Bret Easton Ellis: "Weiß" © Kiepenheuer & Witsch
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Reflexion - Bret Easton Ellis: "Weiß"

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Wuschigkeit und Wut und Wucht – ein Entrüstungsbuch über den Geisteszustand der Welt

Bret Easton Ellis ist älter geworden. Auch seine sehr erfolgreichen Bücher sind schon um die 30 Jahre alt: Das Debüt "Unter Null" erschien 1985 und der berühmte Roman "American Psycho" 1991. Die Geschichte über den Investmentbanker Patrick Bateman, der der Langeweile seines Daseins mit Gewalt- und Sexexzessen begegnet, war ein Weltbestseller – Fluch und Segen gleichermassen, wenn man seither nicht mehr halb so erfolgreiche Bücher schreibt. Mit dem Genre Roman tut sich Ellis schwerer und schwerer, wie seine letzten Veröffentlichungen zeigten, das ist auch ihm selbst bewusst

Die Geistlosigkeit der Gegenwart

Im Vorwort von "Weiss", seinem jüngsten Buch, schreibt er, er habe sich in den letzten Jahren eher "weggekämpft" von diesem Genre, die letzten beiden Veröffentlichungen seien keine richtigen Romane gewesen - das eine ein "Pseudo-Memoir, als Horrorgeschichte verkleidet", das andere eine "kondensierte Noir-Autobiografie einer Midlife Crisis". Treffende selbstironische Benennungen von "Imperial Bedroom" und "Lunar Park", in denen Ellis Geschichten eines Bret Easton Ellis erzählte, der um sich selbst und seine Schreibkrise kreist. "Weiß" ist nun – konsequenterweise - ganz bewusst kein Roman.

Man könnte das Buch ein Memoir nennen, ein erzählendes Sachbuch, das persönliche Erlebnisse mit Themen der Zeit verknüpft. Oder man nennt es einfach ein Entrüstungsbuch. Denn Ellis empört sich in "Weiss" ausdrücklich über die Welt.  "Irgendwann in den letzten paar Jahren (…) durchfuhr mich immer wieder ein beinahe überwältigender und irrationaler Verdruss…", schreibt er im Vorwort, eine  Enttäuschung, "die von der Torheit anderer Menschen herrührte". In acht Kapiteln nimmt er die "Geistlosigkeit" der Gegenwart aufs Korn, die vorschnellen Meinungen und Urteile, die nervige Überzeugung von vielen, recht zu haben.

Wie Horrorfilme auf das Leben vorbereiten

Ein kulturkritisches Abwettern also. Aber nicht nur. Denn im ersten Teil von "Weiß" erzählt Bret Easton Ellis von sich selbst. Er plaudert über sein Aufwachsen in Los Angeles, seine Eltern, die sich wenig um ihn kümmerten, und seinen sehr freien, unzensierten Zugang zur cineastischen Welt. Schon in jungen Jahren sah er jede Menge Filme mit expliziten Gewalt- und Sexszenen, "Der Killer im Kopf", "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Tanz der Totenköpfe", "Ich glaub mich tritt ein Pferd", "Shampoo" oder "Saturday Night Fever". Detailliert erzählt Ellis Szenen nach, beschreibt Einstellungen und Anekdoten über Schauspieler und Regisseure.

Das mag zum Teil etwas ausufernd geraten, kann aber auch als Crashkurs der Filmgeschichte gelesen werden. Interessant auch Ellis These, dass es Horrorfilme waren, die ihn auf das Leben vorbereitet haben. "Die Bücher, die ich las, und die Filme, die ich sah, stellten die Welt als willkürlichen und grausamen Ort da, wo überall Tod und Gefahr lauerten", schildert Ellis sein Coming-of-Age, ihm sei dadurch klar geworden, "dass Erwachsene einem nur begrenzt helfen konnten und dass es eine andere Welt gab – eine geheime Welt unter der trügerischen und falschen Sicherheit des Alltags."

Donald Trump und die Doppelmoral Donald Trump und die Doppelmoral

Im zweiten Teil wird "Weiss" dann weniger cineastisch. Hier geht es Ellis um eine Kritik des gesellschaftlichen Klimas. Und natürlich provoziert er – die Rolle des "Bad Boys" hat er seit seinem Debut besetzt. Er könne die heftigen, entsetzten Reaktionen nach Trumps Wahlsieg nicht verstehen, die Verzweiflung, das Ausrufen der Apokalypse. "Diese unterschiedlichen Behauptungen und Mantras erinnerten mich allmählich (…) an die Beschwerden verwöhnter Kinder auf der Geburtstagsparty, wenn sie den Staffellauf nicht gewonnen hatten".

Bret Easton Ellis diagnostiziert hier eine Doppelmoral. Er kritisiert beispielsweise die Schauspielerin Meryl Streep, die just in der Woche, in der sie eine Anti-Trump-Rede hielt, ihr Townhouse in Greenwich für 30 Millionen Dollar auf den Markt warf. Im Kern legt Ellis hier den Finger in eine Wunde, die auch bei uns Thema geworden ist und u.a. deshalb "Weiß" auch für deutschsprachige Leserinnen und Leser zur interessanten Lektüre macht: Wie gefährlich ist ein liberaler Meinungskorridor und das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, und was bewirken Überempfindlichkeit und mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik?

Eine Einladung zum Denken

Natürlich driftet Ellis zum Teil auch ab, kommt von Hölzchen auf Stöckchen und schreibt - leicht beleidigt - gegen seinen eigenen Bedeutungsverlust an. Ellis teilt nicht nur aus, er musste auch einstecken, für seine frauenfeindlichen Äußerungen in den sozialen Medien hat er zum Beispiel viel Gegenwind bekommen. Streckenweise liest sich "Weiß" wie eine eitle Selbstvergewisserung und das relativ ungefilterte Herausblasen einer Verärgerung. Auch Widersprüche fallen auf. Die Sorge, dass nicht mehr auf die Kunst, sondern nur noch auf den Künstler geschaut wird, hat ihre Berechtigung, aber "Weiß" bedient ja genau dieses Interesse am Autobiographischen. Ist das nun bewusste Ironie oder doch nur Nabelschau?

"Weiß" ist ein seltsames Buch. Aber in seiner Wuschigkeit und Wut und Wucht dennoch lesenswert - eine Einladung zum Debattieren, eine Einladung zum Nachdenken.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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