Cover: Die Frau im Musée d'Orsay
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Roman - David Foenkinos: "Die Frau im Musée d’Orsay"

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David Foenkinos ist nicht nur in Frankreich ein Erfolgsschriftsteller, auch bei uns standen die beiden letzten Romane des Vierundvierzigjährigen auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Schon in "Charlotte", 2015 erschienen, ging es um Kunst, und wenn man dem Titel seines neu erschienenen Romans glauben kann, ist das auch diesmal der Fall: "Die Frau im Musée d’Orsay" heißt er, und der Verlag stellt "eine Liebesgeschichte voller Momente der Schönheit" in Aussicht.

Aber der Verlag schummelt ein bisschen, wenn er eine eingängige Romanze ankündigt. Der Roman beginnt zwar leichtfüßig, fast plauderhaft, aber was die Handlung angeht, ist dies ein Buch voller überraschender Wendungen und mit durchaus düsteren Passagen.

Der Roman kreist um die Liebe, gewiss, aber es sind ganz unterschiedliche Formen dieses Gefühls der Gefühle: die Liebe zum Leben – eine manchmal  schwierige Kunst, wie wir wissen –; die Liebe zur Kunst – sie macht es einem schon etwas leichter –; und natürlich die Liebe zu anderen Menschen.

Da geht es um die Trennung eines Mannes von der Partnerin, um den tragischen Abschied einer Mutter von der Tochter, um die pädagogische Liebe zwischen Lehrer und Schülerin. Und es geht darum, wie die Liebe zwischen Menschen gelingen kann, wie sie manchmal aber auch pervertiert.

Als Museumswärter unsichtbar werden

Zur Leichtigkeit der Geschichte gehört, dass manches eher skizzenhaft angelegt ist. Am Anfang steht eine ganz einfache, neugierig machende Situation: Ein junger Kunstprofessor aus Lyon kündigt seine Stelle und bewirbt sich in Paris, im Musée d’Orsay, der Titel sagt es schon. Jeder Paris-Besucher, der etwas auf sich hält, kennt den großartigen Bahnhofsbau aus der Belle Époque, in dem seit den Achtzigerjahren die Crème de la Crème der klassischen französischen Moderne ausgestellt ist.

Doch Antoine – so heißt er, der Kunstprofessor – bewirbt sich nicht etwa als Kurator oder Ausstellungsmacher, sondern als schlichte Saalaufsicht. Auch sonst übt er sich, wie es in dem Buch so schön heißt, in der "Kunst, für andere unsichtbar zu sein".

Natürlich gibt es eine Vorgeschichte, und auf die ist nicht nur der Leser neugierig, sondern auch die Personalchefin des Museums. So bahnt sich zwischen ihr und dem verschreckten Antoine etwas an, das in der Literatur viel zu selten beschrieben wird: eine Liaison von schönster Einfachheit und Selbstverständlichkeit. Aber das ist nur der Anfang.

Melancholie ist kein Notfall

Aus Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" stammt das berühmte Diktum über die Griechen der Antike: Sie "waren oberflächlich – aus Tiefe!" Auch in der französischen Kultur gibt es diesen Willen, das Ernste leicht zu nehmen – nicht aus einem Mangel an Ernsthaftigkeit heraus, sondern aus der Erkenntnis, dass die Melancholie zum Leben gehört. Sie ist kein Notfall, sondern der Normalfall. Dass man melancholisch ist, ist längst kein Grund, Melancholiker zu werden.

Ganz einfach, ganz ohne Küchenpsychologie kommt bei David Foenkinos die Rede auf die Kindheit der Hauptfigur: "Seine Eltern waren nicht richtig böse, aber auch nicht sonderlich liebevoll gewesen, das Verhältnis hatte ihn belastet." Trotz aller Schlichtheit erzeugen Sätze wie dieser einen deutlichen Nachhall. Das oft nur andeutende Erzählen erlaubt zudem eine gewisse Stofffülle auf engem Raum.

Die heilende Kraft der Kunst

Die Reise des Romans geht in die Vergangenheit. Wir erfahren etwas über die Vorgeschichte von Antoine; vor allem aber lernen wir in der Rückblende eine zweite Hauptfigur kennen: eine junge Frau, hochbegabte Künstlerin in statu nascendi und Studentin. Schon früh wird klar, dass es mit ihr ein böses Ende genommen hat. Wie es Foenkinosdazu kommt, ist gerade deshalb eindringlich geschildert, weil das Buch seine Heiterkeit nie ganz verliert. Es ist eine Heiterkeit, die in Mitmenschlichkeit gründet.

Nicht zuletzt ist "Die Frau im Musée d’Orsay" ein Loblied auf die heilende Kraft der Kunst. Ein Kunstwerk, so Foenkinos,  "hat einen beruhigend festen Platz in der Ewigkeit und hat nichts anderes im Sinn, als Schönheit auszustrahlen. Die Trauer vergeht bei Botticelli, die Angst bei Rembrandt und der Kummer bei Chagall".

Und ein bisschen auch bei David Foenkinos.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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