Anna Enquist: Denn es will Abend werden; Montage: rbbKultur
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Roman - Anna Enquist: "Denn es will Abend werden"

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Erst mit Mitte Vierzig begann die niederländische Schriftstellerin Anna Enquist das Bücherschreiben. Zuvor hat sie als Psychoanalytikerin praktiziert und auch eine Ausbildung zur Konzertpianistin absolviert.

Heute, dreißig Jahre später, sind in den Niederlanden mehr als dreißig Romane und Gedichtbände von ihr erschienen. Knapp zehn Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt. Nun liegt ihr neues Buch "Denn es will Abend werden" auf Deutsch vor.

Zwei Themen charakterisieren die Bücher von Anna Enquist: klassische Musik und Trauer. Ihr Hintergrund als ausgebildete Berufsmusikerin klingt in vielen ihrer Romane an, und auch aus ihrer Beschäftigung mit der Trauer spricht intensive biografische Erfahrung: Vor rund zwanzig Jahren verlor sie ihre erwachsene Tochter bei einem Verkehrsunfall.

In ihrem Roman "Kontrapunkt", erschienen im Jahr 2008, blieb sie nah dran am eigenen Erleben. Das Buch handelte von einer Pianistin, die ihre Tochter verlor. Enquists Stil kam ohne Rührseligkeit und ohne Pathos aus. Er war unaufgeregt und durch einen fast schon lapidaren Alltagsjargon charakterisiert. Dieser Ton macht bei Anna Enquist die Musik, er ist ein Markenzeichen ihrer Bücher.

Seelische und körperliche Blessuren

Das ist auch in "Denn es will Abend werden" der Fall – und in dem Roman davor. Wie es sich trifft, ist das neue Buch eine Fortsetzung des Vorgängers „Streichquartett“. Zwei nicht mehr ganz junge Ehepaare trafen sich dort regelmäßig auf einem Hausboot in Amsterdam zum Musizieren.

Alle vier waren vom Leben ein wenig zerzaust und gezeichnet, andererseits aber auch gut situiert: anspruchsvolle Bildungsbürger ohne finanzielle Sorgen, die viel Zeit haben, sich mit ihrem Seelenleben zu beschäftigen. Typisches Enquist-Personal traf auf Goethes "Wahlverwandtschaften".

Der Roman endete wenig klassisch und allzu knallig: Das Hausboot flog bei einem deplatziert wirkenden Thrillerfinale in die Luft. Mit den teils seelischen, teils körperlichen Blessuren, die sie davongetragen haben, starten die vier Freunde nun in das neue Buch. Es zeigt sich bald, dass Freundschaft und Liebe etwas sind, dass nach einer solchen Katastrophe mühsam wiedererrungen werden muss.

Die Sache mit dem kleinen Finger

Carolien heißt die Figur, die der Autorin am nächsten zu sein scheint. Sie ist Ärztin und eine begabte Cellospielerin. Seit dem Unfall ist ihr die Freude an der Musik vergällt. Auch in ihrem Beruf sieht sie keinen Sinn mehr, sie kündigt ihre Stelle.

Bemerkenswert ist, dass Caroliens Krise durch eine eigentlich geringfügig wirkende Blessur markiert wird: Sie hat bei der Explosion den kleinen Finger der rechten Hand verloren. Doch so klein der Finger auch sein mag – ihr Körpergefühl, ihr Selbstwertgefühl stehen seitdem auf der Kippe.

Für die Außenwelt sind Trauerprozesse oft schwer nachzuvollziehen. Gerade deshalb ist die Sache mit dem kleinen Finger ein guter Einfall. Als Leser möchte man Carolien am liebsten zurufen: Nur Mut, so schlimm ist es doch gar nicht! Aber genau das ist das Dilemma mit der Trauer: Niemand kann voraussehen, wie lange sie dauert, niemand weiß, wie nichtig oder wie wichtig ihr Auslöser für die betroffene Person ist. Trauer nervt.

Häppchenweise Vorgeschichte

Das gilt in diesem Fall auch für den Ehemann. Der leidet zwar ebenfalls unter dem Unglück, hat seitdem Angstzustände und Beklemmungen, wirft seiner Frau aber vor, nicht schnell genug in die Normalität zurückzufinden. Im Verlauf des Buches wächst sich dieses Unverständnis zu einer veritablen Ehekrise aus: Er guckt nach vorn und kann deshalb die Vergangenheit nicht verarbeiten; sie steckt in der Vergangenheit fest und findet daher den Weg in die Zukunft nicht.

Zwar behauptet der Verlag, dass das Buch für sich stehen könne, doch das ist nicht ganz richtig. Immer wieder findet die Vorgeschichte häppchenweise Eingang in den Text. Ganz leicht ist dieser Balanceakt nicht. Einerseits müssen die Erklärungen ausführlich genug sein, um neue Leser ins Bild zu setzen, andererseits dürfen sie nicht so detailliert sein, dass jene, die schon das erste Buch lasen, sich gelangweilt fühlen. Die Geschichte strampelt sich deshalb nur langsam frei und wirkt immer ein wenig unauserzählt.

Auch Dichter haben Lieblingskinder

Interessant wird es, als Carolien in der zweiten Buchhälfte zu einer längeren Reise durch China aufbricht. Dort hat sie dann zwar eine Affäre mit einem amerikanischen Kinderarzt, aber eigentlich scheint die Autorin mehr an den rapiden Entwicklungen in Shanghai und Peking interessiert zu sein als am Fortgang der Liebschaft. Bildhafte und prägnante Eindrücke kennzeichnen diesen vielleicht besten Teil des Romans.

Fast scheint es, als ob Anna Enquist ein Reisebuch schreiben wollte und sich mit Carolien dann einfach einer schon vorhandenen Figur bedient hat, die ihr ans Herz gewachsen ist. Auch Schriftsteller haben Lieblingskinder. Andererseits rief der Cliffhanger aus "Streichquartett" nach einer Auflösung.

Trotz einiger Schwächen ist dies ein lesenswertes Buch. Es überzeugt durch die gelassene Art, mit der die Autorin komplexe Emotionen schildert und beiläufig kluge Reflexionen und Beobachtungen einstreut. Daran ist nichts welterschütternd Neues. Aber reife Literatur für reife Menschen ist es allemal.

Steffen Jacobs, rbbKultur

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