Alexander von Humboldt: Der Andere Kosmos
dtv
Bild: dtv Download (mp3, 5 MB)

Sachbuch - Alexander von Humboldt: "Der andere Kosmos"

Bewertung:

Die Bauverzögerung am Humboldt Forum hat vielleicht auch etwas Gutes. Denn so muss man nicht weiter über dürftige Konzepte und mögliche Raubkunst des neuen Museums streiten, sondern kann sich ganz auf Werk und Wirken von einem der Namensgeber der wichtigsten Kultur-Baustelle der Republik konzentrieren. Behilflich dabei könnte ein Band mit Texten von Alexander von Humboldt sein: "Der andere Kosmos".

Der Titel ist ein Spiel, aber gleich auch ein Hinweis darauf, dass ihre Text-Sammlung sich bewusst von Humboldts vielleicht bekanntestem und bedeutendstem Werk unterscheidet, den damals in fünf Bänden erschienenen "Kosmos".

Nach den Berichten über seine Forschungsreisen nach Amerika und Asien unternimmt Humboldt in seinem großen Spätwerk den waghalsigen Versuch, die ganze materielle Welt – "von den Erscheinungen der Himmelsräume bis zur Geographie der Moose" – in einem Buch darzustellen und nennt sein "Kosmos"-Buch den "Entwurf einer physischen Weltbeschreibung": damals ein Mega-Bestseller.

Die Leute standen Schlange, um den jeweils neuesten der fünf Bände zu ergattern. Im Gegensatz dazu liefert nun "Der andere Kosmos" ein Bild der Welt in unzähligen kleinen Schriften, Fragmenten und Facetten. Humboldt war ein Meister der kleinen Form, hat tausende Briefe und Essays verfasst und in alle Welt verschickt.

Gedruckt und gelesen wurden sie in vielen Städten, in Göttingen genauso wie in Genf, in Pittsburg und Philadelphia, Havana und Hamburg, Moskau und Mailand, Sydney und San Salvador, Calcutta und Rio de Janeiro. Wie kein zweiter Intellektueller seiner Zeit hat Humboldt auf der Klaviatur der Medien gespielt, seine Gedanken verbreitet und die Globalisierung des Wissens vorangetrieben.

Die meisten dieser Essays und Artikel sind in Vergessenheit geraten und kaum jemals wieder nachgedruckt worden: Dieses Versäumnis haben jetzt die Herausgeber Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich nachgeholt und sich den Spaß erlaubt, für jedes Jahr seiner publizistischen Tätigkeit – von 1789 bis 1859 – ein Beispiel auszuwählen: Sie präsentieren 70 Texte, veröffentlicht an 70 verschiedenen Orten.

Gefährliche Selbst-Experimente mit elektrischen Zitteraalen

Es begegnet uns ein Weltreisender und Weltbürger, ein von Neugier und Entdeckerlust getriebener Wissenschaftler, ein begnadeter Stilist und eleganter Unterhalter, der das dumpfe Berlin nicht besonders mag und lieber im feinsinnigen Paris lebt, der nichts so sehr hasst, wie Zuhause zu hocken, sondern lieber gedanklich und physisch in die Welt hinauszieht, fächerübergreifend denkt und forscht.

Wir erleben Humboldt als Bergsteiger und Astronom, Vulkanologen und Klimaforscher, Historiker und Kartograph, Botaniker und Ökologe, Wissenschaftspolitiker und Forschungsmanager, engagierten Autor und politischen Intellektuellen: Denn Humboldt beschreibt nicht nur, wie er den Chimborazo besteigt und den Orinoko und Amazonas hinunter paddelt, Vulkane erklimmt und Wüsten durchstreift, mit Karten und Instrumenten die Welt vermisst, den "erdefressenden Otomaken" begegnet, unbekannte Tiere entdeckt und gefährliche Selbst-Experimente mit elektrischen Zitteraalen betreibt.

Er klagt auch den "Sklavenhandel" in Afrika und Amerika an; polemisiert gegen Rassismus und Ausbeutung in die Kolonien. Humboldt wehrt sich gegen die politische Zensur seiner Werke, die von den Ideen der französischen Revolution inspiriert sind. Er fordert die Juden-Emanzipation in Preußen. Er ist, im besten Sinne, ein Intellektueller, der den Elfenbeinturm verlässt, sich einmischt und auf seine Unabhängigkeit beharrt.

Seine Forschungsreisen und Experimente bezahlt er viele Jahre aus eigener Tasche, erst als ihm das Geld ausgeht, kehrt er – widerwillig – von Paris nach Berlin zurück, um König Friedrich Wilhelm als "Kammerherr" zu dienen und seine heute legendären Vorlesungen in der Singakademie zu halten.

