Buchcover: "Ein perfider Plan"
Insel Verlag
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Roman - Anthony Horowitz: "Ein perfider Plan"

Bewertung:

Anthony Horowitz ist ein erfolgreicher britischer Unterhaltungsschriftsteller – mit klarer Betonung auf "britisch". Horowitz hat neue Romane zu so legendären Figuren wie James Bond und Sherlock Holmes geschrieben, als Drehbuchautor war er unter anderem an den vielgelobten Fernsehverfilmungen von Agatha Christies Poirot-Krimis beteiligt. Da wundert es nicht, dass der Mittsechziger sogar Träger eines echten Ritterordens ist, des Order of the British Empire. Jetzt ist ein neues Buch von ihm erschienen, der Auftakt einer Krimiserie mit dem Titel "Hawthorne ermittelt". "Ein perfider Plan" heißt dieser erste Band.

Zur Ferienzeit sind viele auf der Suche nach leichter Kost, aber allzu leicht sollte sie wiederum nicht sein. Eigentlich sind die Ferien ja eine gute Gelegenheit, sich auch mal in ein längeres, anspruchsvolles Buch zu vertiefen. Aber dann gibt es diese Situationen zwischen Tür und Angel, beim Warten am Flughafen oder auf dem Bahnhof, in denen "Krieg und Frieden" einfach nicht die erste Wahl ist.

Cosy Crime

Wer intelligente Zerstreuung sucht und gepflegte klassische Krimis mag, kann sich auf "Ein perfider Plan" freuen. Für (relativ) unblutige Kriminalgeschichten wie diese gibt es neuerdings sogar einen Fachausdruck: "cosy crime", "gemütliche Krimis".

Wohl im Gegensatz zu den vielen ungemütlichen Krimis, die täglich erscheinen und mit ausgefeilten Tötungsmethoden, halbverwesten Leichnamen und akribisch beschriebenen Folterszenen ihr Publikum ergötzen wollen.

Neugier ohne Röcheln

Bei "Ein perfider Plan" signalisiert schon der Titel, dass es eher raffiniert-intrigant als brutal zugeht. Der Auftakt ist stilvoll und nervenschonend: Eine ältere Dame spaziert in ein altmodisches Londoner Bestattungsinstitut und gibt mit großer Gefasstheit ihre eigene Bestattung in Auftrag. Wenige Stunden später wird sie erdrosselt in ihrer Wohnung aufgefunden. Wir sind bei dem Mord nicht dabei, wir hören keine Angstschreie und kein Röcheln, und trotzdem ist sofort die Neugier da: Wie ist es zu dieser Situation gekommen, wie entwickelt sie sich weiter?

Dass das so gut funktioniert, ist vor allem dem stilistischen Können des Autors zu verdanken. Die Kunst des Krimis besteht ja nicht zuletzt darin, Personen, Situationen und Milieus mit wenigen Strichen plastisch darzustellen. Anthony Horowitz beherrscht sie ausgezeichnet.

Ungewöhnlich ist die Erzählperspektive, denn der Autor hat sich selbst als handelnde Figur seiner Geschichte gecastet. "Autoreflexivität" nannte man dieses ironische Spiel mit dem Uneigentlichen einst im Postmoderne-Seminar, aber der Kunstgriff ist vermutlich so alt wie die Gattung selbst.

Wechselspiel der Charaktere

Als der Roman einsetzt, hat Anthony Horowitz gerade die Arbeit an einer Fernsehserie abgeschlossen – "Foyle’s War", es gibt sie wirklich – und ist auf der Suche nach einem neuen Stoff. Hier nun geht die Realität in die Fiktion über: Ein Bekannter von Horowitz kommt ins Spiel. Daniel Hawthorne ist ein Ex-Polizist, der als Berater für Filmproduktionen arbeitet. Am Filmset haben die beiden sich kennengelernt.

Hawthorne berät aber auch die Londoner Polizei und soll nun den Mord an der feinen Lady aus dem ersten Kapitel aufklären. Weil er obendrein noch berühmt werden will, wendet er sich an Horowitz: Dieser soll ihn begleiten und ein Buch über seine Ermittlungen schreiben. Und so ziehen die beiden los, nach anfänglichem Sträuben des Autors, und es entwickelt sich ein munteres Wechselspiel der beiden ganz gegensätzlichen Charaktere.   

Wer sich jetzt an die Dioskuren Sherlock Holmes und Doktor Watson erinnert fühlt  (Watson war in den Holmes-Geschichten ebenfalls der Chronist des großen Detektivs), hat den Autor auf seiner Seite. Horowitz lässt sich das Spiel mit der berühmten Vorlage natürlich nicht entgehen. Sein Hawthorne hat zum Beispiel die Sherlock-Holmes-Fähigkeit, noch aus kleinsten Details der Kleidung herauszulesen, in welchen Lebensumständen sich jemand gerade befindet.

Gemütlich, aber unbehaglich

Die Parallelen haben aber auch Grenzen. Watson war ein großer Bewunderer von Holmes, davon kann hier zunächst keine Rede sein. Hawthorne ist ein scheinbar derber Typ, grobschlächtig, vorurteilsbehaftet, immer auch ein wenig bedrohlich. Horowitz schreibt von einer „Mischung aus Boshaftigkeit und Verbohrtheit, die ihn so undurchschaubar machte“. Aber in seinem Metier ist Hawthorne eben doch ein Meister. Kein Zweifel, der Held dieser neuen Krimireihe geht als glaubwürdige und interessante Figur an den Start.

Anthony Horowitz gelingt zudem ein schönes Gleichgewicht zwischen dem Ernsten und dem Heiteren. Er hält den Ton zwar leicht, aber die durchaus vorhandenen komödiantischen Elemente beeinträchtigen nicht die Personen und Milieubeschreibungen und die recht spannende Handlung, die bei aller "Cosiness" gegen Ende durchaus unbehagliche Züge entwickelt. Dies allerdings geschieht nicht durch voyeuristisch ausgeschlachtete Grausamkeiten, sondern durch die emotionalen Untiefen der Handlung, in der eine Familienkatastrophe eine wichtige Rolle zu spielen scheint.

Well done, Mr Horowitz!

Obendrein gibt’s witzige Innenansichten vom Krimischreiben und vom Filmgeschäft sowie schöne Seitenhiebe auf die Eitelkeit von Schauspielern. Manchmal wandelt Horowitz selbst nah an der Grenze zur Eitelkeit, wenn er etwa seine Kontakte zu Berühmtheiten wie Steven Spielberg und Peter Jackson an die allzu große Glocke hängt, aber irgendwie kriegt er gerade immer noch die Kurve.

Hinter allem steckt ein grundsolider "Whodunit", eine Schnitzeljagd nach dem Täter, die den Leser durch ganz London und seine verschiedenen sozialen Lebenswelten führt und sogar einen Ausflug an den altmodischen Badeort Deal bereithält.

Womit wir wieder beim Thema Ferien wären. Der Rezensent hat angenehme Pfingstfeiertage in Gesellschaft dieses Buches verbracht, und er hat keinen Zweifel, dass "Ein perfider Plan" auch den Flughafen- und Bahnhofstest mit Bravour bestehen würde. Wäre dieses Buch ein Steak, dann wäre es nicht blutig, sondern well done.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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