei Axel Milbergs "Düsternbrook": Wahrheit und Dichtung stehen in einem offenen Verhältnis.

Milbergs Perspektive ist indessen klar. Er versucht durchgängig, die Sicht seiner Hauptfigur, des kleinen Axel, der er selbst einst wahr, einzunehmen und wiederzugeben – Axels Beobachtungen, Träume, Irrtümer und Phantastereien.

Ein ausgeprägter Alien-Fimmel

Der alternde Erfolgs-Schauspieler fährt dem Kind also nicht mit der Erfahrung der Jahrzehnte in die Parade. Wir lesen vielmehr, wie Axel seine Welt überhaupt erst wahrzunehmen und zu kennen lernt und dabei auch ausgesprochene Schnapsideen altersgerecht für voll nimmt.

Er hat zum Beispiel einen ausgeprägten Alien-Fimmel. Er wähnt die Außerirdischen leibhaftig anwesend, in normaler Menschengestalt. Und der Autor Milberg funkt ihm an keiner Stelle mit Erwachsenenvernunft dazwischen.

Wir sind was Besseres

Düsternbrook gibt es wirklich. Es handelt sich um einen gehobenen, der Förde zugewandten Stadtteil von Kiel – und gehoben gutbürgerlich verläuft auch Axels Kindheit.

Der Vater hat sich als Scheidungsanwalt einen Namen gemacht und wirbt mit dem patenten Spruch: "Kann du deine Frau nicht leiden, geh zu Milberg, lass dich scheiden."

Die Mutter, die man durch Axels Augen als kühl und spröde wahrnimmt, ist Ärztin und bläut ihren Kindern ein: "Wir sind was Besseres."

Im Hause Milberg fehlt es materiell an nichts, auch nicht an einem noblem Barockzimmer für die wichtigeren Abendgesellschaften. Generaldirektoren, Grafen, ein schwuler Dandy: Illustre Gäste finden sich ein. Axels Patenonkel ist ein Ritter von Georg, der Opa besitzt ein Schloss.

In diesen Kreisen geht man auf Treibjagden. Axel besucht ein altsprachliches Gymnasium, spielt Tennis, lernt Klavier und wird zwanglos mit Kunst und Hochkultur vertraut. 

Raus aus dem Idyll

Im Hause Milberg gibt es keine existenziellen Nöten und in "Düsternbrook"  keine durchgängige Handlung. Für ein paar Seiten scheint der Roman in einen Krimi umzuschlagen, das erledigt sich aber bald wieder.

Es reihen sich die Kurzkapitel recht lose und recht gefällig aneinander, nicht anders die Lebensjahre Axels. Bis er allmählich bemerkt: Es mag ja alles schön und gut sein, aber Düsternbrook ist nicht genug für ihn. Für ihn muss es noch etwas anderes geben als das Fortleben in der Saturiertheit.

Kurz: Er muss raus aus dem Idyll - dessen unheimliche Seite der Autor Milberg im übrigen fein und dezent spürbar macht.

Sammelsurium gefälliger Kindheitsepisoden

Konsequenterweise verfolgt "Düsternbrook" Axels Leben bis zur Aufnahme an der Münchener Otto-Falckenberg-Schule, einer Schauspiel-Schule. Der junge Mann, der alles hat, kommt erst ganz zu sich, als er gleichsam aus seiner Haut fahren und immer wieder ein anderer sein kann. Eine Entwicklung, die sich durch seine Leidenschaft fürs Theater angedeutet hat.

Gerade vierzehn, hatte er mit einem Klassenkameraden ein Stück geschrieben, "Der wilde Westen, wie er wirklich wahr"; es wurde sogar aufgeführt. Zugleich eine Entwicklung, auf die Gert Fröbe, der Schauspieler und Darsteller des Bösewichts Auric Goldfinger im James-Bond-Film "Goldfinger" Einfluss nahm. Man darf vermuten, dass die entsprechenden Passagen keine Fiktion sind.

Bevor es mit der Schauspielerei losgeht, studiert Axel noch für eine Weile Literaturwissenschaft, die ihn aber abstößt. Er vagabundiert in einem alten Peugeot nach Südfrankreich und erlebt mit Francesca eine großartige, wenn auch nicht ganz kitsch- und klischeefreie Liebes- und Sexgeschichte.

Aufs Ganze gesehen rundet sich das Sammelsurium gefälliger Kindheitsepisoden also zu einer Coming-of-Age-Geschichte, wenn auch gewiss zu keinem exemplarischen Bildungsroman.

Dahingleiten durch ein junges Leben

Ja, Axel Milberg kann recht ordentlich schreiben. Seine Rhetorik ist unspektakulär. Er beherrscht die Darstellung kurzer Szenen und Ereignisse. Seine Personen-Schilderungen sind eher nüchtern. Überhaupt sind Emotionsausbrüche nicht sein Ding.

Aber weit entfernt von allem, was man sozialkritisch nennen könnte, gelingt es Milberg doch, das leise Bedrückende, für ihn letztlich Unzureichende des Kieler Wohlstands-Kosmos einzufangen. Da ist es nur konsequent, dass er keine künstlichen Spannungsbögen einbaut, sondern sogar das Risiko eingeht, auf erzählerisch passablem Niveau zu langweilen.

Wer es liebt, bei der Lektüre von Seite zu Seite zu hetzen, sollte definitiv etwas anderes lesen. Wer das ruhige Dahingleiten durch ein junges Leben schätzt, wird sich dagegen mit dem gemächlichen, pointillistischen Vortrag anfreunden können. Es reicht gewiss nicht zu gewichtiger Literatur, es führt kein Weg von "Düsternbrook" zu den "Buddenbrooks" – aber eine originelle Klangfarbe lässt sich dem Buch kaum absprechen.

Axel Milberg
Axel Milberg | Bild: imago images / Future Image

Zum Bestseller wurde "Düsternbrook" natürlich, weil Axel Milberg ein etablierter Schauspieler und Tatort-Kommissar ist. Aber der Roman ist deshalb keine Promi-Mogelpackung.

Man könnte ihm das Qualitätssiegel 'solides Handwerk' geben. Wer sich für Bücher von Fernseh-Berühmtheiten im Allgemeinen und für Axel Milberg im Besonderen interessiert, wird nicht enttäuscht sein.

Katharina Döbler, rbbKultur

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