Doris Anselm: Hautfreundin © Luchterhand
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Eine sexuelle Biografie - Doris Anselm: "Hautfreundin"

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Selbstbestimmtheit, Sinnlichkeit und Sex: Eine Frau lebt ihre Lust und begegnet Männern auf Augenhöhe

Ein Ich beschreibt sexuelle Begegnungen. Es ist ein weibliches Ich, ein lustvolles Ich, eine genießende Frau, die ihre Sexualität auslebt, die positive Begegnungen mit Männern hat. In den 13 Erzählungen, die alle miteinander verbunden und verschränkt sind, geht es nicht um Liebe. Es geht um Sex. In der titelgebenden Erzählung heißt es "… vielleicht bin ich aus der Art geschlagen. Ich will nichts von seinem Herzen, ich will nur diese Haut".

Explizit, aber nicht pornografisch

Nicht umsonst gibt es jährlich den "Bad Sex in Fiction Award", den die britische Zeitschrift Literary Review für die schlechteste Beschreibung einer Sex-Szene verleiht. Sex wird oft krude, nachlässig, redundant geschildet, viele Autoren behelfen sich mit Andeutungen oder Auslassungen. Doris Anselm nicht. Sie wird sehr explizit, aber niemals dumpf pornografisch. Sie sucht nach eigenen Bildern, legt die Sprache bewusst auf den Prüfstand. Das gelingt ihr nicht in allen Erzählungen gleichermaßen, aber sehr oft sehr gut und auf eine Weise, die man so noch nicht gelesen hat.

"Ein Druck. Nachlassen. Druck. Nachlassen. Ich scheine dieser Handfläche entgegenzuwachsen, fass mich so an, wie es richtig ist und wie ich es dir nicht beschreiben könnte, und er gleitet an mir entlang (…), bis ich die Stirn irgendwo anlehnen muss, da ist ein Schlüsselbein, zum Glück, und er sagt: 'Komm.'"

Ein positives Männerbild

Ist das erotisch? Ja. Aber es ist kein Porno. Und Doris Anselm dreht nicht einfach das Geschlechterverhältnis um, das weibliche Ich ist keine männermordende Femme fatale. Es geht nicht um Erniedrigung - diese Frau nimmt sich, was sie will, und sie genießt es. Und die Männer genießen auch. Es ist erholsam, welch positives Männerbild Anselms Buch transportiert, nach all den Debatten zu #meToo. So wichtig sie waren, so sehr uferten sie zum Teil auch zu Hetzkampagnen gegen Männer aus. "Hautfreundin" dagegen suggeriert ein Geschlechterverhältnis der Ebenbürtigkeit, erlaubt ist, was gefällt.

Ob es der Anwalt ist, den die Klientin verführt, der Mann, mit dem sie das erste Mal schläft, ein Mann aus dem Zug, IC genannt, mit dem sie sich trifft, wenn er in der Stadt ist. Die Autorin weiß aber auch um die Problematik von weiblicher Lust – gleich die erste Geschichte "Das Wort" greift das Thema Scham auf und reflektiert über das Wort, das so selten ausgesprochen wird: das Wort für das weibliche Geschlechtsorgan. Dass es Anselm in der Geschichte ebenfalls nicht ausspricht und als Leerstelle stehen lässt, zeugt von klugem Sprachempfinden und großem Erzähltalent – und führt zu großartigen Sätzen wie diesem: "Endgültig suspekt wurde es mir, als ich von meiner Mutter erfuhr, dass sie regelmäßig zu einem Arzt ging, der nachprüfte, ob mit ihrem Wort alles in Ordnung war."

Das Problem mit der Statistik

Eine Art Schlüsselerzählung heißt "Die Glühbirne" und schildert das Erwachen der weiblichen Lust. Da sind elf Schülerinnen auf Klassenfahrt und alle himmeln den Zivildienstleistenden an. "Er ist nicht süß. Er ist etwas, wofür wir kein Wort haben. Eigentlich ist er ein Problem." Und wie diese elf Mädchen dann absichtlich eine Glühbirne zerschlagen, damit er eine neue einschrauben muss, und alle elf um ihn herumsitzen auf den Stockbetten, zugucken und mit den Beinen baumeln, das hat man so noch nicht gelesen, und trifft gleichzeitig direkt ins Zentrum des Dilemmas: "Mädchen dürfen so nicht gucken", heißt es da, "damit ihnen nichts passiert." Denn rein statistisch sitzt eine dazwischen, der etwas passiert ist: "Mein unversehrter Blick", erkennt die Erzählerin in der Retrospektive, "ist ein glücklicher Zufall, aber das weiß ich noch nicht."

Sexuell befreit sein zu dürfen ist eben leider nicht immer selbstverständlich für Frauen. So erklärt sich auch die Widmung des Buches: "Für euch. Für alles, was ihr mir gegeben habt, und für das, was ihr mir erspart habt." Anselms sexuelle Biografie ist ein wichtiges und kluges Buch über weibliche Selbstbestimmtheit und weibliche Lust. Es liest sich wie eine literarische Illustration zu Svenja Flaßpöhlers klugem Essay "Die potente Frau", in dem die Philosophin 2018 für ein Geschlechterverhältnis plädierte, in dem man sich - in all seiner Differenz - auf Augenhöhe begegnet: Gleichberechtigung statt Gleichmacherei.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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