Cover: Simon Strauss: Römische Tage
Klett-Cotta Verlag/ Simon Strauss
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Roman - Simon Strauß "Römische Tage"

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Er kam exakt zweihunderteinunddreißig Jahre und acht Monate nach Goethe. So steht es gleich im zweiten Satz. Damit ist der Maßstab gesetzt, und auch das Selbstbewusstsein, aus dem heraus Simon Strauß auf sich und die Welt blickt, dürfte hinreichend klar geworden sein. Da kann er es sich auch leisten, charmant zuzugeben, Goethes "Italienische Reise" nie gelesen zu haben, nun aber, beim ersten Versuch, zu behaupten, dass er sie "wiederlese".

"Aufzählung, Imitation, Verschwendung"

Zwei Monate verbrachte Strauß auf Einladung der Casa di Goethe in Rom. Aus diesem Aufenthalt ist das Büchlein "Römische Tage" entstanden. Es liest sich wie die Reisereportage eines Kulturkorrespondenten fürs gehobene Feuilleton, und genau da ist Strauß – im Hauptberuf Theaterredakteur der FAZ – ja auch aufgehoben.

Er besucht die deutsche Botschaft, einen Kardinal, den Direktor der Hertziana, die schrille Geburtstagsparty eines Messerwerfers, ein Flüchtlingslager, verliebt sich ein wenig in eine schöne Frau mit einem Leberfleck auf der Wange, und streift durch die Stadt, immer auf der Suche nach dem Schönen in Kunst und Architektur, während Hitze, Gestank, Lärm und Armut ihm zusetzen. Rom, das ist "Aufzählung, Imitation, Verschwendung", schreibt er, um mit Goethe darüber zu sinnieren, dass sich hier "das Alte neu denken" lasse. "Wo, wenn nicht hier, könnte das gelingen?"

Simon Strauß als Buchautor

Mit seinem Debüt "Sieben Nächte" hat Strauß vor zwei Jahren einigen Wirbel hervorgerufen. Das Buch brachte ihn in den Ruf, ein zorniger junger Mann zu sein, der den Gegenwartsekel und die Zivilisationskritik seines Vaters Botho Strauß übernommen, jedoch mit Feuer im Herzen angereichert habe und sich inmitten der Lauheit und Sattheit der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft nach dem Echten, Wahren, Dringlichen sehne. Dass man Strauß mit dieser romantischer Sehnsucht in die neurechte Ecke stellte, war sicher verkehrt, denn mit rechts oder links hat sein Unwohlsein wenig zu tun.

Die ewige Stadt erblickt von tausendenden Augen

"Römische Tage" ist von derselben Grundstimmung getragen, hat aber einen Ort gefunden, an dem das Ewige ebenso zu spüren ist wie die morbide Dekadenz der Schönheit. "Rom und der Tod, ist das nicht das eigentliche Liebespaar?" Hier gehört das Ungleichzeitige zusammen, existieren die Epochen nebeneinander, so dass auch der Autor sich fragt: "In welche Zeit gehöre ich? Welche Zeiten leben in mir?" Weil es immer auch und vor allem um ihn selbst geht, um das fragile, selbstverliebte Subjekt, ist der Text dann doch mehr als bloß Feuilleton. Simon Strauß leidet darunter, dass in der ewigen Stadt alle Winkel und Gebäude und alle Schönheit längst betrachtet sind. Tausende von Augen haben sie schon vor ihm erblickt, so dass er sich in seiner narzisstischen Einzigartigkeit gehörig auf die Probe gestellt sieht. Dazu kommen halb wirkliche, halb eingebildete Herzattacken, die ihn mehr als einmal zu Ärzten und ins Krankenhaus führen, die aber gleichwohl auch symbolisch zu verstehen sind: Es ist der Schmerz der Welt, die Todesgegenwart, die in diesem Autor rumort. Was könnte schlimmer sein, als die eigene Sterblichkeit?

Wissen, Wahrheit und der Augenblick

Weltschmerz und Selbstliebe sind die Antriebeskräfte dieser elegischen Prosa, die sich ein wenig zu sehr in der römischen Dekadenz suhlt, gleichwohl aber in der Lage ist, sehr viel an Wissen und Wahrheit und Augenblick aufzunehmen und mit sich zu tragen. Die Dringlichkeit, mit der Strauß nach einer Wirklichkeit jenseits des bloßen Getriebes sucht, nach etwas, woran sich glauben ließe, ist geeignet, die Banalitäten und Zumutungen des Alttags zu verwandeln oder zumindest zu ertragen.

Europa - Ein Senatorium für betrogene Herzen

Das gilt im Übrigen auch politisch, wenn Strauß sich im Gespräch mit europaskeptischen Italienern zu einem Verteidiger der europäischen Idee aufschwingt. "Schwärme von Europa als alter Traumfabrik mit dem sechsten Zeh, die Hoffnung auf eine höhere Ordnung macht, zusammenhält, was unter der Hand zu zersplittern droht. (...) Und dann nenne ich Europa noch ein Sanatorium für betrogene Herzen. 'Seelenreinigung' stünde über dem Tor, 'Wiederverzauberung' am Klingelschild." Genau das versucht Strauß mit seiner Prosa im kleinen Maßstab. Es ist leicht, sich über ihn als Seelenreiniger und Wiederverzauberer zu mokieren. Aber mal ganz ehrlich: Ist es nicht genau das, was unserer Gegenwart fehlt?

Jörg Magenau, rbbKultur

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