Johann Karl Wezel: Herrmann und Ulrike © Die Andere Bibliothek
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Roman - Johann Karl Wezel: "Herrmann und Ulrike"

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"Der beste deutsche Roman, der mir jemals vor Augen gekommen", das sagte Christoph Martin Wieland - selbst ein hochbedeutender Autor - 1780 über "Herrmann und Ulrike". Einen komischen Roman seines Zeitgenossen Johann Karl Wezel. Der ist heute fast vergessen ...

Im Jahr 1819, vor zweihundert Jahren, starb der Schriftsteller und Pädagoge Johann Karl Wezel. Einflussreiche Mentoren wie Wieland und Gellert hatten den jungen, aufstrebenden Dichter einst gefördert. Doch Wezel war ein schwieriger Mensch und hatte das Talent, auch Leute, die ihm wohlgesonnen waren, gegen sich aufzubringen. Nach nur fünfzehn produktiven Jahren lebte er jahrzehntelang in geistiger Verwirrung; bei seinem Tod war der Einundsiebzigjährige fast völlig vergessen. Jetzt hat die Andere Bibliothek eines seiner Hauptwerke in zwei schön gestalteten Bänden neu aufgelegt: "Herrmann und Ulrike" heißt das Buch, das zuerst im Jahr 1780 erschien, und der Untertitel lautet "Ein komischer Roman".

Nein, Wezel muss man nicht kennen – aber man sollte. Er hat mit "Herrmann und Ulrike" einen der besten und auch heute noch lesbarsten deutschen Romane des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben.

Es ist bedauerlich und völlig unverständlich, dass er damit seit fast zweihundertfünfzig Jahren ein Geheimtipp geblieben ist. Denn "Herrmann und Ulrike" ist ein großer Lesespaß, eine Mischung aus Liebesroman, Schelmenroman und Entwicklungsroman. Ein Buch, das den Leser – sofern er ein bisschen Geduld und Aufgeschlossenheit mitbringt – von der ersten bis zur letzten Seite prächtig unterhält. Also immerhin achthundert Seiten lang.

Sonnenkönigtum im Lilliput-Format

Die Hauptfiguren der Liebesgeschichte markiert bereits der Titel. Herrmann ist der Sohn einfacher Bürger in einer kleinen deutschen Grafschaft. Schon als kleiner Junge fällt er durch Schlagfertigkeit und Charisma auf. So wird die Gräfin auf ihn aufmerksam und holt ihn als willkommene Zerstreuung an den Hof.

Dieser Hof ist eine ganz wunderbare Versailles-Travestie, ein Sonnenkönigtum im Lilliput-Format, das Wezel mit viel Sinn für Ironie und verrutschte Größe schildert. Vor allem der Graf selbst ist in seiner pompös-gravitätischen Art ein Musterbeispiel für die deutsche Kleinstaaterei jener Zeit. (Wezel hat den Bonsai-Staat nach dem Vorbild seines Heimatortes Sondershausen in Thüringen geformt: kaum mehr als 2000 Seelen und ein Herrscher in goldener Kutsche.) 

Bildung des Herzens und des Charakters

Die Gräfin verliert alsbald das Interesse an Herrmann, denn je älter dieser wird, desto weniger eignet er sich zum Maskottchen. Er darf jedoch am Hof bleiben und hat das Glück, einen verständnisvollen Lehrer zu finden – einen jungen, klugen Mann, der dem Knaben nicht einfach Wissen eintrichtert, sondern dessen individuelle Anlagen entwickeln will. Hier zeigt sich Wezel als Aufklärer, der Bildung als umfassende Formung des Charakters versteht. Und er weiß, wovon er spricht: Er selbst kam aus kleinen Verhältnissen und wurde nach einem abgebrochenen Theologiestudium Hauslehrer bei Fürsten. Sein pädagogisches Interesse zeigt sich auch darin, dass er eine der vielen Kinderfassungen des "Robinson Crusoe" schrieb.

Fehlt zum Liebesroman noch die bessere Hälfte: Ulrike ist die Nichte des kinderlosen Grafen, eine Baronesse. Auch sie, ein Jahr älter als der bürgerliche Herrmann, wird am Hof erzogen. Kein Zweifel, mit ihr ist Wezel eine schöne, differenzierte Frauenfigur gelungen.

Eine eigensinnige Baronesse

Ulrike ist eigensinnig, manchmal schwärmerisch, manchmal nahezu emanzipiert. Als sie sich in Herrmann verliebt, sind ihr die Standesunterschiede zwischen den beiden zutiefst gleichgültig. Ganz anders verhält es sich mit den Hofschranzen um sie herum: Nach Kräften wirken sie darauf ein, dass Herrmann und Ulrike nicht zueinanderkommen.  

Uns Heutige könnten solche Standesunterschiede ähnlich kalt lassen wie einst Ulrike. Doch „Herrmann und Ulrike“ ist alles andere als ein historisch gewordenes Vergnügen. Denn natürlich geht es nicht nur um Gesellschaftsverhältnisse, sondern auch und vor allem um menschliche Gefühle.

Eine große Stärke des Buches ist der feine, analytische Blick, den Wezel auf das Entstehen und Sich-Wandeln von Empfindungen wirft, hier vor allem im Wechselspiel der beiden Hauptfiguren, die es immer wieder auseinandertreibt und dann doch zusammenführt – eine echte On-Off-Beziehung.

Ein früher Realist, elegant ediert.

Aber nicht immer herrscht eitel Feinsinn, im Gegenteil. In Wezels ästhetischer Theorie speist sich die Kunst des Romans gleichermaßen aus der Biografie und dem Lustspiel, und das merkt man. Immer, wenn es ein paar Seiten lang subtil zugegangen ist, wird es wieder derb und herzhaft.

Wezel verfügt über eine kräftig zupackende, klare Sprache, und er hat unbändigen Spaß an komischen, lebenssatten Situationen. In einer bunten Abfolge liebevoll ausgemalter Szenen folgt er Herrmann und Ulrike durch die Jahrzehnte, durch mehrere Metropolen und verschiedene Entwicklungsstadien ihrer Zuneigung. Schließlich wird Herrmann, der als Untertan begann, selbst zum Herrscher – doch nach bürgerlicher Manier, als Regierungsrat. Keine Frage: ein neues Zeitalter kündigt sich an.    

Wer diesen Roman liest, mag kaum glauben, dass Wezel, der frühe literarische Realist, in seiner zweiten Lebenshälfte den Draht zur Realität verlor. Aber wir Leser haben Glück: In „Herrmann und Ulrike“ lebt er in seinen besten Eigenschaften fort. Die elegante zweibändige Neuedition mit einem passionierten und kundigen Nachwort des Wezel-Spezialisten Wolfgang Hörner sorgt dafür, dass man der Wezelei jetzt endlich wieder stilvoll frönen kann.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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