Cover Fotoband Katharina Zeitler © Kehrer Verlag
Bild: Kehrer Verlag

Bildband - "If you can dream it, you can do it"

Bewertung:

Frank Dietschreit stellt zwei Fotobücher vor: den Bildband "If you can dream it, you can do it", in dem es um Tanz, Musik und Bewegung geht - und das Buch von Erik Östensson ohne Titel, das ein Bilder-Rätsel ist und ein surrealistisches Spiel.

 

Manche Fotografen, wie der jetzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Sebastiao Salgado, zeigen das soziale Elend und die Schönheit der vom Menschen bedrohten Natur. Andere, wie der aus einer Schauspiel-Dynastie stammende Fotograf Andreas Mühe, steigen hinab in die Familienhölle und zeigen uns ihre ganze fürchterliche "Mischpoke". Zeitgenössische Fotografie kann vieles, aber kann sie auch Träume zum Leben erwecken und in Bildern festhalten?

Die Melancholie magischer Momente

"If you can dream it, you can do it" nennt Anna Katharina Zeitler ihren Foto-Band: Es geht um Bewegung, Tanz und Musik, das Gefühl, ständig unterwegs sein zu müssen, um sich selbst und die Welt wahrnehmen, erfahren und verstehen zu können. Es geht in ihren fotografischen Träumen um die Poesie von Bilder-Reisen und um die Melancholie magischer Momente, die einem widerfahren, die man sich aber oft nicht erklären kann, durch die man hindurchgeht wie durch einen mal schönen, mal bösen Traum, aus dem man als ein anderer Mensch - hoffentlich - wieder erwacht.

Anna Katharina Zeitler ist ausgebildete Tänzerin und ausgebildete Fotografin und bereist ständig die ganze Welt, ihre Fotos sind dem Zufall geschuldet, sie sucht nicht das besondere, das ausgefallene und überraschende Motiv, sondern findet ihre Bilder und Träume wie zufällig am Wegesrand. Sie arrangiert und inszeniert nichts, sucht nicht nach dem besonderen Licht und der überraschenden Perspektive, sondern drückt einfach auf den Auslöser ihrer Kamera und erlebt das Fotografieren als etwas Tänzerisches, Musikalisches, Allgegenwärtiges, Zeitloses: Sie verrät deshalb auch nicht, wann und wo sie ihre Fotos aufgenommen hat, aber sie gibt jedem Foto einen Titel, der so klingt als habe sie einen Song im Kopf und arbeite eine Art "Playlist" ihrer Lieblingslieder ab.

Die Kamera schaut in einen Tunnel

Ein Bild hat z. B. den Titel "Rooftop Paradise", nach einem Song der Gruppe "Weval", auf dem teilweise unscharfen Foto, das vielleicht von einem fahrenden Auto aus und aus verrenkter Körperhaltung aufgenommen wurde, sieht man sehr viel blauen Himmel und das Dach eines Wohnhauses, hinter dem sich (da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt) vielleicht die wildesten und verrücktesten Geschichten abspielen. Ein anderes Foto heißt "I am lost" und könnte sich auf einen Song der Gruppe "Tears for Fears" beziehen, auf dem dazugehörigen Bild sieht man ein kleines müdes Mädchen auf einem Spielplatz, das sich auf einer steinernen Tischtennis-Platte ausruht und kurz davor scheint, ins Reich der Träume wegzudriften.

Ein Bild heißt "Into the Night", vielleicht nach einem Lied von "Santana", die Kamera schaut in einen gruseligen dunklen Tunnel hinein, an dessen Ende ein kleines funzeliges Licht die Hoffnung weckt, dass es einen Ausweg aus diesem Alp-Traum geben könnte. Auf dem Foto "No music to play" (keine Ahnung, auf welches Lied oder welche Band sich das bezieht) sieht man eine abwesend ins Leere blickende Drummerin, die sich nach getaner Arbeit, umgeben von ihren Trommeln und Becken, erschöpft gegen eine Wand lehnt und nichts mehr sehen und hören will.

