Buchcover: Gerlind Reinshagen: "Atem anhalten"
Suhrkamp Verlag
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Gedichte - Gerlind Reinshagen: "Atem anhalten"

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Das letzte Buch, das Gerlind Reinshagen veröffentlicht hat, ist autobiografisch in sehr ungewöhnlicher Weise: Es ist eine Sammlung von Gedichten, die im Laufe ihres Lebens neben den zahlreichen Theaterstücken und Prosatexten entstanden sind. Als 90jährige hat sie ihre lyrische Ausbeute von Jahrzehnten gesichtet, chronologisch und thematisch geordnet, teilweise auch überarbeitet und zu einem Buch komponiert.

Nichts könnte ihr Leben und ihre Arbeit besser zusammenfassen, als sie selbst es in diesem Gedichtband getan hat. Anstelle eines Nachrufs empfehle ich hiermit nachdrücklich und ausdrücklich, ihn zu lesen und immer wieder zu lesen.

Sie ist am 9. Juni in Berlin gestorben. Es wird kein neues Buch mehr von ihr geben.

"gewaltig und rein zugleich"

Dieses letzte nun wird eröffnet mit dem Gedicht "Annäherung an eine Person"; Peter Handke hat es als "gewaltig und rein zugleich" gepriesen.

Es sucht mit unendlicher Zartheit und Geduld nach dem Wesen eines Gegenübers, das in einem verwirrenden, sich wandelnden Gebäude verborgen, vielleicht auch: verschanzt ist. Erst der letzte Vers findet das Du – als einen Atemgeräusch, im Dunkeln, hinter verschlossener Tür.

Eine Annäherung an die diskrete Dichterin selbst

Das Gedicht fungiert wie eine verborgene Anleitung zum Lesen dieses Buchs: Es ist seinem Wesen nach eine Annäherung an die diskrete Dichterin selbst, die nie die große Öffentlichkeit gesucht hat.

Es streift durch ihr Leben und die verschiedenen Phasen und Aspekte ihrer Arbeit, beginnend mit der Kriegskindheit in Halberstadt, von der man aus ihrem wohlberühmtesten Theaterstück "Sonntagskinder" und dem Roman "Vom Feuer" schon hat lesen können.

Es folgen thematisch die Wirtschaftswunderjahre mit der zugehörigen Arbeitswirklichkeit; die Erfahrung von Grenzen; die vielen kleinen und großen Abschiede; lyrische Porträts von Freunden und Vorbildern; und gegen Ende unter dem Zwischentitel "Jetzt"neben wunderbar eindringlichen Momentaufnahmen ihrer späten Jahre) ein urkomisches Gedicht über das Träumen, Teetrinken, Sich-Zusammenreißen, Einschlafen, Sinnieren und Verzagen vor einem leeren Blatt – eine satirische Poetologie des Nicht-Schreibens.

Komik ist ein Charakterzug in Gerlind Reinshagens Texten, Melancholie auch, ebenso Zartheit und jähe Schärfe. Dabei sind die Grenzen zwischen Prosa, Drama und Lyrik stets offen geblieben: Da konnten Jargon und Hexameter ineinandergreifen, Realismus, Romantik und dramatischer Gesang, nur durch Nuancen von einander getrennt, schräg oder harmonisch zusammenklingen. Wie in ihren Gedichten, dem Vermächtnis dieser einzigartigen, wunderbaren  Autorin.

Katharina Döbler, rbbKultur

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