Cover "1919: Fiktion"
Bild: Verlag Kunstmann

Roman - Herbert Kapfer: "1919: Fiktion"

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Das Jahr 1919 liegt im Trend. Der Buchmarkt grast die Jubiläen ab und lässt deshalb nach 1914 und 1918 derzeit 1919 folgen. Die Historikerin Birte Förster hat bereits ein Panorama über das Jahr 1919 vorgelegt, Unda Hörner hat 1919 als "Jahr der Frauen profiliert" und Volker Weidermann schon vor einiger Zeit mit "Träumer" die Münchner Räterepublik als Dichterregierung beschrieben. Aber 1919 gibt noch viel mehr her – und es beginnt ja auch schon im November 1918 mit dem Kriegsende und der gescheiterten deutschen Revolution.

Herbert Kapfer, lange Jahre Leiter der Abteilung Hörspiel des Bayrischen Rundfunks, nennt sein Buch über 1919 im Untertitel "Fiktion".

Wie ein DJ, der Platten auflegt, legt er historische Texte auf. Außer den Kapitelüberschriften hat er kein Wort selbst geschrieben – das schmälert die kreative Leistung des Dokumentaristen aber nicht. Er verschneidet historische Quellen, Dokumente, Zeitzeugenberichte, politische Pamphlete und kolportagehafte Literatur so miteinander, dass ein mosaikartiges Bild deutscher Zustände entsteht.

Da mischen sich all die Erregungen und Geisteszustände, so das neben dem realen Geschehen auch die Wahnvorstellungen, die Ängste und Phantasien sichtbar werden. Geschichte entsteht zu einem guten Teil, aus "Fiktionen" – das ist etwas, was wir im Trump-Zeitalter schließlich auch erleben müssen.

Wie Mythen entstehen

Bei Herbert Kapfer lässt sich nachvollziehen, wie Mythen entstehen. Der brodelnde Antisemitismus wird ebenso spürbar wie der gekränkte Nationalstolz, der in Chauvinismus umschlägt. Das soldatische Gefühl des "Im-Felde-unbesiegt" entsteht aus romanhaften Erinnerungen von Freikorpsleuten.

Da gibt es eine Gruppe von vier versprengten Soldaten in Thüringen, die ein krankes Kind dabei haben – fast wie bei Goethes Erlkönig – und dort von einem Landgutbesitzer aufgenommen werden, der ihnen sein Land verpachten will. Das Siedlertum – später dann vor allem im Osten – war ja auch ein Ausweg aus der Ratlosigkeit nach dem Krieg. Oder man erfährt, wie Freikorpstruppen im Baltikum gegen die Bolschewisten gewütet haben.

Auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird aus den Berichten der Mörder, die das voller Stolz erzählen, rekonstruiert. Daneben gibt es fiktive Geschichten, wie die "Stadt unter dem Meer", wo eine U-Boot-Mannschaft eine Höhle im Mittelmeer entdeckt und dort eine unterseeische Waffenschmiede errichtet.

Aber es geht nicht nur um Militärs, sondern auch das Leben der Arbeiter und Anarchisten, das soziale Elend wird deutlich. Sehr eindrucksvoll ist zum Beispiel eine Hausdurchsuchung in Berlin, wo man erfährt, wie die Arbeiter wohnten, welche Enge, welche Ausdünstungen, und wie sie in der Nacht, während die Soldaten alles durchwühlen, die Internationale singen. Und ergreifende Liebesgeschichten gibt es auch.

Fleckenteppich der Zeitgeschichte

Kapfer benutzt Archivquellen, aber auch Bücher durchaus berühmter Autoren: Richard Huelsenbeck mit einem dadaistischen Manifest, Erich Mühsam mit seiner Schrift über Gerechtigkeit, oder Oskar Maria Graf, Ernst Toller und Max Hoelz. Ernst von Salomon, der dann bei der Ermordung von Walter Rathenau beteiligt war und nach 1945 mit dem "Fragebogen" einen Bestseller schrieb, ist mit seinen Erinnerungen vertreten oder – auch sehr aufschlussreich – der Antibolschewist Eduard Stadtler.

Dazu gibt es Romanauszüge von nahezu vergessener Autoren wie Sophie Hochstetter, Agnes Harder oder Hans Roselieb. So entsteht in der Werkstatt von Herbert Kapfer ein großer Fleckenteppich aus verschiedensten Szenen und Figuren, der Zeitgeschichte als gelebte Menschengeschichte sichtbar macht.

Jörg Magenau, rbbKultur

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