Poetisch und hoffnungsfroh

Beim letzten Foto des Buches, "Road movie", denkt man unwillkürlich an Filme von Wim Wenders, vielleicht an "Paris, Texas", aber dann sieht man auf dem Bild nicht unendliche Weite und Sinn-Sucher, die mit Jack Kerouac "Unterwegs" nach Nirgendwo sind, sondern wir sehen eine dieser lustlos auf die Wiese geknallten und genormten Vorstadt-Siedlungen, alles ist noch unfertig, überall liegen Bau-Reste herum, aber auf der Straße spielen kleine Kinder und freuen sich ihres Lebens: An den Kindern prallt der Irrsinn des Alltags einfach ab. Das ist sehr poetisch und sehr hoffnungsfroh.  

Erik Östenssons Buch als Bilder-Rätsel

Das Foto-Buch von Erik Östensson ist dagegen ein einziges Bilder-Rätsel, ein großes Kunst-Geheimnis, ein Labyrinth der Seh-Gewohnheiten, ein surrealistisches Spiel, das die Wirklichkeit aufhebt und sie in einem völlig neuem Licht zeigt und mit ganz anderen Bedeutungen versieht. Es ist ein Buch der absoluten Reduktion und ästhetischen Kargheit: Weder auf dem Cover noch im Buch selbst gibt es irgendeinen Hinweis auf den Künstler oder seine Fotos, kein Titel, kein Text, kein Wort: nichts & nirgends.

Man schlägt das Buch auf, blättert neugierig die ersten Seiten aus Silberpapier auf und ist dann plötzlich in einem seltsamen Bilder-Rätsel gefangen, das einen die Welt, so wie wir sie sehen und zu kennen glauben, als einen verwirrenden Traum zeigt. Man ahnt irgendwie, dass die Bilder des schwedischen Fotografen, die täuschend echt erscheinen und doch vollkommen konstruiert und szenisch arrangiert sind, eine Art Versuchsanordnung darstellen, um die Beziehung von Mensch und Natur, von Objekt und Landschaft näher zu untersuchen, man ahnt es, man weiß aber nicht genau, was uns die Fotos wirklich zeigen und wie wir aus dem Traum wieder erwachen können.  

Verdoppelt, verschattet oder verspiegelt

Auf einem Bild sehen wir z. B. jemanden, der auf der Straße vor einem großen schwarzen Loch hockt und mit einer Hand tief in den Asphalt und in den Abgrund hineingreift: Woher das seltsame Loch kommt und was sich unter dem Asphalt befindet, das weiß man aber nicht. Auf einem anderen Bild sieht man den kärglichen Rest eines aus dem Waldboden emporwachsenden Baumes, eine dünne Birke, auf dessen abgesägten Stumpf eine archaischer dunkler Stein liegt, gegen die Schwerkraft arbeitet und dem ganzen Ensemble eine unerklärliche mystische Wirkung gibt.

Einmal sehen wir auf einer Wald-Lichtung eine blutrote Bretterbude, ohne Fenster und Türen und ohne jeden Sinn steht sie einfach da und gibt uns und der Natur Rätsel auf. Ein anderes Mal hat der Fotograf einen weißen Zettel an die Wand geklebt, auf dem irgendetwas geschrieben steht: Wir können es aber nicht lesen und entziffern, weil wir nur die Rückseite des Zettels sehen und die Schrift gegen die Wand gepresst ist. Einmal sticht ein nackter Finger durch ein Papierstück hindurch, ein anderes Mal spiegelt sich eine Hand in einem Wasserglas; einmal sehen wir das schattige Gesicht des Fotografen, das sich in einer Wasserschüssel spiegelt, ein anderes mal sehen wir Beine und Füße, die einen Schatten auf die Wasseroberfläche eines Teiches werfen.

Ständig ist etwas verdoppelt, verschattet und verspiegelt, jemand greift ins Leere und irgendetwas türmt sich zu schiefen und sinnlosen Gebilden auf. Auf dem letzten Bild erwartet uns - umgeben von tiefster Schwärze - ein grelles, weißes Licht, vielleicht der Mond, vielleicht der Ausweg aus einem Foto-Gefängnis, vielleicht der Anfang oder das Ende eines Traums, der uns immer unerklärlich bleiben wird.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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