Allegorisches Grübeln über belebte und unbelebte Natur

Seinen ersten Text, da ist Humboldt noch keine Zwanzig, veröffentlich er anonym in einer in Berlin erscheinenden französisch-sprachigen Zeitschrift, der "Gazette littéraire de Berlin": ein pflanzenwissenschaftlicher Aufsatz über einen javanischen Giftbaum, dem Bohon-Upas, seine Ausdünstungen sind derart giftig, dass Tiere, die ihm zu nahe kommen, elendig verenden.

Humboldt war damals zwar noch nie im Ausland gewesen, aber er weiß alles über das Thema und entdeckt schon hier einige seiner Lebensthemen, die Kritik des Kolonialismus und die Ökologie der Pflanzen: Denn er beschreibt nicht nur, wie die Eingeborenen sich den gefährlichen Baumsaft zunutze machen, um die verhassten Holländer mit Giftpfeilen zu bekämpfen, er weist auch nach, dass der Baum nur deshalb so tödlich wirkt, weil die Umgebung so lebensfeindlich ist und er sich an die karge Umwelt anpassen muss.

Sein letzter Text, geschrieben kurz vor seinem Tod, ist ein amüsantes Kleinod, ein launiger "Ruf um Hülfe": Er bittet darin die Leser, ihn nicht weiter mit Autogramm-Wünschen und Gutachter-Anfragen zu überhäufen und auch nicht mit "Anerbietungen, mich häuslich zu pflegen, zu zerstreuen und zu erheitern". Er wolle seine wenige verbleibende Zeit lieber der Korrespondenz und der Arbeit am "Kosmos" widmen.

Echt überraschend ist das Prosa-Stück "Die Lebenskraft", das literarische Debüt von 1795, veröffentlicht in den "Horen", der von Friedrich Schiller herausgegebenen Zeitschrift, bei der auch Goethe, Fichte und andere Geistesgrößen ihre Texte veröffentlichten. Es ist ein allegorisches Grübeln über belebte und unbelebte Natur, organische und anorganische Welt, und wie Gleiches mit Gleichem zur Vereinigung strebt.

Mit dem Wissen von heute aus betrachtet kann man den Text auch biografisch deuten, ihn als versteckte Selbstauskunft und als Coming out des homosexuellen Humboldt lesen.

Appetithappen und Auftakt

"Der andere Kosmos" ist Appetithappen und Auftakt zu einer – pünktlich zum 250. Geburtstag im September – erscheinenden Sammlung sämtlicher Schriften: Die Herausgeber Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich haben alle verstreuten Schriften, Essays, Artikel, die überall in der Welt erschienen sind, vor dem Vergessen gerettet und in zehn Bänden versammelt.

6.320 Seiten Humboldt: Über 800 Texte, publiziert in 1.240 Medien, veröffentlicht in 440 Orten: die Humboldt-Forschung dürfte damit um einiges reicher werden. Vielleicht könnte man ja, solange das Humboldt-Forum noch leer ist, dort an jedem Abend auf der Baustelle ein, zwei Stunden kostenfrei aus diesen Texten vorlesen lassen.

Dann könnten die Menschen, die mit der fantasielosen Schloss-Rekonstruktion fremdeln, sich wenigstens mit Humboldt, mit seinen grandiosen Werken und seinem genialen Wirken schon mal ein bisschen anfreunden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Bodo V. Hechelhammer: Spion ohne Grenzen; Montage: rbbKultur
Piper

Sachbuch - Bodo V. Hechelhammer: "Spion ohne Grenzen"

Heinz Felfe war bis 1945 als SS-Obersturmführer im Sicherheitsdienst tätig, unterwanderte danach als V-Mann von MI6 und dem Vorläufer des BND kommunistische Organisationen, um sich 1951 vom KGB anwerben zu lassen. In "Spion ohne Grenzen" widmet sich der Historiker Bodo V. Hechelhammer der Geschichte des "Maulwurfs" Heinz Felfe.

Bewertung:
Alexander von Humboldt: Sämtliche Schriften; Montage: rbbKultur
dtv

Sachbuch - Alexander von Humboldt: "Sämtliche Schriften"

Seit Monaten werden unzählige Veranstaltungen abgehalten, um Leben, Werk und Wirkung des Weltreisenden und Welterklärers, des Abenteuers und Aufklärers einzukreisen und zu bestimmen. Dass das Humboldt Forum nicht rechtzeitig fertig wurde: geschenkt. Umso freudiger können wir vermelden, dass eine auf zehn Bände angewachsene Ausgabe von Humboldts "Sämtlichen Schriften" pünktlich zum Geburtstag die Buchläden erreicht hat.

Bewertung:
Buchcover: "Petit Piment"
Seuil

Sachbuch - Alain Mabanckou: "Petit Piment"

Petit Piment heißt der kindliche Held, dessen Geschichte Alain Mabanckou in dieser grandiosen Fabel erzählt. Seine Perspektive ist einfach - und doch spiegelt sich in ihr die Geschichte des Landes, in dem er lebt: der Republik Kongo.

Bewertung: