Ralf-Olivier Schwarz: Jacques Offenbach © Böhlau
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Ein europäisches Porträt - Ralf-Olivier Schwarz: Jacques Offenbach

Bewertung:

Eine neue Offenbach-Biografie zum Offenbach-Geburtstag mit einem gelungenen Blick auf den europäischen Gedanken in der Vita und im Werk des "Erfinders" der Operette.

 

Immer noch ist vom Leben und Werk von Jacques Offenbach vieles allzu einseitig bekannt. Offenbach, als gewissermaßen Erfinder dessen, was dann zur Operette wurde.

Zwar hat es auch schon vor vielen Jahrzehnten mit Siegfried Kracauers bahnbrechender Biografie eine Einordnung in das kulturelle Leben von Paris gegeben. Vieles aber auch davon kann man erst wirklich verstehen, wenn man die Herkunft des Komponisten nicht nur, wie viele Biographen, beschreibt, sondern sich auch klarmacht, wie zentral das für Offenbachs spätere Erfolge wurde.

Keine "Fledermaus" ohne Offenbach

Ralf-Olivier Schwarz nennt seine Biografie im Untertitel "Ein europäisches Porträt". So blickt er nicht nur auf Frankreich bzw. Paris, sondern analysiert auch die Herkunft des Komponisten, so die politische Entwicklung in Köln und Umgebung, daneben auch die jüdische Kultur, die Offenbach als Sohn eines Kantors der Kölner jüdischen Gemeinde, mitbekommen hat. Auch Offenbach als Vorbild mit seinen Werken in Europa spielt eine Rolle. Die Wiener Operette – Strauß‘ "Fledermaus!" – hätte es ohne ihn nie gegeben, auch nicht etwa die Zarzuela in Spanien.

Der Autor geht weitgehend chronologisch vor, geht aber über eine reine Lebensbeschreibung weit hinaus. Eine wichtige Rolle spielen die Zeitumstände als Hintergrund, darunter die Ressentiments zwischen Frankreich und Deutschland, exemplarisch verdeutlicht in einem Exkurs im Gegensatz des Satirischen und Tanzbetonten bei Offenbach gegen das Ernste und die philosophische Durchdringung bei Wagner. Auch das betont den europäischen Ansatz des Buches.

Gelbe Hose, grüner Hut

Auch der Mensch Offenbach ist Gegenstand dieser Biografie. Das ist nicht so selbstverständlich und einfach, wie es scheint. Denn Offenbach war zu seiner erfolgreichen Zeit ein wirklicher Prominenter und so im Fokus der Öffentlichkeit. Ein Zeitgenosse schrieb einmal, der Komponist könne nicht einen Schritt gehen, ohne dass gleich drei Dutzend Zeitungen darüber berichten würden. Offenbach hat sich auf alles das eingestellt und das Spiel mitgemacht. Beispiel: exzentrische Mode mit gelber Hose, himmelblauem Sakko und grünem Hut plus Pfauenfeder.

Daneben war Jacques Offenbach auch Lieferant zahlloser Anekdoten oder von Klatsch und Tratsch. Was aber auch deutlich wird: Er war ein Familienmensch, der sich auch in Zeiten größter Hektik dafür den Raum nahm. Ebenso hat er streng auf seine Figur geachtet, nie mehr als fünfzig Kilo gewogen und vergleichsweise wenig gegessen, vor allem: immer das gleich: Rührei, Weißbrot, Lammkotelett, Kartoffeln und Obst.

Biene wird Fliege

Mit Offenbachs großen Werken geht Ralf-Olivier Schwarz erfreulich ganzheitlich um, blickt auf die Umstände der Entstehung und liefert kurze, sehr brillant geschriebene Inhaltsangaben, manchmal nur wenige Sätze, aber man weiß sofort, worum es geht. Der Autor analysiert die Anspielungen musikalischer oder gesellschaftlicher Art.

Man erfährt, dass Offenbachs großer Durchbruch "Orpheus in der Unterwelt" möglicherweise sogar ein Sujet aus dem Kölner Karneval verarbeitet – aber natürlich dann ganz auf die Pariser Verhältnisse umgearbeitet. Die Figur des Jupiter spielt auf Napoleon III. an, und wenn er sich in eine Stubenfliege verwandelt, dann in Anspielung darauf, dass das dynastische Emblem im Kaiserreich von Napoleon III. eine Biene war. Sicher wusste man manches schon vorher, aber im Detail liefert das Buch zahlreiche Neue im Detail.

Verständlich und kurzweilig

Der Autor verzichtet auf seitenlange musikalische Analysen und Beschreibungen der Werke, wie in vielen anderen Biografien, die man am besten mit Partitur durchgeht. Das gibt es hier alles nicht, und das macht das Buch auch für den interessierten Laien gut lesbar.

Dennoch geht auch Rolf-Olivier Schwarz in seiner Biografie ins Detail, beschreibt etwa zu Offenbachs unvollendet hinterlassener Oper "Hoffmanns Erzählungen", wie schwer es war, aus dem hinterlassenen Material nach dem Tod des Komponisten eine seriöse Fassung zu erstellen. Offenbachs Verleger gab insgesamt sieben Klavierauszüge, fünf Textbücher und zwei Partituren des Werkes heraus. Die waren allerdings untereinander widersprüchlich und hatten mit Offenbachs eigentlicher Idee des Werkes alle nicht viel gemein.

Insgesamt ein gut verständliches und auch kurzweilig zu lesendes Buch.

Andreas Göbel, rbbKultur

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